Skiprofis unter sich

Liebes Tagebuch,
Skifahren ist mir heilig. Es gibt dabei gewissen Grundsätze, die einfach unumstößlich sind. Man muss es nach bestimmten Regeln erlernen, man legt Wert auf seine Ausstattung, der Skitag selbst läuft nach einem immer gleichen, sehr, sehr lieb gewonnenen Ritual ab. Und es ist mit einer ganz bestimmten, feierlich-ehrfürchtige Geisteshaltung verbunden. Mein Freund China sieht das – erwartungsgemäß – ein bisschen anders. Und wesentlich pragmatischer.

Skifahren in China? Nun, dieses Land ist so groß, irgendwo hier gibt es sicher alles. So auch ein Skigebiet. Und zwar, sehr zu unserer Freude, nur eine gute Autostunde entfernt. Zwar hat es hier seit wohl acht Wochen keinen Niederschlag gegeben, aber es war konstant weit unter null Grad. Ideale Kunstschneebedingungen also. Weil wir China ja inzwischen ein bisschen kennen, hatten wir uns schon darauf vorbereitet, nicht das vorzufinden, was wir aus Österreich, der Schweiz oder sonst woher kennen. Das wäre ja auch zu viel des Guten.
Zu acht auf zwei Autos verteilt kamen wir also an. Morgens um 9 schon, denn zum Skifahren steht man früh auf. Wir dürften mit die ersten Gäste gewesen sein an diesem Tag.
Unsere komplette Ausrüstung ist in Deutschland – aber kein Problem, nachdem man Eintritt gezahlt hat, geht man durch eine nur leicht schmuddelige Halle, in der man vom Skischuh bis zur Skibrille alles leihen kann. Nach dem ersten Blick auf die Klamotten entschlossen wir uns, die eigenen Jacken anzubehalten und nur eine Hose zu leihen. Ein anderer deutscher Bekannter hatte weniger Glück: Er brauchte Jacke und Hose – und bekam einen äußerst kleidsamen roten Einteiler, der zudem wirklich widerlich nach Schweiß stank.
Weiter ging es mit Schuhen. Solche Skischuhe habe ich seit ich Kleinkind war nicht mehr zu Gesicht bekommen (siehe Foto)! Markus frohlockte zunächst, sehnt er sich doch seit Jahren nach dem guten alten Heckeinsteiger zurück. Seine Freude verpuffte allerdings, als er feststellte, dass die Schließe besagten Heckeinsteigers kaputt war. Und bei Schuhgröße 45 ist die Auswahl in China nun einmal deutlich beschränkt.
Fertig ausstaffiert wurden wir mit der Premium-Klasse an Skiern: Völkl aus der ersten Carvingski-Generation. Die waren wenigstens nur etwa zehn Jahre alt, verglichen mit den 20 oder mehr, die die anderen Gräten auf dem Buckel zu haben schienen (siehe Foto). Und rauf auf den Berg.
Drei Lifte gab es. Der „große“ Sessellift war allerdings außer Betrieb. Blieben zwei Tellerlifte, für die Franken unter uns: Vielleicht ein Drittel von Osternohe in Punkto Länge und Schwierigkeitsgrad. Da ich beim Skifahren viel Wert auf ein diszipliniertes Anstehverhalten lege, dauerte es etwa 20 Minuten, bis wir den ersten Teller ergattert hatten. Dann aber ging es in geradezu rasanter Geschwindigkeit nach oben. Zu Fuß wäre schneller gewesen, was einen findigen Chinesen dazu verleitete, seine Sportgeräte abzuschnallen und sich gehenderweise vom Lift ziehen zu lassen (siehe Foto). Keine dumme Idee eigentlich, denn auf Skiern stand er nicht wirklich sicher im Lift.
So, und jetzt zum eigentlich Kuriosen: Die allermeisten Chinesen sind so gut wie frei von jeglichem Körpergefühl oder Bewegungstalent. Das wusste ich schon aus dem Fitnessstudio. Diesen Makel kompensieren sie aber mit Wagemut. Ski geradeaus, Stecken hinten in die Luft – und dann Augen zu- und erst wieder beim Zerschellen in der Menschenmenge wieder aufmachen. Ein unglaubliches Schauspiel. Wir haben Stürze gesehen, da hätte ich zuhause sofort den Hubschrauber gerufen, aber der Chinese rappelt sich auf – und weiter geht’s. Wenn er es den schafft, die Ski wieder an die Schuhe zu bauen. Womit wir beim nächsten Komödienschauplatz wären.
Nachdem wir nun selbst zwei, dreimal den Babyhügel herunter gehetschelt waren, entschieden wir, dass die Einnahme eines unserer mitgebrachten Hopfengetränke angezeigt sei. Dazu postierten wir uns in aussichtsreicher Position im „Tal“, direkt im Dreieck zwischen Piste, Liften und Verleihstation. Und was wir zu sehen bekamen, waren nicht nur weitere spektakuläre Stürze, sondern auch über die Piste schießende Ski (die Skibremsen waren bei allen Leihskiern nach oben gebogen. Wozu auch diese komischen Dinger?), eine Chinesin, die mit Schwimmbrille fuhr, eine andere, die die Skibrille mit der Nasenaussparung an der Stirn trug sowie einen kleinen Jungen, der offenbar die Skischuhe seines Vaters anhatte.
Und natürlich verzweifelte Versuche, Skibindungen zu bedienen.
Der Höhepunkt war eine nicht mehr ganz so junge Dame, die in unser Blickfeld geriet, als sie gerade versuchte, ihren zweiten Ski anzuschnallen. Dazu stützte sie sich mit beiden Stecken im Schnee ab (clever!), ehe sie den freien Fuß hochhob. Jetzt hatte sich aber durch das Gehen viel Schnee an der Schuhsole gesammelt. Um den abzuklopfen, musste sie aber einen Skistock vom Boden lösen. Das bedurfte einiger Versuche. Schließlich aber setzte sie den Schuh gekonnt in den vorderen Bindungsbacken. Allerdings war die Bindung auf den ersten Blick erkennbar viel zu groß eingestellt. Sooft sie also auf den Ski eintrat, das Ding wollte nicht einrasten. Anstatt nun aber zurück in den Verleih zu gehen und um Hilfe zu bitten, nahm sie den Ski wieder in die Hand und stapfte weiter Richtung Lift (siehe Foto). Um es zehn Meter später noch einmal zu versuchen. Ihr dürft raten, mit welchem Erfolg.
Fazit: Fehlende Transferleistung gibt maximal Note vier. In Punkto Spaßfaktor aber bekommen alle eine eins.

Und der Tag ging toll weiter: Am Rückweg hielten wir in einer unserer neuen Shopping-Malls, die weit im Westen der Stadt, also weit von unserer Wohnung entfernt liegt. Dort gibt es einen H&M, das wusste ich schon. Aber noch besser: Auch einen „Cold Stone“. Das ist eine Eiscreme-Kette aus USA, die ich seit unserem ersten Besuch dort (2008 in Shanghai) in jeder Stadt suche, weil das Eis so genial ist. Und das hier in Jinan! Und als wir da so unseren Starbucks schlürfen (für Eis war’s doch zu kalt), kommt doch tatsächlich ein chinesischer Junge zu uns und spricht uns in fast akzentfreiem Englisch an. Er wolle sich nur ein bisschen unterhalten um sein Englisch zu trainieren. Er sei zwölf und lerne die Sprache seit acht Jahren. Hut ab.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>