China und ich haben uns wieder gefunden. Und zwar genau zu einem Zeitpunkt, zu dem er mich echt beschissen behandelt hat. Was sagt das über unsere Beziehung? Vor dieser Frage verschließe ich jetzt in guter China-Manier Augen, Ohren und Mund. Die Beziehung ist stabil und wird es genau so lange bleiben, wie ich in dieser Geste verharre.
China ist eine Achterbahn. Das einzig Beständige ist der Wechsel aus Auf und Ab. Seit ich im Februar wieder her gekommen bin, war es ein wenig Auf und viel Ab, das sich ganz Allgemein im unteren Viertel der Gefühlsskala abgespielt hat. Gerade hat man es geschafft, sich an der Magnolienblüte auf dem ansonsten zubetonierten Unicampus zu erfreuen, nur um dann die Putzfrau dabei zu beobachten, wie sie ihren Wischmopp im Klo wäscht (s. Fotos). Haha, witzig? Nicht, wenn man so was jeden Tag hat.
Und dann kam vor zwei Wochen die Hiobsbotschaft: Wir müssen umziehen. Raus aus „meiner“ Wohnung, meinem sicheren Hafen, meinem Zufluchtsort. Die Vermieterin will die Wohnung selbst nutzen. Fest stand gleich, dass wir hier im Compound, der Haier Green City (Grün ist zwar nur das Kleeblatt im Logo, aber naja…), bleiben wollen. Wir haben genug andere Wohnungen gesehen um zu wissen, dass man besser in Jinan nicht wohnen kann. Und da sicher ein Drittel der geschätzten 3000 Apartments noch frei ist, müsste da ja was zu machen sein. Das einzige Problem: Schimmel. In fast allen Wohnungen – außer unserer. In diesen Häusern ist zwar tonnenweise Marmor verbaut, aber die paar Tage, das Mauerwerk ordentlich trocknen zu lassen, hätten damals, 2009, offenbar das Budget gesprengt.
Die chinesische Art, damit umzugehen? Tapete runter, eine weitere Schicht Putz auf den Schimmel, Tapete wieder drauf. Warum müsst ihr komischen Ausländer auch immer so kleinlich sein? Seht ihr den Schimmel vielleicht noch? Also. Die „Lösung“ ist jetzt eine Wohnung, die meiner Bekannten Wang Ning gehört (meine Akupunktur-Ärztin). Leider ist sie ein bisschen kleiner, nicht so hell, nicht so hoch oben und auch weiter hinten im Compound (also weiter weg von Taxis etc), aber was soll’s. Mit Wang Ning kann man wenigstens reden, wenn es um ordentliche Reparaturen geht. Und sie findet deutsche Mieter super, da hatte sie schon mal einen. Die sind so sauber und machen nichts kaputt. Ach ja, und Inder stinken und Koreaner sind von Natur aus dreckig. Wenn alles klappt, wird in zwei Wochen umgezogen. Wenn.
Umziehen ist ein Albtraum, egal, wo auf der Welt. Und doch scheint es genau dieser Umzug zu sein, der mir meinen alten Kampfgeist, meine alte Überzeugung, meine alte Zielsetzung wieder gebracht hat. Warum? Vermutlich, weil ich so wieder gemerkt habe, wie sehr ich hier gebraucht werde.
Seit ich aus Deutschland zurück war, hatte ich ein Riesenproblem. Ich hatte die Antwort auf die Frage nach dem Warum vergessen. Warum tu’ ich mir das hier eigentlich an? Warum verzichte ich auf mein Leben? Warum atme ich die schlechte Luft, esse das vergiftete Essen, schlage mich mit den asozialen Chinesen herum? (Achtung: Erklärung zum Terminus „asozial“: s. u.) Die Antwort auf all diese Fragen wusste ich schon einmal, doch ich hatte sie vergessen.
Für Markus muss das furchtbar gewesen sein, denn er fühlte sich natürlich schuldig und versuchte krampfhaft, mir die Fragen zu beantworten. Nur: Das liegt in niemandes Hand außer der eigenen. Ihm blieb nichts übrig, als tatenlos zuzusehen und meine Wutausbrüche zu ertragen. Die richteten sich zwar nie gegen ihn – aber das wäre vielleicht sogar noch einfacher gewesen. Und dann kam dieser eine Moment. Der Xte Ausraster, Tränen, Zweifel, unterschwellige Vorwürfe. Geht gerade alles den Bach runter – oder ist es gar schon zu spät? Vielleicht doch lieber Fernbeziehung?
Und dann, ganz plötzlich, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, als ich ihn da vor mir sitzen sah, völlig verzweifelt und am Ende seiner Kräfte: Natürlich. Deswegen. Deswegen bin ich hier, deswegen atme ich auch giftige Luft: Weil ich meinen Mann über alles liebe und an unsere gemeinsame Zukunft glaube. Weil ich stark genug bin, mit mir selbst umzugehen, sogar hier und sogar ohne Job, der mir Bestätigung verschafft, ohne Familie und Freunde. Und da war es auch wieder, das Bild von uns in ein paar Jahren, irgendwo auf der Welt, wo es schön ist (vorzugsweise natürlich in Nürnberg), im Garten beim Grillen, Geschichten über diese krasse Zeit in China erzählend. Lachend. Kopfschüttelnd. Selbst im Rückblick noch staunend. Aber vor allem: stolz, das gemeinsam gemeistert zu haben.
Die Nachricht mit dem Umzug hat das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht – und mich aus dem Wachkoma gerissen. Kneifen gilt jetzt nicht mehr, jetzt heißt es, Zähne zusammenbeißen und an einem Strang ziehen. Und siehe da, es klappt. Sobald er dann wieder da ist, der Zielfokus, erträgt man auch Begebenheiten wie die Folgende. Und damit zu den asozialen Chinesen.
Heute morgen auf dem Weg zur Uni: Viel Verkehr, wie immer. Doch direkt vor mir wird es plötzlich selbst für hier chaotisch, Autos wechseln wie wild die Spur, hupen, bremsen abrupt. Mitten auf der vierspurigen Straße sitzt, mutterseelenallein auf einer stark befahrenen Kreuzung, eine Frau auf dem Boden, umgeben von kleineren Trümmern, den starren Blick in Richtung des heranrollenden Verkehrs. Ein paar Meter entfernt liegt ihre umgekippte Motor-Rikscha, wieder ein Stück weiter steht ein beschädigtes Auto. Die Frau scheint nicht schwer verletzt, aber zumindest unter Schock zu stehen, denn sie macht keine Anstalten, sich zu bewegen. Und was passiert? Genau. Nichts. Niemand macht Anstalten, sich ihr auch nur zu nähern, obwohl hunderte von Chinesen die Kreuzung bevölkern. Kein einziges Auto hält an. Der Fahrer vor mir hupt die Frau sogar noch an.
Ich bin fassungslos über diese Szenerie. Was tun? Aussteigen und helfen? Natürlich weiterfahren. Hundertmal haben wir schon über diese Situation gesprochen. Fass ja niemanden an, wenn du das tust, besonders als „reicher“ Ausländer, hängst du drin. Die Frau wird behaupten, es ging ihr bestens, bis du sie berührt hast. Und dann rollt der Rubel. Ich weiß es. Und fahre weiter. Und bin erschüttert über mich selbst. Will ich so sein? Nein. Aber es gibt nun mal viele Dinge hier, die müssen wir nehmen, wie sie sind. Meiyou Banfa, sagt der Chinese, kann man nichts machen.










