Endlich(e) Harmonie

Taipei 101 flach
Liebes Tagebuch,
ich habe mich lange nicht gemeldet. Der Grund ist einfach: Ich habe nichts zu jammern. Nichts zu beichten, nichts zu beklagen. China und ich führen eine harmonische Beziehung. Auch mein langer Ausflug zu Chinas Vorgänger Deutschland hat daran nichts ändern können. Alles ist bestens – wenn man auch nicht aus den Augen lassen darf, dass diese Harmonie nach wie vor auf ihrer Endlichkeit basiert.

Der Alltag ist wieder eingekehrt. Nach viereinhalb großartigen Wochen in Deutschland hatte ich befürchtet, es würde einmal mehr eine harte Landung werden – war es aber nicht. Natürlich fehlt mir die Heimat. Mama, Papa, Brüder, Katja. Ihre Tochter Franziska, die ich bei meinem nächsten Besuch an Weihnachten mal wieder kaum wieder erkennen werde, die dann inzwischen gelernt hat zu krabbeln oder gar schon anfangen, sich aufzustellen. Und so weiter. Natürlich vermisse ich das Laufen an der frischen Luft, das Schwimmen unter freiem Himmel, das Sitzen in hübschen Cafés. Den Geruch nach Waldboden, nach frisch gemähtem Gras.
Nürnberger BurgSchlimm war es diesmal eigentlich nur die letzten ein, zwei Tage vor meiner Abreise. Angefangen hat es mit einem Zufall. Ich war in der Nürnberger Innenstadt zum Frühtück verabredet und wollte im Parkhaus Adlerstraße parken. Meine Nürnberger Freunde ahnen vielleicht schon, wo das hinführt… Das Parkhaus war ziemlich voll, ich musste ganz nach oben – von wo aus man mit den schönsten Blick überhaupt auf die Altstadt und die Burg hat. Blauer Himmel, dieses Panorama (siehe Foto). Und plötzlich war er da, der Gedanke. „Verdammt, ich will hier nicht weg.“
Ich habe Tage bis Weihnachten gezählt, vorsichtshalber Flüge für die Zwischenzeit herausgesucht, unser Flugbudget gesichtet. Alles für den Fall, dass ich hier gegen eine große Mauer laufe. Doch nichts dergleichen ist eingetreten.
Gut, ich war keine 24 Stunden hier in Jinan, da sind wir schon wieder aufgebrochen, um unseren zweiten Hochzeitstag in Taipeh zu verbringen. Großartige Stadt, ein himmelweiter Unterschied zum Mainland: saubere Toiletten, kein Angestarrtwerden, lauter höfliche Menschen, die Englisch sprechen, eine wahre Weltstadt (Foto oben: Blick vom Elephant Mountain auf den Taipei 101, der lange Zeit das höchste Gebäude der Welt war).
Doch auch seither ist alles in Ordnung. Und das, obwohl zur Zeit Semesterferien sind, ich also außer sechs Stunden Englischunterricht pro Woche wenig habe, dessen Zeitplan ich nicht frei wählen kann. „The devil finds work for idle hands“, „der Teufel findet eine Beschäftigung für tatenlose Hände“ – wer weiß das besser als ich. Doch inzwischen scheine ich recht gut darin zu sein, mich sinnvoll mit mir selbst zu beschäftigen.
Natürlich ist und bleibt mein Sport hier mein wichtigster Begleiter. Zwei Stunden Training am Tag (Laufen, Radfahren, Schwimmen, Krafttraining) bedeuten quasi drei Stunden, in denen ich beschäftigt bin (rechnet man die Zeit dazu, die man bei den aktuellen Temperaturen, also täglich zwischen 35 und 40 Grad, braucht, um zum Schwitzen aufzuhören). Und ich bin dabei nicht nur beschäftigt, sondern auch zufrieden. Irgendwie scheine ich halt immer einen Kampf zu brauchen, und wenn ich schon nichts anderes habe, wofür (oder wogegen?) ich kämpfen kann, dann ist es eben das Laufband, der Ergometer oder die Hantel.
Der Englischunterricht ist im Vergleich zwar ganz nett, befriedigt mich aber nicht im Ansatz so sehr. Natürlich freue ich mich über die Fortschritte meiner Schüler, aber für mich selbst sehe ich wenig Nutzen darin. Zumindest keinen, der über die sechs Wochenstunden, die er verbraucht, hinaus geht. Mein Englisch wird dadurch kaum besser, dass ich ständig versuchen muss, mich so einfach wie möglich auszudrücken. Und auch für meine zukünftige Karriere stelle ich mir keinen Job vor, bei dem ich davon profitieren könnte. Insofern fällt es mir oft schwer, mich dafür zu motivieren. Und doch: Hinterher geht es mir immer ein kleines Bisschen besser als vorher – weil ich mich zu etwas aufraffen musste. Es fühlt sich so gut an, gezwungen zu werden.
Das Chinesischstudium rangiert in Punkto Motivation irgendwo zwischen Englisch und Sport. Zwar weiß ich auch nicht, was es mir in Zukunft konkret nutzen wird, aber zumindest erwerbe ich hier eine ziemlich ungewöhnliche Qualifikation, die meine Bewerbung, um welchen Job auch immer, vielleicht wenigstens in den kleineren Stapel befördern wird.
Bei beidem aber, Englisch und Chinesisch, gilt: Die Herausforderung fehlt. Beides verlangt mir nicht mehr ab als einen Bruchteil meiner geistigen Leistungsfähigkeit – und die zu verschwenden, tut mir weh.
Nicht einfacher wird das durch die Tatsache, dass während ich mit der intellektuellen Unterforderung kämpfe, Markus beinahe täglich an der Grenze seiner körperlichen und mentalen Belastbarkeit steht. Ich bin fest davon überzeugt, dass er hier einen großartigen Job macht, in der Tat, dass niemand diesen Job besser machen könnte. Und doch kann auch er nicht alle Probleme lösen, die sich ihm hier stellen. Nun ist er aber ein Perfektionist und kann unheimlich schwer etwas unter 100 Prozent akzeptieren (wir passen eben einfach perfekt zusammen). Wenn man aber täglich am sprichwörtlich offenen Herzen operiert, muss man Prioritäten setzen, Kompromisse machen – und sich mit Notlösungen zufrieden geben. Hinzu kommt, dass die deutsche Gründlichkeit – und unserer Erfahrung nach gibt es sie wirklich – hier oft auf Unverständnis stößt. Das Bild an der Wand hängt eineinhalb Grad schief? Na, dann hängt es doch 358,5 Grad gerade, super!
So tröste ich mich mit dem Gedanken, dass ich ihm eine wichtige Stütze bin – was er mir wiederum mit unendlicher Großzügigkeit, Geduld gegenüber meinen gelegentlichen Aussetzern und scheinbar grenzenloser Dankbarkeit vergilt. Die Nummer hier – sie ist eine Teamleistung. Und wann immer ich daran zweifle und mich als nutzloses Anhängsel fühle – belehrt mein Mann mich eines Besseren.

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