China und das Stockholm-Syndrom

Gänse auf MotorradLiebes Tagebuch,

“Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.” Sagt Wikipedia. Ich kann nur nicken und denken: “Kann ich irgendwie nachvollziehen.” Jetzt, da meine Trennung von meinem Freund China langsam in greifbare Nähe zu rücken scheint…

Die Vorbereitungen für unsere Rückkehr nach Deutschland laufen. Reichlich früh zwar, das ist mir klar, aber ich habe diese Zeit so lange herbeigesehnt, dass ich sie jetzt eben ein bisschen ausdehne. Tag X, D-Day, der Tag, dessen Name nicht genannt werden darf, die Stunde Null: Flug LH723 von Peking nach München wird am Dienstag, der 16. Dezember 2014, um 14.20 Uhr Pekinger Zeit chinesischen Boden verlassen, an Bord uns, vermutlich einiges an Übergepäck – und unsere beiden Pelzträger. Bis dahin kommen wir kaum zum Durchatmen, noch dreimal Deutschland für mich, noch öfter für Markus, der New York Marathon, weitere Reisen, daneben die Vorbereitungen für meinen Chinesisch-Sprachtest (für den ich mein Vokabular mal eben verdoppeln muss) und natürlich die Vorbereitungen für einen weiteren interkontinentalen Umzug halten uns ziemlich auf Trab. Besonders der Transport unserer Katzen erweist sich – wenn auch erwartungsgemäß – als logistischer Albtraum. Nachdem China nicht auf der Liste der von der EU anerkannten, erwiesenermaßen tollwutfreien Länder steht, verlangt der Deutsche Zoll jede Menge Papierkram: 90 Tage vor der geplanten Einreise muss je eine Blutprobe von Luke und Yoda in einem zertifizierten deutschen Labor untersucht werden. Dazu müssen die zwei weitere 30 Tage vor Entnahme der Blutprobe mit einem genau spezifiziert (Lebend-)Impfstoff gespritzt und mit einem speziellen Mikrochip ausgerüstet werden. Ob das in Jinan überhaupt geht? Keine Ahnung. Die letzte Woche vor der Ausreise müssen die beiden dann bei einem chinesischen Amtstierarzt in Peking verbringen, der sie nochmal untersucht (bzw. zumindest eine Untersuchung in Rechnung stellt). Erst dann dürfen sie mit uns an Bord von Flug LH723 – und hoffentlich auch das Terminalgebäude in München verlassen. Für den Flug könnten wir sie mit uns in die Passagierkabine nehmen – dazu müssten sie aber in Käfige, die natürlich auch maximal Handgpäck-Größe haben dürfen. Das ist nicht groß, bei zehn Stunden reiner Flugzeit. Und dazu kommt ja noch die Zeit vom Tierarzt bis zum Flughafen, Wartezeit in Peking, Wartezeit in München, Fahrtzeit von München nach Nürnberg… Zeit, in der man den Käfig tunlichst geschlossen halten sollte, wenn man seine Katze gern wiedersehen möchte. Daher habe ich entscheiden, dass die beiden im Gepäckraum reisen werden. Da haben sie Käfige, in denen sie sich zumindest umdrehen und hinlegen können. Und wir haben nicht zehn Flugstunden lang Katzenjammer, sondern können in Ruhe testen, wieviel Champagner man auf so einem Flug tatsächlich trinken kann (normalerweise fliegen wir ja immer nachts, da kommt dann meist Schlaf dazwischen). Überhaupt, als ich heute wieder durch Jinan gefahren bin und im Vorbeifahren das Foto oben gemacht habe, musst ich schon mal kurz denken, warum sich eigentlich so den Kopf zerbrechen über den Transport der Viecher? Aber im Ernst, ich bin mir nicht ganz sicher, ob es nicht von größerer Tierliebe zeugen würde, hier ein neues Zuhause für die beiden zu suchen, als ihnen diese Tortur anzutun – aber Markus will sich nicht von seinen Lieblingen trennen. E basta. Jedenfalls habe ich allen Respekt vor dem organisatorischen Aufwand, der hinter dem Katzenumzug steht. Vor allem wegen dem Problem, dass chinesische Behörden europäische Formulare ausfüllen müssten und europäische Behörden chinesische anerkennen sollten… Außerdem macht Jinan als Wohnort einiges komplizierter, denn in Peking und Shanghai gibt es natürlich die entsprechenden Stellen, aber hier? Am Ende muss ich die beiden nicht einmal im Dezember, sondern dreimal (zum chippen/impfen und dann zum Blutabnehmen) nach Peking karren? Mir schwant Böses. Aber: Jetzt habe ich ja Vincent, meinen neuen besten Kumpel aus Hong Kong, von der Firma Pet Immigrant. Er sagt, er kümmert sich um ALLES. Inklusive Transportboxen fürs Flugzeug, inklusive Impfungen, Transfer zum Flughafen, Kommunikation mit deutschem und chinesischem Zoll sowie der Airline, alles eben. Für schlappe 19.800 RMB. Das ist ein Spottpreis, ich hab denselben Service auch schon für 31.000 angeboten bekommen. Danach sind die Katzen dann nicht nur in Deutschland, sondern vermutlich auch mit Blattgold überzogen. Oder zu echten Jedi-Rittern ausgebildet. Und um nochmal aufs Stockholm-Syndrom zurückzukommen: Keine Sorge, ich fange nicht plötzlich an, China ganz großartig zu finden. Hier ist nach wie vor alles trist und widerlich. Es stinkt überall. Neulich habe ich meine Kopfkissen gewaschen und zum Trocknen raus gehängt – danach sind sie direkt zurück in die Waschmaschine gewandert, so haben sie nach Ruß und Asche gestunken. Auch haben wir das letzte Wochenende seit langem mal wieder in Jinan verbracht. Hier ist es einfach so langweilig, das wir beide schon Samstagmittag derart genervt sind, dass wir anfangen, uns gegenseitig anzumaulen. Also nein, China an sich werde ich sicher nicht vermissen. Was ich aber sehr wahrscheinlich vermissen werde, ist das hier: 30.4.-4.5. Hong Kong 9.5.-17.5. Peking und Shanghai 18.5.-24.5. Saigon 5.6.-6.7. Deutschland (Besuche in Berlin, Stuttgart und Hamburg) September: Deutschland Oktober: Kambodscha November: New York City und evtl. nochmal Deutschland… Und dieser Plan ist sicher noch nicht vollständig. China ist und bleibt ein Handel. Der oben beschriebene Luxus gegen meine Selbstbestimmung und -verwirklichung sowie nicht zuletzt meine Karriere. Und wie bei vielen Einkäufen liegt das Preis-Leistungsverhältnis im Auge des Betrachters.

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Das Leben der Anderen

imageLiebes Tagebuch,
Irgendjemand hat mal behauptet, Gegensätze zögen sich an. Völliger Quatsch, wenn du mich fragst. Mein Freund China und ich könnten gegensätzlicher kaum sein – und je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr stößt er mich ab. Zeit, sich zu trennen?

Wir schreiben den 15. Dezember 2013. Wir sind auf dem Weg nach Deutschland. Weihnachten steht vor der Tür, Silvester, Markus’ 40., Skiurlaub ( im Bild der morgendliche Blick aus meinem Hotelzimmer). Viele Gründe, sich zu freuen. Und doch: ich kann nicht. Kann mich irgendwie nicht freuen. Warum? Nun, ich habe Monate, ja, Jahre damit zugebracht, mir selbst in die Tasche zu lügen, was mein Verhältnis zu China angeht. Habe mir vorgemacht, alles sei wunderbar, Deutschland fehle mir überhaupt nur ein klein bisschen. Habe mich so sehr verbogen, dass ich so schnell nicht zurück kann, mir selbst so lange Souveränität vorgegaukelt, bis ich sie mir abgekauft hab. Ein gut geölter Überlebensmechanismus.
Und so dauert es ein bisschen. Ich sehe mich durch Deutschland laufen, als wäre ich eine Romanfigur. Schreibe Gefühle auf, von denen ich weiß, dass die Figur sie empfinden sollte. Als unser Flugzeug in Nürnberg aufsetzt, presse ich mechanisch ein paar Tränchen hervor. Glühwein auf dem Christkindlesmarkt, Freunde treffen, die Familie mit unserer verfrühten Ankunft überraschen – all die Gedanken, mit denen ich mich durch graue Stunden in Jinan getröstet habe, erscheinen mir plötzlich wie die eines anderen Menschen. Es geht so weit, das ich mich sagen höre: “Ich weiß gar nicht, ob ich eigentlich nach Deutschland zurück will”, oder “an das Leben im Ausland könnte ich mich schon gewöhnen”.
Doch dann, heimlich, still und leise, verschiebt sich der Blickwinkel wieder. Puzzlesteine fallen zurück an ihren Platz. Ich beginne langsam, die saubere Luft zu schmecken. Zu fühlen, wieviel Geborgenheit mir meine Familie gibt, wie sehr ich meine Freunde vermisse, wie wenig normale Sozialkontakte ich habe und wie dringend ich sie bräuchte.
Und jetzt ist der letzte Abend vor meiner Rückreise nach China. Der 21. Januar 2014. 2013 ist vergangen, das Jahr, dessen Ende mir so viel bedeutet hat. Und dennoch liegt immer noch ein Jahr vor mir, denn mittlerweile steht mehr oder weniger fest, dass wir erst zum nächsten Jahreswechsel endgültig heim kommen. “Ein Jahr, das sitz ich doch auf einer Arschbacke ab”, hab ich immer gesagt, doch heute Nacht, schlaflos im Bett, erscheint mir dieses Jahr wie eine Ewigkeit. Ein bisschen hab ich mich in den sechs Woche hier zurück gebogen zu dem Menschen, der ich einmal war, nur um mich ab morgen wieder in die andere Richtung pressen zu müssen. Was passiert mit einem Stück Holz, dass man immer wieder in die eine und dann in die andere Richtung biegt? Ich kann nur hoffen, dass ich Bambus bin.
imageDie Skiwoche mit meinem Papa im Robinson Club Schweizerhof war in vielerlei Hinsicht bezeichnend – ähnlich wie die gleiche Woche im letzten Jahr – unbeschwert, lustig, voller netter Menschen (im Bild mit meiner Bronzemedaille beim Skirennen und mit Kerstin, die die goldene gewonnen hat). Anfangs habe ich versucht, das Gesprächsthema China auszusparen, doch das lässt sich auf Dauer kaum durchhalten. Und kommt die Sprache darauf, hängen die Zuhörer an meinen Lippen. Finden mich interessant, witzig, charmant. Klar, ich habe viel gesehen und erlebt in den letzten 28 Monaten, und ich hatte viel Zeit zu reflektieren und meine Erlebnisse im Geiste zu unterhaltsamen und mundgerechten Häppchen zu arrangieren.
Ich habe so eine nette Art, die Dinge zu beschreiben, sagt man mir – nichts als gut durchdachte, druckreife Floskeln sind das, aber woher soll ein Fremder das wissen?
So bade ich einerseits in der Aufmerksamkeit und der unverhohlenen Bewunderung meines Publikums – fühle mich aber schon wieder, als würde ich das Leben eines anderen erzählen. Keine Welt scheint gerade die meine zu sein. Wo ich hingehöre, kann ich im Moment nur erraten. China jedenfalls ist es nicht.

So, und nun zurück zu meinem sorgsam erarbeiteten Blickwinkel, zu dem ich in den nächsten Tagen dringend zurück muss. Wir feiern meinen 31. Geburtstag im Urlaub, zwei Wochen Asientour (Singapur, Malaysia, Borneo, Hong Kong). Im März muss Markus schon wieder nach Deutschland. Ich werde einfach mitkommen, das Flugbudget wird es schon hergeben. Den Rest des Jahres habe ich sorgsam in Abschnitte eingeteilt, mit weiteren Heimaturlauben im Juni und September. Und dann wird er irgendwann da sein, der große, der eine Tag im Dezember. Der Tag, an dem ich, dann zusammen mit meinen beiden Vierbeinern, zum vorerst letzten Mal in Peking ins Flugzeug einsteigen werde. Bisher habe ich mir selbst verboten, mir diesen Tag allzu deutlich vorzustellen. Aber nachdem ich “ein Jahr auf einer Arschbacke absitze”, werde ich damit jetzt wohl mal anfangen, so wie ein Marathonläufer, der sich den Moment des Zieleinlaufs vor seinem geistigen Auge ausmalt.
In diesem Sinne, auf in den Kampf.
Nachtrag. 18 Stunden später.
Ich höre das Rauschen von Flugzeugturbinen. Wieder einmal. Ich sitze in der Turkish-Airlines-Maschine nach Istanbul, von wo aus ich, wie gewohnt, nach Peking weiterfliege. Hinter mir liegt eine Nacht voll unruhigem Schlaf und anstrengender Träume, ein Tag voller Zweifel und Abschiedsschmerz. Aber seltsamerweise ziehe ich offenbar genau daraus meine Energie.
Ich kehre zurück zu meinen tapfer eingeübten Kompensationsmechanismen. Ich zähle Tage, schmiede Pläne, richte mein Augenmerk auf die positiven Aspekte des Lebens, das ich mich entschieden habe zu führen. Und das geht so: Jetzt erstmal Urlaub im Warmen, dann noch vier, fünf Wochen in China. Ab heute in nur 46 Tagen lande ich wieder in Nürnberg. Dann mache ich Mama und vor allem mir selbst eine große Freude – und gehe diese Saison doch noch einmal Skifahren. Wenn es klappt, wieder in den Schweizerhof. Und mit dieser Aussicht und dem leichten Nebel eines (pfui!) kleinen Franziskaner Weizens zum Abschied sitze ich hier und weiß wieder, was ich zu tun habe.

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Im Paradies gibt’s auch Chinesen

Liebes Tagebuch,

mein Freund China und ich haben zusammen eine Reise unternommen. Wir waren in Neuseeland. Das ist für uns beide weit weg. Für mich eher räumlich, für China eher so gefühlsmäßig. Kulturell könnte man sagen. Zunächst war ich überrascht, wie gut China sich in dieser neuen Welt zurecht findet: Er ist kaum negativ aufgefallen, hat sich richtig zivilisiert benommen. Im Lauf der Zeit fiel mir aber mehr und mehr auf: Er kann halt auch nicht aus seiner Haut.

20131107-091643.jpg

Neuseeland ist das Paradies auf Erden. Der schönste Fleck Erde, an dem ich je war. Grüne Hügel, soweit das Auge reicht. Öde Felslandschaft, zerklüftete Inselwelt, spektakuläre Gletscher und Vulkane. Unglaublich. Mein persönlicher Höhepunkt – wohlgemerkt unter hunderten atemberaubenden Anblicken – war der im Bild oben, aufgenommen am Lake Wanaka. Ich stand an diesem Strand und mir liefen einfach so die Tränen übers Gesicht.

Wettertechnisch hatten wir nur Pech in diesen zwei Wochen: So ziemlich alles, was wir an Outdoor-Aktivitäten geplant hatten, ist buchstäblich ins Wasser gefallen oder vom Winde verweht worden: Die Tongariro Crossing, bekannt als eine der beeindruckendsten Tageswanderungen der Welt; der Hubschrauberflug auf den Fox-Gletscher; der Hubschrauberflug über den Milford Sound; der Skitag in den Remarkables. Ein Erdrutsch hat uns 800 Kilometer Umweg beschert . Das sind zwei Tagesreisen in diesem Land, in dem es so wenig Menschen (und Autos) gibt, dass der Highway eine Landstraße ist – aber leider (oder gottseidank?) die einzige Straße, die an der Westküste der Südinsel entlang führt. Nicht ohne einen Anflug von Ironie hatten wir an unseren Autofahrt-Tagen meist strahlenden Sonnenschein…

Und dennoch waren das die besten zwei Wochen Urlaub, die wir je hatten. Trotz (Entschuldigung für diesen Gegensatz) der vielen Chinesen, denen wir dort begegnet sind. In der Tat waren wir recht angenehm überrascht von unseren Wahlmitbürgern und ihrem Verhalten im Ausland. In Auckland zum Beispiel – hier sind wir gelandet – sind sie uns eigentlich nur aufgefallen, weil mein Gehör inzwischen ziemlich auf die chinesische Sprache geschult ist, das heißt, ich nehme sie auch wahr, wenn sie sich nur in meiner Nähe unterhalten. Das hat immer mal zu witzigen Situationen geführt, denn meine erste Reaktion auf den Klang der chinesischen Sprache ist die Erwartungshaltung, dass gleich etwas Seltsames (Rotzen, Spucken, sich sonstwie lautstark daneben benehmen) passieren wird. Doch solche Erfahrungen sind so gut wie komplett ausgeblieben in den zwei Wochen. Und sind sie doch einmal vorgekommen – und das ist das Absurde – haben wir uns mit einem milden Lächeln im Gesicht ertappt und uns irgendwie heimelig gefühlt. Ist das krank?

Erfreulicherweise bewegen sich Chinesen im Ausland meist in größeren Gruppen entlang der sorgfältig ausgetrampelten Touristenpfade. Und die waren Ende September ohnehin noch relativ einsam – man bemerke, in Neuseeland geht da gerade der Winter zu Ende und die Reisewelle ist erst ganz am Anfang. So durften wir schmunzelnd beobachten, wie sich ein solcher Bus über die ansonsten noch ziemlich verlassene Kleinstadt Te Anau (Ausgangpunkt zum Milford Sound) ergoss und sich alle Reisenden bis auf vier Mutige direkt in das einzige chinesische Lokal am Platz begaben. Die vier Musketiere landeten an unserem Nebentisch in der – Trommelwirbel – Pizzeria.

Mehrfach habe ich mich auch dabei ertappt, wie ich eigentlich hätte helfen können – zwei Chinesinnen versuchten zum Beispiel in kaum vorhandenem Englisch, Tickets für eine Bootsfahrt zu kaufen. Ich stand schweigend daneben – sicher als einzige im Raum, die sowohl die Chinesinnen als auch den neuseeländischen Ticketverkäufer verstand – und war so amüsiert über die für mich so verkehrte Welt, dass ich meinen Mund nicht aufbekommen habe. Aber keine Sorge, die Kiwis sind so freundlich und geduldig, dass es irgendwann auch ohne mein Zutun geklappt hat.

20131107-092031.jpgDer beste Moment in Punkto „Chinesen auf Reisen“ war jedoch sicher das Bild links. Ich jogge, Nichts ahnend, an der Uferpromenade in Queenstown entlang, und dann das. Da lief gerade eine typisch chinesische Hochzeitsfoto-Session, wie wir sie in China zu tausenden gesehen haben. Und nein, die beiden haben sicher nicht an diesem Tag geheiratet. In China macht man, wie an anderer Stelle bereits mehrfach berichtet, die unglaublich kitschigen Hochzeitsfotos – meist in x verschiedenen, quietschbunten Partnerlooks und so stark nachbearbeitet, dass man das Paar kaum noch erkennt – schon Wochen oder Monate vor dem Fest. Offenbar gibt es sogar in Neuseeland Anbieter für diese Art von Fotografie. Oder aber das Paar hatte genug Geld, die chinesischen Fotografen-Crew mit nach Neuseeland zu fliegen – nur um sich einmal zu fühlen wie Arielle, die Meerjungfrau.

Ich könnte noch stundenlang von Neuseeland schwärmen, aber ich diszipliniere mich und lasse lieber Bilder sprechen – in der nachstehenden Galerie.

Der Rest in Kürze: Nach unserer Rückkehr aus Neuseeland ist Markus für zweieinhalb Wochen nach Deutschland geflogen – aber auch das Alleinsein hier habe ich inzwischen gut im Griff. Zumal ich vollauf beschäftigt war und bin: Zunächst hat mich meine liebe Freundin Heike aus Shanghai in Jinan besucht – mal erleben, wie “das echte” China außerhalb dieser tollen Stadt so ist, hehe. Dann war ich auf der Geburtstagsfeier meiner ebenso lieben Freundin Jasmin in Peking, um Tags darauf nach Shangahi zu fliegen, wo ich meinen Bruder Thomi und seine Freundin Petra in Empfang genommen habe.

Vier Tage Shanghai, eine knappe Woche Jinan (wo Markus wieder zu uns stieß), eine ereignisreiche Besteigung des Taishan (einer der fünf heiligen Berge des Buddhismus), dann vier Tage Peking (inklusive einem wunderbaren Besuch bei einem touristisch noch völlig unerschlossenen Stück der großen Mauer, Wahnsinn!). Jedes einzelne Ereignis aus dieser Liste wäre übrigens einen Blogeintrag wert.

Direkt nach Thomis und Petras Abreise aber hat für mich wieder der Ernst des Lebens begonnen (*hüstel*), ich bin nämlich wieder zur Uni gegangen, wo ich mich diesmal aufgrund meiner langen Abwesenheit tatsächlich ganz schön reinhängen muss, um einigermaßen dabei zu bleiben. Parallel unterrichte ich jetzt an drei Nachmittagen Englisch und Deutsch und meine eineinhalb, zwei Stunden Sport am Tag müssen ja auch noch eingetaktet werden. Wenn man keine Zeit zum Trübsalblasen hat, ist es auch leichter zu ertragen, dass es in der Wohnung kalt ist, weil die Heizperiode noch nicht begonnen hat, und dass die Luft von Tag zu Tag schlechter wird.

Nur noch ein paar Wochen, dann geht es erst auf einen Kurztrip nach Saigon (Familie Dietrich, wir freuen uns ein Loch in den Bauch!) und kurz darauf dann für Weihnachten, Silvester, Markus’ 40. und zweimal Skifahren nach Deutschland. Von dort aus düse ich nur schnell für das Jahresabschlussfest der Firma nach Jinan, zwei Tage später geht es auf die nächste Reise: Meinen Geburtstag (und das chinesische Neujahrsfest) feiern wir diesmal in Indien.

So ist dieses noch im Februar so gefürchtete Jahr 2013 wie im Flug vergangen. Es geht mir hier so gut wie noch nie – wohl wissend, dass das verbleibende Jahr ein Kinderspiel wird, verglichen mit den ersten beiden.

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Pics from Paradise – Neuseeland in Bildern

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Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schnellste Chinesin im Land?

Liebes Tagebuch,

du wirst es nicht glauben, aber mein Freund China hat es neulich doch einmal wieder geschafft, mich zum Staunen zu bringen – und dabei dachte ich, ich kenne ihn schon so gut. 

Die Chinesen sind Spieler. Glücksspiel ist ebenso beliebt wie jede andere Form von Wettkampf. So auch beim Sport. Erfolgreiche Sportler werden als Nationalhelden verehrt. Und auch der Breitensport wird langsam immer wichtiger. Das merkt man zum Beispiel daran, dass unser Fitnessstudio immer voller wird. Und weil es immer voller wird, gibt es auch immer mehr Aktionen und Angebote. So haben sie kürzlich einen Wettkampf veranstaltet in den Disziplinen Schwimmen, Tischtennis und Fitness.

Dass ich mich im Tischtennis nicht mit den Chinesen würde messen wollen, war von vornherein klar. Blamieren wollte ich mich schließlich auch nicht. Schwimmen wäre für mich ein Heimspiel gewesen – ich kenn ja meine Pappenheimer und weiß, dass mich bisher keiner überholt hat, nicht mal, wenn ich mal Brust schwimme und nicht mal, wenn ich bereits mehrere Kilometer hinter mir habe. Aber dazu sollte es nicht kommen.

Meine Fitnesstrainerin Angela – ihr eigentlicher Name ist Meizi – hatte mich erfolgreich bekniet, auch am „Fitnesswettbewerb“ teilzunehmen. Es standen zehn Übungen an – Dinge wie Kniebeugen mit Hanteln, Liegestützen, Seilspringen und ein Sprint – die hintereinander und so schnell und korrekt wie möglich ausgeführt werden mussten. Natürlich – bitte entschuldigt die Überheblichkeit – war ich die schnellste Frau (ok, von vier). Wirklich aufregend fand ich das zwar nicht, aber Meizi hat sich ein Loch in den Bauch gefreut.

Bis – ja bis die Zweitplazierte sich so lange über ihre Strafsekunden für schlampig ausgeführte Übungen beschwert hat – dass wir tatsächlich wiederholen mussten. Meine Beteuerungen, sie könne den ersten Platz gern einfach so haben, ich würde dann jetzt zum Schwimmen gehen, fruchteten nicht. Wir mussten nochmal. Diesmal gleichzeitig auf parallel aufgebauten Parcours. Meizi ließ es sich nicht nehmen, mir noch ihr komisches Gummiarmband, so eins mit einem Magneten drin, das ungeahnte Kräfte verleihen soll, ans Handgelenk zu hängen. Ihr Mann (ebenfalls Fitnesstrainer) hängte seins dazu und schon war ich gerüstet. Doch es kam, wie es kommen musste, bei einem unbedachten Hopser über einen Step verdrehte ich mir mein kaputtes Knie (manchmal wäre so ein Kreuzband halt schon nicht schlecht). Die Sekunden, die mich die Schmerzen kosteten, waren natürlich nicht mehr einzuholen – zumal meine Konkurrentin mit einer unfassbaren Verbissenheit am Werk war. Aber kein Problem, dacht ich mir, machste noch in Ruhe fertig und gut is’.

Hätt ich mich mal beeilt. Im Ziel stand Meizi, heulend wie ein Schlosshund. Ich mach keine Witze, die Tränen liefen runter wie ein Wasserfall. Ich hab mich wirklich schwer getan, ihre Antwort auf meine Frage nach dem Warum zu verstehen – wie bereits beschrieben, spricht Meizi ja kein Wort Englisch. Fazit: Es tut ihr so leid, dass ich jetzt verloren habe, nur wegen der blöden Kuh, und ob sie (Meizi) das jemals wieder gutmachen kann. Es tut ihr so leid, sie hat es mir so gegönnt. Ok, sag ich, kein Thema, wirklich, ich kann trotzdem weiterleben, ehrlich. Minuten später konnte sie immer noch kaum an sich halten, ich wusste echt nicht, wie ich sie beruhigen soll.

Zwei Möglichleiten als Erklärung für dieses Verhalten: Entweder, man hatte dem Trainer, dessen Schützling gewinnt, einen extra Monatslohn versprochen (eher unwahrscheinlich), oder sie sind einfach so schlechte Verlierer, dass sie dachte, mein ganzer Samstag – ach was sag ich, mein ganzes Leben! – seien deswegen beim Teufel.

Jetzt bin ich schon so lange hier, und doch erlebe ich regelmäßig Dinge, die mir aufzeigen, wie wenig ich tatsächlich weiß über dieses Land und seine Leute.

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Endlich(e) Harmonie

Taipei 101 flach
Liebes Tagebuch,
ich habe mich lange nicht gemeldet. Der Grund ist einfach: Ich habe nichts zu jammern. Nichts zu beichten, nichts zu beklagen. China und ich führen eine harmonische Beziehung. Auch mein langer Ausflug zu Chinas Vorgänger Deutschland hat daran nichts ändern können. Alles ist bestens – wenn man auch nicht aus den Augen lassen darf, dass diese Harmonie nach wie vor auf ihrer Endlichkeit basiert.

Der Alltag ist wieder eingekehrt. Nach viereinhalb großartigen Wochen in Deutschland hatte ich befürchtet, es würde einmal mehr eine harte Landung werden – war es aber nicht. Natürlich fehlt mir die Heimat. Mama, Papa, Brüder, Katja. Ihre Tochter Franziska, die ich bei meinem nächsten Besuch an Weihnachten mal wieder kaum wieder erkennen werde, die dann inzwischen gelernt hat zu krabbeln oder gar schon anfangen, sich aufzustellen. Und so weiter. Natürlich vermisse ich das Laufen an der frischen Luft, das Schwimmen unter freiem Himmel, das Sitzen in hübschen Cafés. Den Geruch nach Waldboden, nach frisch gemähtem Gras.
Nürnberger BurgSchlimm war es diesmal eigentlich nur die letzten ein, zwei Tage vor meiner Abreise. Angefangen hat es mit einem Zufall. Ich war in der Nürnberger Innenstadt zum Frühtück verabredet und wollte im Parkhaus Adlerstraße parken. Meine Nürnberger Freunde ahnen vielleicht schon, wo das hinführt… Das Parkhaus war ziemlich voll, ich musste ganz nach oben – von wo aus man mit den schönsten Blick überhaupt auf die Altstadt und die Burg hat. Blauer Himmel, dieses Panorama (siehe Foto). Und plötzlich war er da, der Gedanke. „Verdammt, ich will hier nicht weg.“
Ich habe Tage bis Weihnachten gezählt, vorsichtshalber Flüge für die Zwischenzeit herausgesucht, unser Flugbudget gesichtet. Alles für den Fall, dass ich hier gegen eine große Mauer laufe. Doch nichts dergleichen ist eingetreten.
Gut, ich war keine 24 Stunden hier in Jinan, da sind wir schon wieder aufgebrochen, um unseren zweiten Hochzeitstag in Taipeh zu verbringen. Großartige Stadt, ein himmelweiter Unterschied zum Mainland: saubere Toiletten, kein Angestarrtwerden, lauter höfliche Menschen, die Englisch sprechen, eine wahre Weltstadt (Foto oben: Blick vom Elephant Mountain auf den Taipei 101, der lange Zeit das höchste Gebäude der Welt war).
Doch auch seither ist alles in Ordnung. Und das, obwohl zur Zeit Semesterferien sind, ich also außer sechs Stunden Englischunterricht pro Woche wenig habe, dessen Zeitplan ich nicht frei wählen kann. „The devil finds work for idle hands“, „der Teufel findet eine Beschäftigung für tatenlose Hände“ – wer weiß das besser als ich. Doch inzwischen scheine ich recht gut darin zu sein, mich sinnvoll mit mir selbst zu beschäftigen.
Natürlich ist und bleibt mein Sport hier mein wichtigster Begleiter. Zwei Stunden Training am Tag (Laufen, Radfahren, Schwimmen, Krafttraining) bedeuten quasi drei Stunden, in denen ich beschäftigt bin (rechnet man die Zeit dazu, die man bei den aktuellen Temperaturen, also täglich zwischen 35 und 40 Grad, braucht, um zum Schwitzen aufzuhören). Und ich bin dabei nicht nur beschäftigt, sondern auch zufrieden. Irgendwie scheine ich halt immer einen Kampf zu brauchen, und wenn ich schon nichts anderes habe, wofür (oder wogegen?) ich kämpfen kann, dann ist es eben das Laufband, der Ergometer oder die Hantel.
Der Englischunterricht ist im Vergleich zwar ganz nett, befriedigt mich aber nicht im Ansatz so sehr. Natürlich freue ich mich über die Fortschritte meiner Schüler, aber für mich selbst sehe ich wenig Nutzen darin. Zumindest keinen, der über die sechs Wochenstunden, die er verbraucht, hinaus geht. Mein Englisch wird dadurch kaum besser, dass ich ständig versuchen muss, mich so einfach wie möglich auszudrücken. Und auch für meine zukünftige Karriere stelle ich mir keinen Job vor, bei dem ich davon profitieren könnte. Insofern fällt es mir oft schwer, mich dafür zu motivieren. Und doch: Hinterher geht es mir immer ein kleines Bisschen besser als vorher – weil ich mich zu etwas aufraffen musste. Es fühlt sich so gut an, gezwungen zu werden.
Das Chinesischstudium rangiert in Punkto Motivation irgendwo zwischen Englisch und Sport. Zwar weiß ich auch nicht, was es mir in Zukunft konkret nutzen wird, aber zumindest erwerbe ich hier eine ziemlich ungewöhnliche Qualifikation, die meine Bewerbung, um welchen Job auch immer, vielleicht wenigstens in den kleineren Stapel befördern wird.
Bei beidem aber, Englisch und Chinesisch, gilt: Die Herausforderung fehlt. Beides verlangt mir nicht mehr ab als einen Bruchteil meiner geistigen Leistungsfähigkeit – und die zu verschwenden, tut mir weh.
Nicht einfacher wird das durch die Tatsache, dass während ich mit der intellektuellen Unterforderung kämpfe, Markus beinahe täglich an der Grenze seiner körperlichen und mentalen Belastbarkeit steht. Ich bin fest davon überzeugt, dass er hier einen großartigen Job macht, in der Tat, dass niemand diesen Job besser machen könnte. Und doch kann auch er nicht alle Probleme lösen, die sich ihm hier stellen. Nun ist er aber ein Perfektionist und kann unheimlich schwer etwas unter 100 Prozent akzeptieren (wir passen eben einfach perfekt zusammen). Wenn man aber täglich am sprichwörtlich offenen Herzen operiert, muss man Prioritäten setzen, Kompromisse machen – und sich mit Notlösungen zufrieden geben. Hinzu kommt, dass die deutsche Gründlichkeit – und unserer Erfahrung nach gibt es sie wirklich – hier oft auf Unverständnis stößt. Das Bild an der Wand hängt eineinhalb Grad schief? Na, dann hängt es doch 358,5 Grad gerade, super!
So tröste ich mich mit dem Gedanken, dass ich ihm eine wichtige Stütze bin – was er mir wiederum mit unendlicher Großzügigkeit, Geduld gegenüber meinen gelegentlichen Aussetzern und scheinbar grenzenloser Dankbarkeit vergilt. Die Nummer hier – sie ist eine Teamleistung. Und wann immer ich daran zweifle und mich als nutzloses Anhängsel fühle – belehrt mein Mann mich eines Besseren.

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Alles bestens – oder doch nicht?

Shandung University CampusLiebes Tagebuch,
macht mein Freund China einen anderen Menschen aus mir? Sehe ich die Dinge anders, nur weil ich mit ihm zusammen bin? China hat mich in vielerlei Hinsicht stärker gemacht, davon bin ich fest überzeugt. Erwachsener, selbstbewusster, stabiler
. Und dann gibt es doch wieder diese Momente, in denen er mich mit einer scheinbar harmlosen Aktion - einem Augenzwinkern, einer kleinen Geste, einem unbedachten Wort - völlig an den Rand bringt.

Im Grunde geht es mir zur Zeit hier so gut wie lange nicht, vielleicht ging es mir hier noch nie so gut. Es ist Sommer, aber noch nicht so lange, dass das ganze Grün draußen schon braun wäre, alles ist noch saftig und farbenfroh. In der neuen Wohnung fühle ich mich sehr wohl, viel wohler als in der alten, obwohl sie kleiner und dunkler ist, aber, ja, hier bin ich auf wundersame Weise „zuhause“. Hier bei uns im Compound ist es also gerade richtig hübsch, dazu kommt, dass immer mehr Geschäfte und Restaurants hier eröffnen, wir haben jetzt sogar eine ganz nette Bar, in der man angenehm draußen sitzen kann (das ist hier wirklich sehr, sehr ungewöhnlich).

Die letzten paar Wochen waren wunderbar „normal“, sogar die eine Woche, die Markus in Deutschland verbracht hat, war kein großes Problem. Alles ging seinen regelmäßigen Gang: Sport, Uni, Englischunterricht, Sport. Diese Kalkulierbarkeit hilft mir sehr. Außerdem, und das ist vielleicht der wichtigste Grund: Heute in einer Woche geht es für vier Wochen nach Deutschland. Da ist es einfach, hier entspannt zu sein.

So fällt es mir auch leicht, für Markus da zu sein, ihn aufzufangen und ihm zu helfen, mit einem wirklich anstrengenden Arbeitsalltag besser klar zu kommen. Im Grunde wohl meine wichtigste Aufgabe hier (so sehr es mich auch schmerzt, das nur zu denken, ganz „hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“, mir kommt der Brechreiz). Ich bin ausgeglichen, belastbar, immer freundlich und gut gelaunt. Doch dann kommt China.

Neulich in der Uni. Das Semester (im Bild das Hauptgebäude des zentralen Campus der Shandong University, hier studiere ich) ist gerade zu Ende gegangen, diese Woche standen die Prüfungen an. Offiziell darf ich die nicht mitschreiben, weil ich durch meine fünfwöchige Abwesenheit (Deutschland, Peking, Shanghai, Hong Kong, Guilin… Na, ihr kennt das ja) unter die 70 Prozent Anwesenheit komme, die Voraussetzungen für die Prüfung sind. Ist mir aber egal, ich bin ja nicht hier, um Prüfungen zu schreiben, die ich dann sowieso für nichts brauchen kann, da kein Abschluss nur für die chinesische Sprache angeboten wird. Ich hatte mich aber in den letzten Wochen so bemüht, alles nachzuholen, was ich in den fünf Wochen verpasst hatte, und hatte nun mit meinen Lehrerinnen ausgemacht, dass ich die Prüfung außer Konkurrenz mitschreiben darf, nur um mich selbst zu überprüfen. Aber wer hatte schon damit gerechnet, dass das ohne Probleme ablaufen würde?

Gestern vor der Hörverständnis-Prüfung kam schon „Miss-Haare-auf-den-Zähnen“ aus dem International Students Office zu mir und wollte mich wirklich rausschmeißen aus der Prüfung. Ich habe ihr aber verständlich machen können, was ich meinen Lehrerinnen auch schon verständlich gemacht hatte (ich sehe solche Situationen als kostenlose Sprachfertigkeitsübungen), nämlich dass ich insofern ein Sonderfall bin, als ich bereits einen Universitätsabschluss besitze, dass ich außerdem Selbstzahler bin und sich die Uni weder im mein Visum, noch um meine Versicherung, noch um meine Wohnung kümmern muss, ich ihr also in den letzten drei Semestern fast 30.000 RMB Reingewinn eingebracht habe. Da sei es ja wohl nicht zu viel verlangt, einfach anwesend sein zu dürfen? Nach langem Hin und Her durfte ich tatsächlich teilnehmen, mein Ergebnis wird nun einfach nicht gewertet. Heureka!

Doch dann kam der heutige Morgen: Reading and Writing stand auf dem Prüfungsplan, das arbeitsintensivste Fach von allen. Und, so darf ich mit ein bisschen Stolz hinzufügen: Da bin ich echt gut drin, obwohl das für uns Westler, die wir ein buchstabenbasiertes Schriftsystem gewohnt sind, so viel schwerer ist als für meine koreanischen Klassenkameraden, die ebenfalls mit Schriftzeichen aufwachsen. Ich war also wirklich neugierig auf die Prüfung. Die Lehrerin wusste ja bescheid, also rechnete ich nicht mit weitern Diskussionen. Bis sie zu mir kam und mir tatsächlich berichtete, sie habe eine E-Mail aus der Verwaltung bekommen, sie dürfe mich auf keinen Fall außer Konkurrenz teilnehmen lassen. Eigentlich, so verlangte es meine Überzeugung, müsste ich jetzt direkt ins International Office gehen und dort einen riesigen Tanz aufführen. Aber wisst ihr was: Ich mag nicht. Ich mag mich nicht mit ihnen streiten, obwohl ich mich im Recht sehe. Ich mag nicht die Ausländerin sein, die eine Extrawurst verlangt, wie klein die auch immer sein mag und wie sehr sie ihr vielleicht sogar zusteht. Ich mag einfach nicht. Gerechtigkeit hin oder her.

Aber sowas rumort in mir. Sie sind so versessen auf ihre „procedures“, dass sie alles jenseits davon nicht sehen wollen, können, dürfen oder wie auch immer, egal, wie unproblematisch und vielleicht sogar richtig eine Ausnahme wäre. Das macht mich wahnsinnig, diese Zwangskonformität, dieses mangelnde Transferdenken, das faule Sich-auf-Regeln-Verlassen-egal-wie-schwachsinnig-sie-sind, damit man ja nicht persönlich für irgendwelche Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen wird.

Und der Tag geht natürlich beschissen weiter: Umsonst um acht in die Uni gefahren. Die Lehrerin hatte aber versprochen, sie gibt mir nach Prüfungsende eine Angabe mit nach Hause. Wenigstens was. Also muss ich eineinhalb Stunden totschlagen. Fahre zum Blumenmarkt, um ein paar Lilien zu kaufen, stelle dort gähnende Bargeldabwesenheit in meinem Beutel fest. Fahre auf die Bank, finde nur die falsche, aber egal, zahlen wir eben zwei RMB Gebühr. Biege um die Ecke, dort wäre die richtige Bank gewesen, und vor der hätte ich nicht mal in die Feuerwehrabfahrt parken müssen. Ich könnte mir schnell die Nägel machen lassen, stehe schon in der Parkplatzeinfahrt, da fällt mir ein, dass ich das lieber nächste Woche machen sollte, damit ich in Deutschland nur einmal gehen muss. Rückwärts wieder raus geht nicht, hinter mir schon Autos. Also zwei RMB Gebühr fürs Durchqueren des Parkplatzes. Weiter zum Blumenmarkt, bei dem ich vorhin noch einen Platz vor der Haustür hatte (als ich festgestellt hab, dass ich kein Geld dabei hab, ihr erinnert euch?). Jetzt weit und breit kein Fleckchen für mein Auto. Also bei 38 Grad (ja, morgens um hab 10) ewig weit zu Fuß durch den Dreck. Schließlich zurück zur Uni, um von der Lehrerin zu erfahren, dass sie mir die Prüfungsfragen erst nächste Woche geben kann, warum auch immer. Versuche dann eben zum zweiten Mal, den Koffer einer deutschen Freundin bei deren Exfreund abzuholen, doch der versetzt mich zum zweiten Mal. Argh, so fühlt es sich an, wenn China einen in den Arsch tritt.

Und doch: Vielleicht ist es gar nicht China, und sowas passiert in Deutschland genauso. Und vielleicht würde ich es dort in diesem Moment genau so schlimm finden und denke nur aus der Ferne, dass dort alles besser wäre. Ich werd’s erfahren, und zwar vergleichsweise bald: Am 1. September sind wir seit zwei Jahren hier.
Ein gutes Jahr noch, das scheint nichts zu sein. Und doch, wenn ich jetzt im August aus Deutschland zurück komme, liegt ein langer Monat ohne Uni vor mir – so sehr sie mich dort heute auch genervt haben, aber ohne Uni ist schlimmer: Tage, an denen ich das Haus nicht verlasse, außer, um zum Sport zu gehen. Tage, an denen ich mich zu nichts Sinnvollem aufraffen kann. Tage, an denen ich mein Leben hier – das permanente Unterfordertsein, den Mangel an Bestätigung – hasse.

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Leben auf der Überholspur

imageLiebes Tagebuch,
Was muss das Leben langweilig gewesen sein, bevor ich meinen Freund China kennengelernt habe. Eine Woche lief ab wie die andere, nur unterbrochen von gelegentlichen Ausnahmen wie einer Urlaubsreise, auf die man sich monatelang vorbereiten konnte. Und jetzt? Nicht, dass ich mich über zu viel Urlaub beklagen will, aber: Kann mal jemand die Stopptaste drücken? Mir wird übel.

Ich will gar nicht genau wissen, wann ich zuletzt hier saß um zu schreiben. Einfach so, am Schreibtisch am Computer. Die letzten, naja, ungefähr zwei Monate waren unglaublich. Unglaublich schön, unglaublich schnell vorüber, unglaublich anstrengend, körperlich und emotional. Zunächst natürlich der Umzug in unsere neue Wohnung. Zwei Wochen, in denen ich neben Uni, Sport und Englischunterricht noch 80 Kisten ein- und wieder ausgepackt habe. Markus? War zu der Zeit auf Deutschlandreise drei von fünf (im ersten Halbjahr 2013).
Dann, noch ehe wir überhaupt Gelegenheit hatten, hier mal einen gemütlichen Abend zu zweit zu verbringen, der Besuch von Markus’ Papa und dessen Frau Ingrid. Mit den beiden unternahmen zum Teil wir beide und zum Teil ich allein – Markus hat ganz nebenbei eine neue Fertigungslinie in der Firma aufgestellt – Kurztripps nach Peking, Qingdao, Hong Kong, Shenzhen und Shanghai. Nach meiner Rückkehr aus dieser meiner chinesischen Lieblingsstadt hatte ich genau 24 Stunden, um die Koffer neu zu packen. Schon ging es weiter nach Deutschland. Hier dann das übliche Programm, plus eine wunderbare Hochzeitsfeier, Bergfrühschoppen und, und, und. Mir schwirrt schon der Kopf, wenn ich das nur aufliste.
Natürlich bin ich heilfroh, wenn ich hier beschäftigt bin. Dass ich schlecht im Nichtstun bin, wissen die meisten meiner geschätzten Leser. Aber, bitte: Ein bisschen weniger tut’s auch. In dieser ganzen Zeit ist soviel Alltag hinten runter gefallen, dass ich wohl noch ein paar Wochen damit verbringen werde, meinen sonstigen Verpflichtungen nachzukommen. Der Papierkram stapelt sich, die wenigen noch nicht ausgepackten Kisten fallen schon fast nicht mehr auf (Bild oben), meine Kommilitonen sind mir fünf Wochen voraus und meinem Gewissen könnte es nicht schaden, mal wieder mehr Zeit als zehn Minuten für die Vorbereitung einer Englischstunde aufzuwenden. Und so ist mein nächstes geplantes Highlight mal keine Reise, sondern etwas ganz Banales. Morgen werde ich wie eine gute Hausfrau einkaufen gehen und meinem Mann und mir ein leckeres Abendessen kochen. und dann werden wir uns auf unser eigenes Sofa sitzen, mit unseren Katzen schmusen, Tatort schauen und einschlafen, ehe wir wissen, wer der Mörder war. Seufz.
Wir haben unser Leben mit unserem Umzug nach China dermaßen nachhaltig auf den Kopf gestellt, dass ich mich wirklich manchmal frage, ob es jemals wieder normal wird. Wird mir dieses Leben auf der Überholspur dann fehlen? Manches davon vielleicht. Jedenfalls glaube ich, dass ich schon jetzt weiß, an welchen Ankern ich mich dann immer noch werde festhalten können, so wie ich das jetzt auch tue – wenn auch die bildliche Ankerkette momentan ein bisschen länger ist: Familie, Freunde, Heimat. Denn eins ist mir glasklar, egal, wie lange der letzte Deutschlandaufenthalt zurück- oder der nächste noch vor mir liegt: Dort bin ich zuhause.
Natürlich ist es toll, ein Weltbürger zu sein, sich völlig selbstverständlich im Pekinger Straßen-, Restaurant- oder U-Bahngewirr zurechtzufinden; mal eben schnell zum Essen nach Shanghai zu fliegen; am Flughafen locker die goldene Vielfliegerkarte zu zücken, anstatt sich in einer Schlange mit den “normalen” Touristen anzustellen. Innerhalb von ein Paar Tagen Reisen nach Deutschland, Taipeh und Neuseeland zu organisieren. Und doch: Ich freu mich drauf, das alles gegen Joggen am Whörder See, Ciao-Besuche mit der Familie und Grillen mit allen meinen Freunden einzutauschen.
Ich hoffe, dass mich dieses Leben nicht so sehr verändert, dass ich meine Wurzeln eines Tages vergesse, denn das will ich auf keinen Fall. Wie leicht das passiert, habe ich erst dieser Tage wieder schmerzlich erfahren. Ich hatte nämlich mal einen sehr, sehr guten Freund. Er war für mich wie ein Bruder, viele Jahre lang – beginnend mit den gemeinsam absolvierten ersten Schritten auf dem Tanzparkett (im Bild). Als seine Mama krank wurde, war ich die erste, die es erfuhr; er hat mich in meinem größten Liebeskummer getröstet. Leider ist der Kontakt eingeschlafen – und ich kann glaube ich ehrlich sagen, dass das nicht an mir lag. Das gipfelte darin, dass er auf die Ankündigung unserer Abreise nach China und die Einladung auf unseren Polterabend nicht einmal reagierte. Nicht einmal eine lumpige SMS war ich ihm mehr wert – und dabei war ich mir einmal so sicher gewesen, dass er zumindest mein Trauzeuge sein würde, wenn ich schon nicht ihn heiraten würde (das hatten wir nämlich so besprochen – wenn wir beide bis 25 niemanden gefunden hätten, wollten wir uns gegenseitig heiraten).
Gerade hatte ich mich damit abgefunden, ihn verloren zu haben, als er sich wieder bei mir meldete. imageEr ist jetzt selbst im Ausland, vermutlich war ihm langweilig, so allein in einer fremden Stadt. Und offenbar ist das auch schon wieder vorbei, denn nachdem er die sorgfältig verschlossene Schublade in mir mit ein paar Skype-Nachrichten wieder aufgerissen hatte, meldet er sich jetzt wieder nicht mehr. Und ich hatte schon Flüge nach Irland herausgesucht, wollte all meinen verletzten Stolz über Bord werfen und ihn besuchen, gerade jetzt, wo mir die Welt so klein scheint. Stattdessen sitz’ ich da und starre auf seinen Skype-Kontakt. Doch das kleine grüne Häkchen schweigt mich an.
Manchmal, und das bringt mich zurück zu meiner eigenen Situation, ist es eben wichtig zu wissen, wo man herkommt. Studium, Karriere, Beziehung oder Leben im Ausland hin oder her. Ich will nicht, dass mir passiert, was ihm passiert ist: Dass ich jemanden, der mir wichtig ist, endgültig verliere, nur weil ich so fasziniert von meinem eigenen aufregenden Leben bin, dass ich alles andere aus den Augen verliere.

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Alles eine Frage des Blickwinkels

Magnolienblüte ShandaWischmopp im KloLiebes Tagebuch,

China und ich haben uns wieder gefunden. Und zwar genau zu einem Zeitpunkt, zu dem er mich echt beschissen behandelt hat. Was sagt das über unsere Beziehung? Vor dieser Frage verschließe ich jetzt in guter China-Manier Augen, Ohren und Mund. Die Beziehung ist stabil und wird es genau so lange bleiben, wie ich in dieser Geste verharre.

China ist eine Achterbahn. Das einzig Beständige ist der Wechsel aus Auf und Ab. Seit ich im Februar wieder her gekommen bin, war es ein wenig Auf und viel Ab, das sich ganz Allgemein im unteren Viertel der Gefühlsskala abgespielt hat. Gerade hat man es geschafft, sich an der Magnolienblüte auf dem ansonsten zubetonierten Unicampus zu erfreuen, nur um dann die Putzfrau dabei zu beobachten, wie sie ihren Wischmopp im Klo wäscht (s. Fotos). Haha, witzig? Nicht, wenn man so was jeden Tag hat.

Und dann kam vor zwei Wochen die Hiobsbotschaft: Wir müssen umziehen. Raus aus „meiner“ Wohnung, meinem sicheren Hafen, meinem Zufluchtsort. Die Vermieterin will die Wohnung selbst nutzen. Fest stand gleich, dass wir hier im Compound, der Haier Green City (Grün ist zwar nur das Kleeblatt im Logo, aber naja…), bleiben wollen. Wir haben genug andere Wohnungen gesehen um zu wissen, dass man besser in Jinan nicht wohnen kann. Und da sicher ein Drittel der geschätzten 3000 Apartments noch frei ist, müsste da ja was zu machen sein. Das einzige Problem: Schimmel. In fast allen Wohnungen – außer unserer. In diesen Häusern ist zwar tonnenweise Marmor verbaut, aber die paar Tage, das Mauerwerk ordentlich trocknen zu lassen, hätten damals, 2009, offenbar das Budget gesprengt.

Die chinesische Art, damit umzugehen? Tapete runter, eine weitere Schicht Putz auf den Schimmel, Tapete wieder drauf. Warum müsst ihr komischen Ausländer auch immer so kleinlich sein? Seht ihr den Schimmel vielleicht noch? Also. Die „Lösung“ ist jetzt eine Wohnung, die meiner Bekannten Wang Ning gehört (meine Akupunktur-Ärztin). Leider ist sie ein bisschen kleiner, nicht so hell, nicht so hoch oben und auch weiter hinten im Compound (also weiter weg von Taxis etc), aber was soll’s. Mit Wang Ning kann man wenigstens reden, wenn es um ordentliche Reparaturen geht. Und sie findet deutsche Mieter super, da hatte sie schon mal einen. Die sind so sauber und machen nichts kaputt. Ach ja, und Inder stinken und Koreaner sind von Natur aus dreckig. Wenn alles klappt, wird in zwei Wochen umgezogen. Wenn.

Umziehen ist ein Albtraum, egal, wo auf der Welt. Und doch scheint es genau dieser Umzug zu sein, der mir meinen alten Kampfgeist, meine alte Überzeugung, meine alte Zielsetzung wieder gebracht hat. Warum? Vermutlich, weil ich so wieder gemerkt habe, wie sehr ich hier gebraucht werde.

Seit ich aus Deutschland zurück war, hatte ich ein Riesenproblem. Ich hatte die Antwort auf die Frage nach dem Warum vergessen. Warum tu’ ich mir das hier eigentlich an? Warum verzichte ich auf mein Leben? Warum atme ich die schlechte Luft, esse das vergiftete Essen, schlage mich mit den asozialen Chinesen herum? (Achtung: Erklärung zum Terminus „asozial“: s. u.) Die Antwort auf all diese Fragen wusste ich schon einmal, doch ich hatte sie vergessen.

Für Markus muss das furchtbar gewesen sein, denn er fühlte sich natürlich schuldig und versuchte krampfhaft, mir die Fragen zu beantworten. Nur: Das liegt in niemandes Hand außer der eigenen. Ihm blieb nichts übrig, als tatenlos zuzusehen und meine Wutausbrüche zu ertragen. Die richteten sich zwar nie gegen ihn – aber das wäre vielleicht sogar noch einfacher gewesen. Und dann kam dieser eine Moment. Der Xte Ausraster, Tränen, Zweifel, unterschwellige Vorwürfe. Geht gerade alles den Bach runter – oder ist es gar schon zu spät? Vielleicht doch lieber Fernbeziehung?

Und dann, ganz plötzlich, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, als ich ihn da vor mir sitzen sah, völlig verzweifelt und am Ende seiner Kräfte: Natürlich. Deswegen. Deswegen bin ich hier, deswegen atme ich auch giftige Luft: Weil ich meinen Mann über alles liebe und an unsere gemeinsame Zukunft glaube. Weil ich stark genug bin, mit mir selbst umzugehen, sogar hier und sogar ohne Job, der mir Bestätigung verschafft, ohne Familie und Freunde. Und da war es auch wieder, das Bild von uns in ein paar Jahren, irgendwo auf der Welt, wo es schön ist (vorzugsweise natürlich in Nürnberg), im Garten beim Grillen, Geschichten über diese krasse Zeit in China erzählend. Lachend. Kopfschüttelnd. Selbst im Rückblick noch staunend. Aber vor allem: stolz, das gemeinsam gemeistert zu haben.

Die Nachricht mit dem Umzug hat das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht – und mich aus dem Wachkoma gerissen. Kneifen gilt jetzt nicht mehr, jetzt heißt es, Zähne zusammenbeißen und an einem Strang ziehen. Und siehe da, es klappt. Sobald er dann wieder da ist, der Zielfokus, erträgt man auch Begebenheiten wie die Folgende. Und damit zu den asozialen Chinesen.

Heute morgen auf dem Weg zur Uni: Viel Verkehr, wie immer. Doch direkt vor mir wird es plötzlich selbst für hier chaotisch, Autos wechseln wie wild die Spur, hupen, bremsen abrupt. Mitten auf der vierspurigen Straße sitzt, mutterseelenallein auf einer stark befahrenen Kreuzung, eine Frau auf dem Boden, umgeben von kleineren Trümmern, den starren Blick in Richtung des heranrollenden Verkehrs. Ein paar Meter entfernt liegt ihre umgekippte Motor-Rikscha, wieder ein Stück weiter steht ein beschädigtes Auto. Die Frau scheint nicht schwer verletzt, aber zumindest unter Schock zu stehen, denn sie macht keine Anstalten, sich zu bewegen. Und was passiert? Genau. Nichts. Niemand macht Anstalten, sich ihr auch nur zu nähern, obwohl hunderte von Chinesen die Kreuzung bevölkern. Kein einziges Auto hält an. Der Fahrer vor mir hupt die Frau sogar noch an.

Ich bin fassungslos über diese Szenerie. Was tun? Aussteigen und helfen? Natürlich weiterfahren. Hundertmal haben wir schon über diese Situation gesprochen. Fass ja niemanden an, wenn du das tust, besonders als „reicher“ Ausländer, hängst du drin. Die Frau wird behaupten, es ging ihr bestens, bis du sie berührt hast. Und dann rollt der Rubel. Ich weiß es. Und fahre weiter. Und bin erschüttert über mich selbst. Will ich so sein? Nein. Aber es gibt nun mal viele Dinge hier, die müssen wir nehmen, wie sie sind. Meiyou Banfa, sagt der Chinese, kann man nichts machen.

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Blauer Himmel – welch ein Luxus.

Smog SchlafzimmerfensterLiebes Tagebuch,
mein Freund China ist nicht gerade der Hübscheste, das ist ja nicht neu. Aber dass er sich nun zunehmend komplett verschleiert, ist mir irgendwie auch nicht recht. Zumal dieser Schleier echt unangenehm riecht. Da schau ich mir doch lieber sein Gesicht an, selbst wenn das nicht so perfekt ist.

Blauer Himmel. Welch ein Luxus. Den habe ich seit Deutschland nicht mehr gesehen. Halt, doch, in Korea. Aber eben nicht in China, selbst nicht, wenn der Wetterbericht einen klaren Tag vorhersagt. Der Grund liegt auf der Hand: Die Luftverschmutzung. Um das ganze Ausmaß dieser Katastrophe begreiflich zu machen, zitiere ich immer wieder gerne folgenden Satz, der am Donnerstag, 31. Januar 2013, in der Süddeutschen erschienen ist: „Vor zwei Wochen waren die Menschen schockiert, als sie von den Feinstaub-Werten erfuhren, die Werte jener Partikel, die über die Luge ins Blut eindringen: eine Konzentration von 993 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält alles über 25 für ungesund, wenn man solcher Luft 24 Stunden ausgesetzt ist.“ Wie gesagt, der Text ist am 31. Januar erschienen, verbessert hat sich seitdem kaum etwas. Soviel zum Thema 25 Mikrogramm und 24 Stunden. Ach ja, und in dem Text ging es um Peking – das im landesweiten Verschmutzungs-Ranking deutlich hinter Jinan liegt. Heute Morgen war es so schlimm, dass wir über weite Strecken im Schritttempo in die Arbeit gefahren sind; das Foto oben ist der Blick aus meinem Schlafzimmerfenster. Ich finde, da ist die Frage, ob es das wert ist, schon mal erlaubt.
Ansonsten aber, muss ich sagen, ist mir die Wieder-Ankunft nach meinem langen Deutschandaufenthalt erstaunlich leicht gefallen. Mein Alltag hier war wohl inzwischen fest genug etabliert, um schnell wieder zu funktionieren. Ich unterrichte wieder Englisch, gehe zum Sport und kümmere mich um alles, was so anfällt. Beispielsweise die Rückmeldung bei der Polizei, denn wir müssen uns jedes Mal, wenn wir China verlassen, wieder melden. Als ob sie nicht sowieso genau wüssten, wann wir ein- und ausreisen, schließlich wird jedes Mal der Pass gescannt und gestempelt. Aber was soll’s.
Ab nächster Woche bin ich dann auch wieder Studentin und mit 20 Stunden Uni und vier bis sechs Stunden Englischunterricht plus die jeweilige Vor- und Nachbereitungszeit vergeht die Woche auch. Den Gedanken, dass es mir eigentlich nicht gefällt, nur die Zeit rumzubringen, habe ich schon fast wieder auf Null zurück gedrängt. Und mein Chinesisch, so habe ich für mich beschlossen, muss so gut werden wie irgend möglich – vielleicht bringt es mir ja doch irgendwann irgendwas.
Und auch abseits des Alltags habe ich mir in den vergangenen eineinhalb Jahren Strategien angewöhnt, mit den dunklen Momenten hier umzugehen – die übrigens meistens in den Vormittagsstunden liegen, wenn ihr alle in Deutschland noch schlaft, ich also auch mit niemandem telefonieren kann. Erstaunlicherweise macht auch jeder dunkle Moment es nachher besser: Irgendwie habe ich diesen Mechanismus von Krise und Verarbeitung so perfektioniert, dass ich nach jedem Mal wieder genauer weiß, warum ich das hier tue – hört sich schräg an, oder?
Eine Strategie ist beispielsweise das Einteilen der vor mir liegenden eineinhalb Jahre in Abschnitte: Bis zum nächsten Kurztrip, zum nächsten Heimaturlaub, bis zum Jahresende und schließlich zum China-Ende am 31.8.2014. Das ist wie beim Marathon: Noch zwei Kilometer bis zum nächsten Verpflegungsstand. Bis Deutschland sind es übrigens heute noch 81 Tage, da sind gut elf Wochen.
So ist das komplette Jahr 2013 schon grob durchgeplant: Heim geht es wie gesagt im Mai für ein, zwei Wochen, dann wahrscheinlich wieder im Juli, eventuell gleich bis so Ende August. Im September wollen wir nach Neuseeland, im Oktober kommen Thomi und Petra, dann müssen nur noch November und der halbe Dezember überbrückt werden, ehe es zu Weihnachten wieder für eine längere Zeit nach Hause geht.
Und 2014? Na, so ein Umzug zurück nach Deutschland zu organisieren, kann schon mal ein halbes Jahr dauern, wenn man ein bisschen großzügig rechnet. Hehe. Und dann wird sich irgendwann zeigen, was bleibt von drei Jahren China. Inzwischen bin ich mir wieder sicher, dass es mehr sein wird als Sorgenfalten und Verbitterung über drei verlorene Jahre. Möglicherweise noch Lungenkrebs (Achtung: Zynismus).

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