Skiprofis unter sich

Liebes Tagebuch,
Skifahren ist mir heilig. Es gibt dabei gewissen Grundsätze, die einfach unumstößlich sind. Man muss es nach bestimmten Regeln erlernen, man legt Wert auf seine Ausstattung, der Skitag selbst läuft nach einem immer gleichen, sehr, sehr lieb gewonnenen Ritual ab. Und es ist mit einer ganz bestimmten, feierlich-ehrfürchtige Geisteshaltung verbunden. Mein Freund China sieht das – erwartungsgemäß – ein bisschen anders. Und wesentlich pragmatischer.

Skifahren in China? Nun, dieses Land ist so groß, irgendwo hier gibt es sicher alles. So auch ein Skigebiet. Und zwar, sehr zu unserer Freude, nur eine gute Autostunde entfernt. Zwar hat es hier seit wohl acht Wochen keinen Niederschlag gegeben, aber es war konstant weit unter null Grad. Ideale Kunstschneebedingungen also. Weil wir China ja inzwischen ein bisschen kennen, hatten wir uns schon darauf vorbereitet, nicht das vorzufinden, was wir aus Österreich, der Schweiz oder sonst woher kennen. Das wäre ja auch zu viel des Guten.
Zu acht auf zwei Autos verteilt kamen wir also an. Morgens um 9 schon, denn zum Skifahren steht man früh auf. Wir dürften mit die ersten Gäste gewesen sein an diesem Tag.
Unsere komplette Ausrüstung ist in Deutschland – aber kein Problem, nachdem man Eintritt gezahlt hat, geht man durch eine nur leicht schmuddelige Halle, in der man vom Skischuh bis zur Skibrille alles leihen kann. Nach dem ersten Blick auf die Klamotten entschlossen wir uns, die eigenen Jacken anzubehalten und nur eine Hose zu leihen. Ein anderer deutscher Bekannter hatte weniger Glück: Er brauchte Jacke und Hose – und bekam einen äußerst kleidsamen roten Einteiler, der zudem wirklich widerlich nach Schweiß stank.
Weiter ging es mit Schuhen. Solche Skischuhe habe ich seit ich Kleinkind war nicht mehr zu Gesicht bekommen (siehe Foto)! Markus frohlockte zunächst, sehnt er sich doch seit Jahren nach dem guten alten Heckeinsteiger zurück. Seine Freude verpuffte allerdings, als er feststellte, dass die Schließe besagten Heckeinsteigers kaputt war. Und bei Schuhgröße 45 ist die Auswahl in China nun einmal deutlich beschränkt.
Fertig ausstaffiert wurden wir mit der Premium-Klasse an Skiern: Völkl aus der ersten Carvingski-Generation. Die waren wenigstens nur etwa zehn Jahre alt, verglichen mit den 20 oder mehr, die die anderen Gräten auf dem Buckel zu haben schienen (siehe Foto). Und rauf auf den Berg.
Drei Lifte gab es. Der „große“ Sessellift war allerdings außer Betrieb. Blieben zwei Tellerlifte, für die Franken unter uns: Vielleicht ein Drittel von Osternohe in Punkto Länge und Schwierigkeitsgrad. Da ich beim Skifahren viel Wert auf ein diszipliniertes Anstehverhalten lege, dauerte es etwa 20 Minuten, bis wir den ersten Teller ergattert hatten. Dann aber ging es in geradezu rasanter Geschwindigkeit nach oben. Zu Fuß wäre schneller gewesen, was einen findigen Chinesen dazu verleitete, seine Sportgeräte abzuschnallen und sich gehenderweise vom Lift ziehen zu lassen (siehe Foto). Keine dumme Idee eigentlich, denn auf Skiern stand er nicht wirklich sicher im Lift.
So, und jetzt zum eigentlich Kuriosen: Die allermeisten Chinesen sind so gut wie frei von jeglichem Körpergefühl oder Bewegungstalent. Das wusste ich schon aus dem Fitnessstudio. Diesen Makel kompensieren sie aber mit Wagemut. Ski geradeaus, Stecken hinten in die Luft – und dann Augen zu- und erst wieder beim Zerschellen in der Menschenmenge wieder aufmachen. Ein unglaubliches Schauspiel. Wir haben Stürze gesehen, da hätte ich zuhause sofort den Hubschrauber gerufen, aber der Chinese rappelt sich auf – und weiter geht’s. Wenn er es den schafft, die Ski wieder an die Schuhe zu bauen. Womit wir beim nächsten Komödienschauplatz wären.
Nachdem wir nun selbst zwei, dreimal den Babyhügel herunter gehetschelt waren, entschieden wir, dass die Einnahme eines unserer mitgebrachten Hopfengetränke angezeigt sei. Dazu postierten wir uns in aussichtsreicher Position im „Tal“, direkt im Dreieck zwischen Piste, Liften und Verleihstation. Und was wir zu sehen bekamen, waren nicht nur weitere spektakuläre Stürze, sondern auch über die Piste schießende Ski (die Skibremsen waren bei allen Leihskiern nach oben gebogen. Wozu auch diese komischen Dinger?), eine Chinesin, die mit Schwimmbrille fuhr, eine andere, die die Skibrille mit der Nasenaussparung an der Stirn trug sowie einen kleinen Jungen, der offenbar die Skischuhe seines Vaters anhatte.
Und natürlich verzweifelte Versuche, Skibindungen zu bedienen.
Der Höhepunkt war eine nicht mehr ganz so junge Dame, die in unser Blickfeld geriet, als sie gerade versuchte, ihren zweiten Ski anzuschnallen. Dazu stützte sie sich mit beiden Stecken im Schnee ab (clever!), ehe sie den freien Fuß hochhob. Jetzt hatte sich aber durch das Gehen viel Schnee an der Schuhsole gesammelt. Um den abzuklopfen, musste sie aber einen Skistock vom Boden lösen. Das bedurfte einiger Versuche. Schließlich aber setzte sie den Schuh gekonnt in den vorderen Bindungsbacken. Allerdings war die Bindung auf den ersten Blick erkennbar viel zu groß eingestellt. Sooft sie also auf den Ski eintrat, das Ding wollte nicht einrasten. Anstatt nun aber zurück in den Verleih zu gehen und um Hilfe zu bitten, nahm sie den Ski wieder in die Hand und stapfte weiter Richtung Lift (siehe Foto). Um es zehn Meter später noch einmal zu versuchen. Ihr dürft raten, mit welchem Erfolg.
Fazit: Fehlende Transferleistung gibt maximal Note vier. In Punkto Spaßfaktor aber bekommen alle eine eins.

Und der Tag ging toll weiter: Am Rückweg hielten wir in einer unserer neuen Shopping-Malls, die weit im Westen der Stadt, also weit von unserer Wohnung entfernt liegt. Dort gibt es einen H&M, das wusste ich schon. Aber noch besser: Auch einen „Cold Stone“. Das ist eine Eiscreme-Kette aus USA, die ich seit unserem ersten Besuch dort (2008 in Shanghai) in jeder Stadt suche, weil das Eis so genial ist. Und das hier in Jinan! Und als wir da so unseren Starbucks schlürfen (für Eis war’s doch zu kalt), kommt doch tatsächlich ein chinesischer Junge zu uns und spricht uns in fast akzentfreiem Englisch an. Er wolle sich nur ein bisschen unterhalten um sein Englisch zu trainieren. Er sei zwölf und lerne die Sprache seit acht Jahren. Hut ab.

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Von Neuzugängen und der Jagd nach Backzutaten

Liebes Tagebuch,
China und ich haben unsere erste große Krise hinter uns gebracht. Jetzt haben wir beide beschlossen, dass wir reif sind für den nächsten Schritt: Den berühmten Katzentest. Wir haben uns also zwei kleine Fellknäuel angeschafft. So wird sich schnell herausstellen, ob wir gemeinsam Verantwortung tragen können. Naja, im Zweifel schaff ich das wohl auch allein. Willkommen jedenfalls an unsere beiden neuen Mitbewohner (Namenssuche läuft noch. Vorschläge sind herzlich willkommen, sind zwei Jungens)!

Nach unserem großartigen Urlaub in Malaysia haben Markus und ich die Wiedereingewöhnung in Jinan recht gut überstanden – auch wenn sie durch 40 Grad Temperaturunterschied von Kuala Lumpur nach Peking nicht gerade leichter wurde.
Mein Geburtstag war ein bisschen trist, und das nicht nur, weil jetzt offiziell mein 30. Lebensjahr läuft. Ist schon blöd, wenn man den ganzen „Jubel“-Tag lang allein ist. Aber was soll’s, hab ich halt weiter Kisten ausgeräumt.
Abends waren wir italienisch essen, das war nett. Von Markus gab es einen Marco Polo über Tokio, dahin wird uns also Ende April ein Kurztrip führen. Die Aussicht auf weitere Reisen an sich macht den Alltag hier erträglich: Neben Besuchen in Peking, Shanghai und Hong Kong steht in den nächsten Monaten Saigon in Vietnam auf dem Plan, da habe ich eine Jugendfreundin (verdammt, ich werde wirklich alt). Und im Oktober wollen wir nach Neuseeland – ach ja, und zweimal nach Deutschland natürlich. Das entschädigt doch für Vieles.
Vergangenes Wochenende hatten wir dann ein paar deutsche Freunde (fast alle sind auch unsere Nachbarn) zum Nachgeburtstags-Kaffeetrinken eingeladen. Kuchenbacken kann ich ja, aber die Zutatenbeschaffung hier hat etwas von Jagen und Sammeln. Keine gemahlenen Nüsse? Muss eben ein nussfähiger Mixer her. Wenn dann allerdings die Mandeln, die man für den Karottenkuchen gebraucht hätte, gesalzen sind, wird’s schwierig… Käsekuchen hätt’ ich gern gemacht, aber Quark? Keine Chance. Zum Glück hab ich auch zwei Wok-Kochbücher, für die Rezepte gibt’s wenigstens die Zutaten. Pizza kann man selber backen, auch Nudeln oder Spätzle gehen. Seit einer guten Woche – noch sind Semesterferien in der Uni – versuche ich nun, mich möglichst klaglos in meine Rolle als Hausfrau zu fügen. Gelingt mir meistens ganz gut, glücklicherweise koche ich wirklich gerne. Das ist hier zwar teuer als essen gehen, aber deutlich besser für die Linie.
Und seit heute habe ich ja auch noch zwei Fellkinder zu versorgen. Keine Kuhmilch soll ich ihnen geben, hab ich gelesen. Wo bitte soll ich denn in China was anderes herbekommen? Bin ja froh, dass man wenigstens die kaufen kann!
Die beste Nachricht der letzten Tage: Wir haben endlich einen Weg aufgetan, deutsches Fernsehen zu sehen, nämlich über einen Online-Videorecorder. Seitdem läuft bei uns quasi täglich Tatort – absolut genial. Kein Witz. Heute allerdings wenig unterhaltsam, denn heute ist der letzte Tag des zwei Wochen andauernden chinesischen Neujahrsfest-Marathons. Geböllert wird in dieser Zeit eigentlich durchgehen, heute erreichen die Feuerwerke allerdings noch einmal einen raketenartigen Höhepunkt. Ganz schön mulmiges Gefühl, wenn man im 18. Stock wohnt und die Dinger direkt vor dem Fenster explodieren. Die Katzenbabys hocken seit vier Stunden unterm Sofa.

So finden wir uns von Tag zu Tag besser zurecht, doch ob so mancher Entwicklung, die man hier mitbekommt, wünscht man sich doch noch ins beschauliche Deutschland zurück:
Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten waren einst die USA. Heute kann das eigentlich nur noch China sein. Hochhäuser schießen wie Pilze aus dem Boden, ebenso wie Bahnstrecken, Fastfood-Restaurants oder ganze Industriegebiete. Da schaust du morgens aus dem Fenster und siehst plötzlich den Berggipfel (naja, Hügelgipfel) gegenüber nicht mehr, weil da quasi über Nacht eine neue Siedlung mit 20-stöckigen Apartmenthäusern entstanden ist. An unserem schicken neuen Bahnhof (der, von dem aus wir in eineinhalb Stunden nach Peking düsen) haben wir immer einen Ort vermisst, an dem man sich mal hinsetzen und einen Kaffee trinken kann. Kaum ist man mal ein paar Wochen nicht da, haben ein KFC und ein McDonalds eröffnet.
Rund um diesem Bahnhof entsteht eine komplette neue Stadt mit Wohnsiedlungen für geschätzte 100000 Menschen, Einkaufszentren, Parks… Und am anderen Ende von Jinan, am Flughafen, wird gerade ein Industriegebiet aus dem Boden gestampft. Dazu muss man sagen, dass die Industriegebiete, die ich aus Deutschland so kenne, geradezu lächerlich klein sind im Vergleich zu denen hier.
Für Wohnsiedlungen sowie Industriegebiete gilt aber: Kann das gut gehen? Woher sollen denn die Leute kommen, die sich die schicken neuen Wohnungen leisten können? Schließlich steht unser zwei Jahre alter Compound halb leer, weil er den meisten Chinesen zu teuer ist, und trotzdem wird um uns herum einer an den anderen neu gebaut, so weit das Auge reicht. Klar hat China genug Menschen, aber die haben im Monat ihre 300 Yuan zum Wohnen und keine 5000. (Zu diesem Thema sehr zu empfehlen: Die Fernsehreportage „Eine Geisterstadt als wirtschaftliches Erfolgsmodell“ von der ARD-Chinakorrespondetin Christine Adelhardt, .)
Und das neue Industriegebiet (natürlich auch nur eins von vielen) ist erst zu einem Bruchteil bezogen, hat schon jetzt Probleme mit der Stromversorgung – und hier soll produzierendes Gewerbe einziehen, denn das will man schließlich aus dem Zentrum an den Stadtrand verlagern… Ich verstehe nicht viel von Stadtentwicklung und auch nicht von Volkswirtschaft, aber irgendwie erscheint mir das dennoch seltsam.

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Soll ich jetzt lachen oder schreiend davonlaufen?

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20120122-101959.jpgLiebes Tagebuch,
wie habe ich mich in den letzten beiden Briefen an dich über meinen Freund China beklagt. Manches davon habe ich in schlechter Laune geschrieben, tatsächlich ist einiges vielleicht gar nicht so schlimm. Jedenfall schafft China es doch immer wieder, mich mit seinem kuriosen Verhalten (oder zumindet mit seinem schlechten Englisch, siehe Bilder) zum Lachen zu bringen.

Neulich im Fitnesstudio. Als ich eintreffe, ist nur noch ein Laufband frei. Rechts neben mir ein älterer Herr, der tapfer seine sechs Kilometer pro Stunde geht. Klar, da kann einem schon mal langweilig werden, wie gut, dass vor jedem Gerät ein Fernsehen an der Wand hängt. Und wie gut, dass gerade die neueste Folge von “China sucht den Superstar” läuft. Jetzt machen 25 nebeneinander stehende Laufbänder natürlich ein bisschen Lärm, aber der Fernseher kann mehr. Mein iPhone übertönt das leider trotz Kopfhörern nicht. Ich schalte von Hörbuch auf Elektro-Mucke um – bringt wenig: Noch immer höre ich deutlich die Darbietungen der chinesischen Stars von morgen. Und die sind vor allem eines: für unsere Ohren ziemlich schrill. Aber gut, denke ich mir, den sitzt du aus, wie lange kann er das in seinem Alter schon machen? Und tatsächlich, nach rund 20 Minuten verlässt die Nervensäge das Laufband. Natürlich nicht, ohne noch einmal die Fernbedienung in die Hand zu nehmen. Gottseidank, jetzt schaltet er aus, denke ich. Weit gefehlt. Er muss nur lauter machen, schließlich will er noch aufs Liegefahrrad, und das steht ja viel weiter weg vom Fernseher…

Von der Tatsache, dass chinesische Kleinkinder keine Windeln, sondern einfach Hosen mit Löchern im Schritt tragen, habe ich bereits berichtet. Aber es geht noch besser: Ich stehe im Berufsverkehr an einer roten Ampel. Plötzlich öffnet sich am Auto nebenan die mir zugewandte Beifahrertür. Eine Mutter hat ihr vielleicht dreijähriges Kind auf dem Schoß, dreht es mit einer gekonnten Rumpfbeuge zur Seite (hält es also über die Straße, mir quasi direkt vor die Nase), und der Kleine… Nun ja. Ich war so baff, dass ich beinahe die nächste Grünphase verpasst hätte. Ein Foto hätte ich machen sollen, aber anders als die Chinesen habe ich da sogar als gelernte Journalistin manchmal Skrupel.

Zu dem Luxus, den wir uns hier leisten, gehört eine Haushälterin. Eine zu finden, ist in den Metropolen Shanghai und Peking sicher kein so großes Problem, dort leben so viele “reiche” Menschen, dass es einen genügend großen Markt dafür gibt. In Jinan scheint das etwas anderes zu sein. Die erste, die wir aufgetan hatten, war super goldig und sorgfältig, wohnt aber eineinhalb Elektrorollerstunden (einfache Strecke) von uns entfernt, ganz im Westen der Stadt. Daher wollte sie nur einmal die Woche kommen, und ich hätte gern jemanden für zwei oder drei mal (unsere Küche hat, wie die meisten chinesischen, keine Geschirrspülmaschine). Also weiter suchen. Nummer zwei wohnt näher da und schien mir auch recht nett. Zwar wollte sie weder meinen Staubsauger benutzen (das kennt man hier noch nicht flächendeckend, und meine Argumente, wie praktisch das sei, zogen nicht), noch gefiel ihr der tolle HaRa-Wischmopp, den ich aus Deutschland mitgebracht hatte. Wie sie den Boden trotzdem so sauber bekommen hat, ist mir fast so schleierhaft wie gleichgültig. Was mir nicht gleichgültig ist, ist die Tatsache, dass sie das hübsche Ikea-Duftpotpourri, das ich so liebevoll ins Gästeklo gestellt hatte, einfach weggeschmissen hat. “Die Blumen hat sie wohl vergessen zu gießen, die Laowai (Anm.: “Fremde”, so nennen sie uns)”, muss sie sich gedacht haben. Und weg damit. Wir brauchen also noch ein, zwei Trainerstunden, aber dann steht einer langen, glücklichen gemeinsamen Zeit nichts mehr im Wege. Für 20 Yuan in der Stunde (das sind bei dem momentan miserablen Kurs immerhin deutlich über 2 Euro).

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Willkommen in der Realität

Liebes Tagebuch,

ich habe lange nichts von mir hören lassen – aber glaube mir, das war besser so. Mein Freund China und ich hatten unsere erste tiefe Krise. Sollte es ein Fehler gewesen sein, dass ich Deutschland für China verlassen habe?

“Honeymoon”, Flitterwochen, nennen viele Expats die ersten Wochen und Monate in einem fremden Land. Das ist die Zeit, in der man alles am anderen (Land) toll findet, spannend, aufregend, sogar die kleinen Schwächen sind toll. Doch diese Zeit ist irgendwann vorbei. Bei mir hat sie schlagartig geendet, als wir nach der wunderschönen Weihnachtszeit in Deutschland nach China zurückgekommen sind.

Zunächst stand Silvester an. Wir waren mit Freunden auf einer Privatparty in Peking, die war super, um die 40 Leute aus aller Herren Länder, aber eben alles Fremde. Kein Feuerwerk um Mitternacht – die Chinesen feiern ihr Neujahrsfest nach dem Mondkalender, also zu einem ganz anderen Zeitpunkt. Nichts war wie immer. Mit Tränen in den Augen ins neue Jahr zu starten macht keinen Spaß. Darüber konnten auch die 40 Euro, die ich beim Pokern gewonnen habe, nicht hinwegtäuschen.

Jetzt ist Peking immerhin noch eine aufregende, verhältnismäßig westliche Stadt – der Weg im Taxi vom Bahnhof in Jinan zurück zu unserer Wohnung am 1. Januar aber war die blanke Hölle. Das für diese Stadt so typische Grau – sogar die Luft hat hier diese Farbe – wollte mich schier erdrücken. Die zwar luxuriöse, aber nur halbfertig eingerichtete Wohnung machte den ersten Eindruck nur unwesentlich besser. Jeder Gegenstand, den ich herumliegen sah, erinnerte mich an Deutschland, an Familie und Freunde. Jeder trieb mir erneut die Tränen in die Augen. Markus, den dieses Problem bisher verschont hat, war am Verzweifeln, weil er schlicht nichts tun konnte, außer mich stundenlang im Arm zu halten – und nebenbei musste er ja auch wieder arbeiten.

Viel schlimmer noch: Am 10. Januar musste er schon wieder für eine Woche nach Deutschland – ich also allein hier am Ende der Welt. Noch hatte ich für die Prüfungen an der Uni zu lernen – nach drei Wochen in Deutschland stand ich vor einem Berg von Arbeit. Doch in der Woche seiner Abwesenheit würde ich bereits Semesterferien haben und damit faktisch keinen Grund, die Wohnung zu verlassen – außer vielleicht durchs Fenster (ich hatte erwähnt, dass wir im 18. Stock wohnen? Keine Sorge, inzwischen habe ich meine Ironie wieder gefunden).

Zum ersten Mal habe ich mich in diesen Tagen ernsthaft gefragt, ob es ein Fehler war, hierher zu kommen. Drei Jahre noch in diesem Loch? Wie soll ich das aushalten? Werde ich hier je wirklich glücklich sein? Und was passiert nach den drei Jahren?

Drei oder vier Tage lang mied ich alles, was mit Deutschland zu tun hatte. Telefonierte so wenig wie möglich mit Familie und Freunden, räumte alles weg, was mich an die Zeit zuhause erinnerte. Vergrub mich in Arbeit (entsprechend liefen meine Prüfungen recht gut und die Wohnung ist auch fast fertig, siehe Bilder), schraubte mein Trainingspensum im Fitnessstudio in die Höhe und versuchte, wieder mehr nach draußen zu gehen, einfach wieder eine Verbindung zu diesem Land zu finden.

Und siehe da, mit der Zeit wurde es besser. Der Abschied von Markus war noch einmal ein echter Tiefpunkt, doch wohlweislich hatte ich mich für direkt am selben Abend mit einigen Kommilitoninnen zum Essen verabredet. Am nächsten Tag kam die neue Putzfrau, abends Essen mit einem befreundeten Pärchen, tags darauf die große Herausforderung, einen Lattenrost für unser neues Bett zu besorgen (die Chinesen legen ihre Matratzen einfach auf Bretter), Samstag Abflug nach Guangzhou, Freunde besuchen… Und so plante ich jede freie Minute dieser Woche akribisch, um nicht wieder zurück in das Loch zu fallen, aus dem ich mich gerade herausgekämpft hatte.

Heute, zweieinhalb Wochen nach unserer Rückkehr nach China, sieht die Welt wieder besser aus. Nicht gut vielleicht, denn noch immer bin ich mir nicht ganz sicher, ob der große Frust nicht wieder zurück kommen könnte. Vermutlich wird er das, aber dann kommt er wenigstens nicht mehr so überraschend.

Die vier Tage in Guangzhou waren toll, nicht nur, weil es dort, 1800 Kilometer südlich von hier, frühlingshaft warm ist, während es in Jinan fast kontinuierlich Minusgrade hat. Auch, weil ich dort eine erfahrene “Leidensgenossin” vorfand. Sie lebt seit sieben Jahren mit ihrem Mann in China und ist ein reicher Fundus an Erfahrung. Mein kleines und ihr großes Wissen über das Leben hier stimmt mich – nun ja – verhalten optimistisch. Ich werde hier wohl immer auf eine andere Art und Weise glücklich sein als zuhause. Aber Glück ist eben auch, was man für sich als solches definiert.

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Deutschland von Außen

Liebes Tagebuch,
nachdem ich in den letzten Monaten wirklich nur Augen für meinen neuen Freund China hatte, ist mir eigentlich erst jetzt wieder aufgefallen, wie sehr mir mein einstiger bester Freund Deutschland gefehlt hat. Vermutlich muss man manchmal ein bisschen Abstand haben, um zu merken, wie sehr man etwas schätzt.

Deutschland ist super. Wusstet ihr das? Vermutlich habt ihr euch einfach nie Gedanken darüber gemacht. Eine Heimat kriegen die meisten von uns eben gratis zur Geburt, und für viele ändert sie sich auch nie. Deswegen denken wir nicht darüber nach.
Genau 100 Tage nach meiner Abreise habe ich zum ersten Mal wieder deutschen Boden betreten. Bis ich im Flugzeug Richtung Nürnberg saß, ist mir eigentlich überhaupt nicht aufgefallen, wie sehr ich dieses hübsche Kleinstädtchen und seine Bewohner vermisst habe. Dazu waren die ersten Monate in China einfach zu aufregend und anstrengend. Auch Skype trug seinen Teil dazu bei, das Heimweh nicht allzu groß werden zu lassen.
Aber schließlich und völlig unerwartet schossen mir doch die Freudentränen in die Augen, als die holländische Stewardess sagte: “Ladies and Gentlemen, welcome to Nuremberg”.
Der erste Endruck: Verändert hat sich gar nichts. Und so war das aufregendste an der nächtlichen Fahrt vom Flughafen ins Hotel (auch seltsam, in seiner Heimatstadt im Hotel zu wohnen…) die Tatsache, dass sich die hinteren Türen unseres gemieteten Opel Meriva in die falsche Richtung öffnen, also die Scharniere hinten haben.
Das Tolle am wieder zuhause sein war eindeutig: die Alltäglichkeit. Ich bin sicher schon an die 1000 Mal am Whörder See gelaufen, aber an diesem ersten Morgen hab ich dabei so gestrahlt, dass die anderen Jogger einen Bogen um mich gemacht haben, nach dem Motto “Vermutlich aus der Geschlossenen entflohen”. Vollkornbrötchen mit Emmentaler, Bratwürste, die weihnachtlich geschmückte Altstadt: Man sieht all das mit anderen Augen als bisher.
Nach Laufen und Frühstück ging es zur Post, ich hatte für eine China-Freundin ein paar Päckchen zum Verschicken mitgebracht. Hauptpost am Bahnhof, Vorweihnachtszeit, man kann sich ausmalen, wie es da zuging und wie gestresst die Leute waren. Jeder motzt und rempelt und beschwert sich, nur ich stehe da und möchte am liebsten alle umarmen. Fürs Deutschsprechen, fürs Sowieimmersein, fürs Michnichtanstarren, für alles einfach. Ich hätte auch eine weitere halbe Stunde gewartet.
Mit Katja Kaffeetrinken, mit Papa ins Ciao gehen, mit Mama und dem Rest meiner geliebten Bagage Weihnachten feiern – so oft getan und noch nie so genossen.
Entsprechend weh tut jetzt der Abschied. Ein bisschen leichter fällt er, weil in 8000 Kilometern nicht mehr nur Ungewissheit wartet. Doch sind es diesmal nicht drei, sondern vermutlich sechs Monate, bis ich wieder nach Deutschland komme. Komme ich dann auch noch heim?
Schon sitze ich wieder in Amsterdam im Flughafen und denke nach. Über Seelenfrieden, über innere Ruhe, über Glücklichsein. Nein, glücklich bin ich in diesem Moment nicht. Die nächsten Jahre werden viele schmerzliche Abschiede bringen und noch mehr Sehnsucht. Dennoch zweifle ich auch jetzt keine Sekunde an meiner Entscheidung. Denn das Leben im Ausland macht auf schmerzliche, aber wunderbare Weise bewusst, was Familie und Freunde bedeuten, was Heimat ist.

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100 Tage China

Unser 100. Tag in China – ist der Tag unserer ersten Heimreise nach Deutschland. Sollte ich das als ein Omen betrachten? Jedenfalls sitze ich nun im Peking am Flughafen und blicke zurück. Mein erstes Fazit lautet: Alles halb so wild.

Vieles haben wir gesehen und erlebt, auf manches davon hätten wir getrost verzichten können. Aber: Auf so manches, das man in Deutschland erlebt, könnte man schließlich auch verzichten. Auf der materiellen Seite lässt China sich recht gut an: Wir haben ein Auto (sogar ein ziemlich nobles), und ja, inzwischen dürfen wir es auch beide (!) fahren. Wir haben eine Wohnung, die, naja, fast fertig eingerichtet ist (wenn man mal von den kanpp 50 Ikea-Kisten absieht, die sich momentan im Wohnzimmer stapeln).
Auch das Leben ohne meinen Job bekommt mir besser als erwartet: Schreiben ist nach wie vor ein Grundbedürfnis, aber sich aussuchen zu können, wann man worüber schreibt, bietet erstaunlichen Komfort. Und die Geschichten liegen hier eben einfach auf der Straße, man muss sie nur einsammeln.
Als ich 2007 meine Magisterprüfung hinter mir hatte, hatte ich eigentlich beschlossen, nie wieder eine Uni zu betreten. Hätte ich das eingehalten, hätte ich hier viel verpasst. Nicht nur den meiner Meinung nach effektivsten Weg, Chinesisch zu lernen, sondern auch einen Haufen netter Leute aus aller Herren Länder. Kirsi und Ilona aus Finnland, Jannike und Daniel aus Schweden, Linda aus Tansania, Kim aus Korea, Yaroslav aus Russland oder Bilige und Mandaha aus der Mongolei: Jeder hat seine eigene, spannende Geschichte im Gepäck – auch wenn die Verständigung manchmal etwas holprig ist (einige sprechen kaum Englisch…).
Die chinesische Sprache selbst verlangt harte Arbeit, aber wenn man einen Zehn-Stunden-Bürotag gewöhnt ist, ist man offenbar doch ein bisschen besser organisiert als der durchschnittliche Student. Heute fragte mich mein Oral-Chinese-Teacher doch wirklich, warum mein Chinesisch so gut sei. Hallo?
Zwar beschränken sich meine Sprachkenntnisse noch auf Dinge wie “Ich heiße…, ich komme aus…, ich möchte bitte Äpfel/gebratene Nudeln/eine weiße Bluse kaufen und ich wohne in der Haier Green City”, aber man glaubt gar nicht, wie weit einen das im Alltag schon bringt.
Was den Umgang mit unserem Gastgeberland und seinen Bewohnern angeht, schwankt man immer ein bisschen zwischen Meditation (“Ommm, ich bin völlig entspannt und es ficht mich überhaupt nicht an, dass der kleine Mann mit der Zahnlücke, dem ungewaschenen Gesicht und der schlecht sitzenden Uniform am Schalter sagt, ich kann keine Kreditkarte haben weil ich kein Chinesisch kann, obwohl er vor zwei Wochen noch gesagt hat, das ist kein Problem, ommm”) und ur-deutschem Missiosstreben (“Ich erklär’ euch jetzt mal, warum man besser nicht nachts ohne Licht mit einem Elektrotoller auf der Autobahn gegen die Fahrtrichtung fahren sollte”, oder “Wisst ihr eigentlich, warum man das Fenster zu machen sollte, wenn die Klimaanlage respektive Heizung läuft?”). Dafür gibt es glaube ich keine Patentlösung, das werde ich weiterhin nach Tagesform entscheiden. Für die wohlmeinende Missionstätigkeit erntet man ohnehin selten mehr als ein verträumt-lächelndes Kopf-Wiegen.
Meine schlimmsten Befürchtungen jedenfalls, dass ich hier depressiv werden oder plötzlich anfangen würde, meinen Mann zu hassen weil er mich an diesen gottverdammten Ort gebracht hat, dass ich vor Sehnsucht nach Deutschland wahnsinnig werden würde – sind bisher nicht eingetreten. Klar fehlen Familie, Freunde und vertraute Umgebung. Aber: Dieses Abenteuer ist einfach zu groß, um nicht jede Sekunde davon mit offenen Augen zu erleben. (Alles andere wäre, um mit Erwin Pelzig zu sprechen, eine Gehirn-Burka mit extrem engen Denk-Schlitzen.)

Nach 100 Tagen habe ich hier noch meine Top-10-Erlebnisse in alphabetischer Reihenfolge zusammengestellt:
A wie Autounfall: Wie in Deutschland fahren die Chinesen in unserem Compound alle mit dem Auto in den Kindergarten, um ihr Kind abzuholen. Beide Seiten der engen Fahrbahn sind also zugeparkt. Leider führt mein Weg zum Fitnessstudio hier durch und natürlich kommt ein Auto entgegen. Ich will in eine winzige Lücke ausweichen, doch der Entgegenkommende hält in bester China-Manier weiter munter drauf und vor lauter Schreck lenke ich stärker ein als ich hätte dürfen. Der 7er BMW neben mir und unser Auto tragen ein paar Kratzer davon, die in Deutschland trotzdem ein paar tausend Euro gekostet hätten. Kostenpunkt hier: 1400 RMB (150-200 Euro).
B wie Backen: Ich habe mein erstes Brot gebacken. Mit Brotbackmischung vom Aldi und Brotbackautomat (war beides im Container) ist das fast ein bisschen arg einfach (nur Wasser dran und anschalten), schmeckt aber super. Auch einen Kuchen hab ich schon gezaubert. Das Abenteuerliche daran ist die Beschaffung der Zutaten. Sahne hab ich bisher erst in einem Laden gesehen, für zwei Euro die Packung. Den Ofen hab ich übrigens auch mitgebracht (danke Micha Scholz!), ein chinesischer Elektriker hat ihn mir von Stark- auf Normalstrom umgerüstet.
E wie Essen auf der Straße: ein tolles Erlebnis, das zeigt, dass man hier ein anderer Mensch ist als zuhause. Dort würde ich vielleicht eher nicht auf einem 30 Zentimeter hohen Hocker an einer Bushaltestelle sitzend und umgeben von Dreck Fleischspieße aus einer Plastiktüte essen, aber hier finde ich das klasse. Dazu zu empfehlen: Qingdao-Bier aus der 0,6-Liter-Flasche für drei Yuan (50 Cent).
E wie Explosion: Wie fast jeder in Jinan sind wir umgeben von Großbaustellen. Da eine davon am Hang liegt, muss immer mal gesprengt werden. Das geschieht dann vorzugsweise mitten in der Nacht (“Schatz, ich glaub, es ist Krieg”) und erschüttert nicht nur meinen Tiefschlaf, sondern das ganze Haus. Da denkt man schon mal drüber nach, wie lange man vom 18. Stock übers Treppenhaus ins Freie brauchen würde.
F wie fotografiert werden: Ich habe mir nie viel aus meinen Haaren gemacht. Sie sind halt blond und waren es schon immer (außer für die paar Jahre in meiner Jugend, in denen ich sie wahlweise rot, schwarz oder grün haben wollte). Die Chinesen aber finden meine Haare und überhaupt alles an mir (besonders noch Augen und Haut) einfach großartig und wollen daher immer mal gern ein Foto mir machen. Oder sie fahren mit ihrem Elektroroller fast einen Fußgänger um, weil sie mich anstarren. Bin gespannt darauf, wie es sich anfühlt, in Deutschland wieder eine von Vielen zu sein.
H wie Haushälterin: Verlangt 20 Yuan (2-3 Euro) in der Stunde, dafür fährt sie die eineinhalb Stunden aus dem Osten der Stadt mit ihrem Elektrofahrrad zu uns. Ist super süß, fleißig – und spricht kein Wort Englisch. Ich liebe sie.
I wie Ikea: Die größte Ikea der Welt in Peking ist unglaublich (siehe “Wer früher bremst, ist später in Peking”). Das eigene Staunen wird nur vom Staunen übers Staunen der Chinesen überboten. Schiere Größe ist etwas, woran man sich gewöhnen muss, wenn man aus dem in jeder Hinsicht “kleinen” Deutschland kommt. 1,3 Milliarden Menschen brauchen eben eine gewisse Infrastruktur.
K wie Kitsch: Die Chinesen lieben ihn und das wird jetzt in der Vorweihnachtszeit besonders deutlich, auch wenn sie eigentlich kein Weihnachten feiern (im Bild oben der Weihnachtsbaum in unserem vorübergehenden Zuhause, dem Sofitel. Sofakissen statt Christbaumkugeln, kann man schon mal machen).
P wie Pinkeln: Kinder tun es einfach auf der Straße und die erwachsenen Chinesen gerne bei offen stehender oder zumindest nicht abgesperrter Klotür. Ich glaube, sie sind es einfach nicht gewohnt, etwas allein zu tun, schließlich sind sie so viele.
Ü wie Überfall: Am Ende war’s doch nur ein Polizist, der uns nur vor einem betrügerische Schwarz-Taxifahrer schützen wollte (siehe “China und der Weihnachtsmann“)
Z wie Zugfahren: Der Schnellzug, der seit einiger Zeit in Jinan hält, ist unsere Lebensader geworden. Er bringt uns in eineinhalb Stunden nach Peking und in dreieinhalb nach Shanghai. Manchmal braucht man eben eine Auszeit vom “echten” China und muss in eine von Deutschen bevölkerte Kneipe gehen – oder auf einen deutschen Weihnachtsmarkt (siehe “China und der Weihnachtsmann“).

Und genau das, auf einen deutschen Weihnachtsmarkt gehen, werden wir tun in den nächsten Tagen in Nürnberg. China ist super, aber die Noris ist nun mal daheim und wir freuen uns riesig drauf. Zentraler Termin ist Freitag, 16. Dezember, ab 18 Uhr, am Hauptmarkt.

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China und der Weihnachtsmann

Liebes Tagebuch,

ich fühle mich sehr wohl bei meinem inzwischen nicht mehr ganz so neuen Freund China. Klar ist er oft etwas seltsam, aber im Großen und Ganzen finde ich ihn ziemlich toll und spannend. Weil er eine so große Rolle in meinem Leben spielt, habe ich meinen alten Freund Deutschland fast ein bisschen vergessen. Das hat sich am Samstag geändert, da war nämlich Weihnachtsmarkt – und plötzlich hab ich wieder ganz viel an Deutschland gedacht. So von Glühweinduft umgeben ist mir erst wieder aufgefallen, wie sehr es mir doch gefehlt hat.

Ein Weihnachtsmarkt mitten in einem Land, das nicht an den Weihnachtsmann glaubt – unglaublich, aber wahr. Die deutsche Botschaft in Peking veranstaltet ihn jedes Jahr, schon Ende November, wohl weil sich ab Anfang Dezember viele in China lebende Deutsche auf den Weg in die Heimat machen. Am vergangenen Samstag jedenfalls schein noch kein einziger von ihnen abgereist zu sein – immerhin mussten wir zwei Stunden anstehen, um überhaupt auf das Botschaftsgelände zu kommen (siehe Foto). Der Markt war so voll, dass nur einer rein durfte, wenn ein anderer ging.

Die Wartezeit war aber überhaupt nicht schlimm. Erstaunlich, wie man sich plötzlich entspannt, wenn um einen herum deutsch gesprochen wird und die Menschen so aussehen wie man selbst – und einen daher mal gar niemand anstarrt. Außerdem führte die Warteschlange auf ihrem Weg rund um die Botschaft an einem “Jenny Lou’s” vorbei. Das ist eine hiesige Supermarktkette, in der es ausschließlich Importprodukte zu kaufen gibt. So machte sich etwa alle halbe Stunde eine kleine Delegation aus der Schlange auf den Weg, um die Wartenden mit Paulaner, Erdinger,Tucher und frischen Laugenbrezen zu versorgen. So lässt sich’s leben.

Auf dem Markt angekommen tat dann der verführerische Duft nach Glühwein, Lebkuchen und Bratwurstbrötchen sein Übriges, um alle Wahl-Chinesen in echte Deutsch-Tümelei verfallen zu lassen. Ein wahrlich großartiges Gefühl übrigens.

Immerhin hatten wir auch etwas zu verdauen, nämlich eine wirklich nervenaufreibende Taxifahrt. Obwohl, eigentlich war es kein Taxi, und das war gerade das Problem. Freitagabend, 20 Uhr, in Peking. Die Straßen sind wie immer um diese Zeit ein großer Parkplatz weil derart überlastet, also auch weit und breit kein freies Taxi in Sicht. Unsere Strategie ist in diesen Fällen unterirdisch. Nur ist das Problem, dass die Stadt zwar ein großes, modernes U-Bahn-System hat, doch ob der enormen Entfernungen in einer 18-Millionen-Stadt liegen die Stationen immer noch so weit auseinander, dass man trotzdem ein Taxi braucht, um von der Ausstiegsstelle irgendwo hin zu kommen. Wir standen also schon eine knappe halbe Stunde am Straßenrand, ohne ein freies Taxi auch nur zu Gesicht bekommen zu haben. Leicht zu haben sind in solchen Fällen aber “schwarze” Taxis, das heißt Zivilfahrzeuge, die sich mit einem kleinen roten Licht in der Windschutzscheibe zu erkennen geben und einen für meist überteuerte Preise an den gewünschten Ort bringen. Man tut so etwas ja ungern, aber schließlich war es kalt und wir spät dran. Der Fahrer wollte 30 Yuan, was etwa das Doppelte des regulären Preises gewesen sein dürfte. Aber das Ende der Warterei war uns umgerechnet drei oder vier Euro wert.

Zahlen mussten wir dann aber gar nichts, und das kam so: Wir stehen an einer Ampel, vielleicht noch 500 Meter vom Restaurant entfernt, als die Beifahrertür aufgeht und sich jemand über mich wirft. Überfall, denke ich, aber warum geht er dem Fahrer an den Kragen und warum interessiert ihn meine Handtasche weniger als der Schlüssel im Zündschloss? Als ich mich am scheinbaren Räuber vorbei aus dem Auto zwänge, klärt sich alles auf: Der Mann ist Polizist und schwarze Taxis sind eben illegal. Unser Fahrer wird äußerst ruppig aus dem Wagen gezerrt und verschwindet unter heftiger, aber vergeblicher Gegenwehr im Polizeibus. Wir sehen uns derweil einem Zivilpolizisten gegenüber, der wild gestikulierend auf uns einredet. Mein “我听不懂” (Ich verstehe nichts) interessiert ihn überhaupt nicht, schließlich hilft nur noch ein Anruf bei Markus’ Assistentin. Sie erklärt dem Mann, wo wir herkommen und wo wir hinwollen und uns erklärt sie, dass der Mann eigentlich nur unsere Pässe sehen will. Bleiben nur zwei Fragen: Woher wussten die, was gespielt wird, die müssen uns ja beobachtet haben, als wir eingestiegen sind. Und: Wenn der Polizist nicht gleich den Zündschlüssel erwischt hätte, hätte uns dann eine wilde Verfolgungsjagd durchs nächtliche Peking geblüht? Na denn Prost.

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In eigener Sache

Es hat eine Weile gedauert, aber inzwischen sind unsere Hochzeitsbilder bei uns in China angekommen. Daher jetzt und besser spät als nie: Danke euch allen für die vielen Glückwünsche, Geschenke, Küsse, Trinksprüche, die tollen Aufführungen, die lieben Worte, einfach alles, womit ihr diesen Tag zum schönsten in unserem Leben gemacht habt.

DANKE!

Julia und Markus

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Wer früher bremst, ist später in Peking

Da isser!

Liebes Tagebuch,

“Wir heizen doch nicht für dir Katz.” Diesen Spruch kannte ich als Kind schon auswendig, ehe ich überhaupt wusste, was “für die Katz” bedeutet. Ich wusste aber, dass man das Fenster zu macht, wenn die Heizung an ist. Das macht man in China auch. Dafür schaltet man dann die Klimaanlage an.

Wir sind also angekommen in der neuen Wohnung, und das genau pünktlich zum Beginn der Heizperiode. Wann der ist, entscheidet nicht das Wetter oder gar der einzelne Bürger (wo kämen wir denn da auch hin?), sondern die Regierung. Wir hatten Glück in diesem Jahr, denn es war bisher nicht übermäßig kalt. Jetzt aber ist die Heizung an, das bedeutet für und wunderbar wohlig warmen Fußboden in der ganzen Wohnung. Dumm nur, dass es immer noch gut zehn Grad hat draußen, da braucht man die Heizung vielleicht gar nicht den ganzen Tag und schon gar nicht in allen Zimmern. Vor dem Einzug hatte ich mich vorsichtig erkundigt, wie ich denn die Fußbodenheizung regulieren kann. Meine Übersetzerin sah mich zweifelnd an und sagte: “Na, du machst das Fenster auf”.

Es kam wie es kommen musste: Alsbald glich die Wohnung einer Sauna (zumindest einer Biosauna) und ich hatte keine andere Wahl, als “für die Katz” zu heizen, auch wenn das im 18. Stock ein komischer Gedanke ist. Doch wie immer in China geht’s auch hier noch krasser: Durchs nunmehr offene Fenster drang aus allen Richtungen der unverwechselbare Ton der umliegenden Klimaanlagen. Dass ich über solche Dinge noch erschrecke, zeigt, dass ich erst kurz hier bin, denke ich. Denn eigentlich ist es völlig logisch: Wenn es in der Wohnung zu warm ist, kommt die Klimse an.

Dieses Thema beschäftigt mich offenbar so stark, dass ich das Allerwichtigste darüber beinahe vergessen hätte: Ich darf mich wieder wie 18 fühlen. Und woran liegt das? Am neu erworbenen Führerschein natürlich! Danke…

Auch die ersten Autofahrten im Jinaner Verkehr habe ich schon hinter mir und es stellt sich heraus, dass die gut zwei Monate auf dem Taxi-Beifahrersitz eine gute Schule waren, denn ich bin völlig entspannt und hupe einfach mit. Im Zweifel allerdings poche ich (noch) nicht auf mein Recht. Ist schließlich ein Firmenwagen. Dabei höre ich dann gern “Hinterm Steuer” von Roger Cicero. Zitat: “Wer später bremst ist länger schnell” und “Du bist so dumm wie’n halber Meter Feldweg”. Sehr entspannend.

Hinter mir liegt alles in allem ein großartiges Wochenende: Eine Reise nach Peking ist immer wie eine in ein anderes – zivilisiertes, gepflegtes, gut organisiertes, eben fast völlig unchinesisches – Universum. Um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein, habe ich mich mal in einer Arztpraxis umgesehen. Lässt man außer Acht, dass die Damen und Herren Doktoren Englisch sprechen, könnte die in Deutschland auch stehen (würde dort aber vermutlich nur Privatpatienten aufnehmen). Sehr beruhigend.

Außerdem gibt es in Peking die – wie man hört – größte Ikea der Welt. Drei Stockwerke, gefühlt jeweils doppelt so groß wie die der Ikea in Fürth. Und das am Samstagnachmittag, zusammen mit etwa 10.000 anderen Menschen. Mantras beten.

Und dann doch wieder China: 20 Kassen offen, überall Schlange. Aber man ist ja clever und macht mal die Augen auf. Über einem Teil hängt ein Schild “Cash only” und über manchen steht “Card only”. Ich reihe mich bei einer der zweiteren Kategorie ein, überzeuge mich sogar noch, dass internationale Kreditkarten akzeptiert werden. Als ich der Kassiererin das gute Stück in die Hand drücke, läuft sie davon. Ich “Äh, hello?” und hinterher. Was macht sie? Läuft an eine Kasse am anderen Ende, und zwar an eine, über der “Cash only” steht. Dort zieht sie meine Karte durch. Muss man nicht verstehen. Auch nicht, warum dort gerade ein Mann 30 Plastikklobürsten in eine blaue Ikea-Tüte packt.

Das Highlight des Wochenendes – ja, sogar besser als die bestandene Führerscheinprüfung – am Sonntag: Brunch im Fünf-Sterne-Hotel “Westin”. “Bubbaliciuos” heißt die Veranstaltung, eine mehr oder weniger gelungene Anspielung aus die “Bubbles” in dem edlen Getränk, dass hier im Pauschalpreis inbegriffen ist. Dass das Buffet überirdisch war, geriet angesichts Moet soviel man will fast ein bisschen in den Hintergrund. In zwei Wochen sind wir wieder da, zum Weihnachtsmarkt in der deutschen Botschaft. Unglaublich, dass all diese Annehmlichkeiten nur eineinhalb Zugstunden von Jinan entfernt liegen. Ich freu mich.

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Mit Wohnung, dafür ohne Führerschein

Liebes Tagebuch,

mein neuer Freund China und ich, wir kennen uns inzwischen recht gut. Und wie das so ist in einer Freundschaft, gibt es bessere und schlechtere Tage, Dinge, die man mehr mag und solche, die man kaum erträgt. So ist es auch bei uns.  Daran merkt man wohl, dass langsam der Alltag einkehrt.

Fangen wir mit den schlechten Nachrichten an: Wieder kein Führerschein. Diesmal bin ich aber selbst schuld. Ich dachte, die kostenlose Version der Führerschein-Theorie-App (für die analoge Generation: ein Computerprogramm, das man auf einem Handy betreiben kann) würde genügen. Allerdings enthält die nur etwa 20 Prozent aller möglichen Fragen. Das Ende vom Lied waren etwa 40 mir vollkommen unbekannte Prüfungsfragen, von denen man sich rund die Hälfte auch weder mit deutschem Straßenverkehrswissen noch mit gesundem Menschenverstand erschließen konnte. Daher leider nur 85 statt der 90 nötigen Punkte.

Leider muss man nämlich dutzende Fragen beantworten, die sich mit Behördengängen beschäftigen (“Bei welchem Amt muss man ein privates in ein kommerziell genutztes Auto ummelden?” Und wusstet ihr, dass ein chinesisches Auto erst nach sechs Jahren zum ersten Mal zum TÜV muss?). Was nicht vorkommt, sind hingegen Belanglosigkeiten wie Verkehrsregeln: Man darf immer rechts abbiegen, auch bei roter Ampel, aber wer hat dann eigentlich Vorfahrt, der Rechts- oder der entgegen kommende Linksabbieger? Und was ist mit den Fußgängern?

Und dann geht man aus der Prüfung, darf selbst nicht fahren und hat dafür umso mehr Zeit, zu beobachten, wie die anderen fahren: “Wozu braucht man eine Kupplung zum Schalten, das geht doch auch so (*rühr/rumpel*).” Gerne auch: “Ups, hier ist ja eine Spurmarkierung (lenkt nach rechts). Oh, da ist ja auch eine (lenkt wieder nach links). Unmöglich, da auch! (wieder nach rechts)” Ein Chinese, der Schlangenlinien fährt, ist demnach nicht betrunken, er inspiziert nur die Straßenmarkierung. Diese dienen offenbar auch ausschließlich dazu, denn beachtet werden sie kaum. Den treffendsten Vergleich, der mir bisher eingefallen ist, werden leider nur eingefleischte Harry-Potter-Fans verstehen. Wer kennt die Szene in der Verfilmung von Teil III (Der Gefangene von Askaban), die im “Knight Bus” spielt? Der fährt da in einem nicht vorhandenen Zwischenraum zwischen zwei anderen Bussen hindurch, dazu verzieht er sich samt seiner Insassen auf die halbe Breite und dafür die doppelte Höhe, wie ein Kaugummi. So funktioniert das hier auch, kein Witz.

Ich werde derweil von Tag zu Tag duldsamer. Und mein Magengeschwür wächst und gedeiht.

Glücklicherweise gibt es auch die schönen Seiten. Wir haben inzwischen dreimal in unserer neuen Wohnung geschlafen. Die Kisten auszupacken war wie Weihnachten, nur das Geschenkpapier war nicht so schön. “Schau mal, Schatz, meine Backformen! Und hier ist die Brotbackmischung! Und meine Kuscheldecke ist auch da…” Der ultimative Moment war der, in dem unser Jura-Vollautomat zum ersten Mal wieder das wohlige Grummeln des Mahlwerks von sich gegeben hat. Jetzt ist Normalität. Und als wir dann noch herausgefunden haben, wie man die Klimaanlage auf “Heizen” stellt, war ein weiterer großer Schritt Richtung Wohlfühlen gemacht, denn die Regierung hat die Zentralheizung noch nicht angeschaltet.

Auch im Fitnessstudio, das zum Compound gehört, sind wir bereits Mitglieder. Mehrere Sporthallen (für Badminton, Basketball, Fußball), ein Ballettsaal, ein 25-Meter-Sportbecken und todschicke Geräte, und das in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen.

Jetzt müssen nur noch die verbleibenden rund 40 Kisten  ausgepackt werden. Ach ja, und dann brauchen wir ein Bett, drei bis vier Schränke, eine Kommode, einen Esstisch, Stühle, Teppiche, Vorhänge… Schließlich müssen 150 Quadrameter eingerichtet werden, bisher hatten wir 80.

Zeitgleich mit dem Orga-Kram für die Wohnung läuft mein Chinesisch-Studium natürlich weiter, aber ich habe es offenbar ganz gut im Griff. Anders als meine Kommilitonen bin ich eben einen Zehn-Stunden-Bürotag gewohnt, das ist schon was anderes. Meine Unterhaltungen mit den Taxifahrern wachsen demnach in der Woche um ein bis zwei Sätze (glücklicherweise laufen sie immer nach dem exakt selben Muster ab), ich kann bei der Hausverwaltung Mineralwasser bestellen (und das braucht man gallonenweise für den Wasserspender, denn das Leitungswasser ist kein Trinkwasser) und ich kann sogar sagen, wann und wohin es geliefert werden soll. Nämlich zu

Familie Rauch
1-1-1801 Baihe Garden
Haier Green City
Lixia District
250000 Jinan
Shandong
P.R. China

Prompt habe ich in unserer ersten Prüfung 98 von 100 Punkten im schriftlichen und 29,4 von 30 Prozent im mündlichen Teil erzielt. Gar nicht schlecht für den Anfang, oder? Ich denke, das ist jetzt ein guter Zeitpunkt, meinen Lehrern mitzuteilen, dass ich die letzten drei Semesterwochen in Deutschland verbringen werde… Ich freu mich auf euch!

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