ich fühle mich sehr wohl bei meinem inzwischen nicht mehr ganz so neuen Freund China. Klar ist er oft etwas seltsam, aber im Großen und Ganzen finde ich ihn ziemlich toll und spannend. Weil er eine so große Rolle in meinem Leben spielt, habe ich meinen alten Freund Deutschland fast ein bisschen vergessen. Das hat sich am Samstag geändert, da war nämlich Weihnachtsmarkt – und plötzlich hab ich wieder ganz viel an Deutschland gedacht. So von Glühweinduft umgeben ist mir erst wieder aufgefallen, wie sehr es mir doch gefehlt hat.
Ein Weihnachtsmarkt mitten in einem Land, das nicht an den Weihnachtsmann glaubt – unglaublich, aber wahr. Die deutsche Botschaft in Peking veranstaltet ihn jedes Jahr, schon Ende November, wohl weil sich ab Anfang Dezember viele in China lebende Deutsche auf den Weg in die Heimat machen. Am vergangenen Samstag jedenfalls schein noch kein einziger von ihnen abgereist zu sein – immerhin mussten wir zwei Stunden anstehen, um überhaupt auf das Botschaftsgelände zu kommen (siehe Foto). Der Markt war so voll, dass nur einer rein durfte, wenn ein anderer ging.
Die Wartezeit war aber überhaupt nicht schlimm. Erstaunlich, wie man sich plötzlich entspannt, wenn um einen herum deutsch gesprochen wird und die Menschen so aussehen wie man selbst – und einen daher mal gar niemand anstarrt. Außerdem führte die Warteschlange auf ihrem Weg rund um die Botschaft an einem “Jenny Lou’s” vorbei. Das ist eine hiesige Supermarktkette, in der es ausschließlich Importprodukte zu kaufen gibt. So machte sich etwa alle halbe Stunde eine kleine Delegation aus der Schlange auf den Weg, um die Wartenden mit Paulaner, Erdinger,Tucher und frischen Laugenbrezen zu versorgen. So lässt sich’s leben.
Auf dem Markt angekommen tat dann der verführerische Duft nach Glühwein, Lebkuchen und Bratwurstbrötchen sein Übriges, um alle Wahl-Chinesen in echte Deutsch-Tümelei verfallen zu lassen. Ein wahrlich großartiges Gefühl übrigens.
Immerhin hatten wir auch etwas zu verdauen, nämlich eine wirklich nervenaufreibende Taxifahrt. Obwohl, eigentlich war es kein Taxi, und das war gerade das Problem. Freitagabend, 20 Uhr, in Peking. Die Straßen sind wie immer um diese Zeit ein großer Parkplatz weil derart überlastet, also auch weit und breit kein freies Taxi in Sicht. Unsere Strategie ist in diesen Fällen unterirdisch. Nur ist das Problem, dass die Stadt zwar ein großes, modernes U-Bahn-System hat, doch ob der enormen Entfernungen in einer 18-Millionen-Stadt liegen die Stationen immer noch so weit auseinander, dass man trotzdem ein Taxi braucht, um von der Ausstiegsstelle irgendwo hin zu kommen. Wir standen also schon eine knappe halbe Stunde am Straßenrand, ohne ein freies Taxi auch nur zu Gesicht bekommen zu haben. Leicht zu haben sind in solchen Fällen aber “schwarze” Taxis, das heißt Zivilfahrzeuge, die sich mit einem kleinen roten Licht in der Windschutzscheibe zu erkennen geben und einen für meist überteuerte Preise an den gewünschten Ort bringen. Man tut so etwas ja ungern, aber schließlich war es kalt und wir spät dran. Der Fahrer wollte 30 Yuan, was etwa das Doppelte des regulären Preises gewesen sein dürfte. Aber das Ende der Warterei war uns umgerechnet drei oder vier Euro wert.
Zahlen mussten wir dann aber gar nichts, und das kam so: Wir stehen an einer Ampel, vielleicht noch 500 Meter vom Restaurant entfernt, als die Beifahrertür aufgeht und sich jemand über mich wirft. Überfall, denke ich, aber warum geht er dem Fahrer an den Kragen und warum interessiert ihn meine Handtasche weniger als der Schlüssel im Zündschloss? Als ich mich am scheinbaren Räuber vorbei aus dem Auto zwänge, klärt sich alles auf: Der Mann ist Polizist und schwarze Taxis sind eben illegal. Unser Fahrer wird äußerst ruppig aus dem Wagen gezerrt und verschwindet unter heftiger, aber vergeblicher Gegenwehr im Polizeibus. Wir sehen uns derweil einem Zivilpolizisten gegenüber, der wild gestikulierend auf uns einredet. Mein “我听不懂” (Ich verstehe nichts) interessiert ihn überhaupt nicht, schließlich hilft nur noch ein Anruf bei Markus’ Assistentin. Sie erklärt dem Mann, wo wir herkommen und wo wir hinwollen und uns erklärt sie, dass der Mann eigentlich nur unsere Pässe sehen will. Bleiben nur zwei Fragen: Woher wussten die, was gespielt wird, die müssen uns ja beobachtet haben, als wir eingestiegen sind. Und: Wenn der Polizist nicht gleich den Zündschlüssel erwischt hätte, hätte uns dann eine wilde Verfolgungsjagd durchs nächtliche Peking geblüht? Na denn Prost.
