Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schnellste Chinesin im Land?

Liebes Tagebuch,

du wirst es nicht glauben, aber mein Freund China hat es neulich doch einmal wieder geschafft, mich zum Staunen zu bringen – und dabei dachte ich, ich kenne ihn schon so gut. 

Die Chinesen sind Spieler. Glücksspiel ist ebenso beliebt wie jede andere Form von Wettkampf. So auch beim Sport. Erfolgreiche Sportler werden als Nationalhelden verehrt. Und auch der Breitensport wird langsam immer wichtiger. Das merkt man zum Beispiel daran, dass unser Fitnessstudio immer voller wird. Und weil es immer voller wird, gibt es auch immer mehr Aktionen und Angebote. So haben sie kürzlich einen Wettkampf veranstaltet in den Disziplinen Schwimmen, Tischtennis und Fitness.

Dass ich mich im Tischtennis nicht mit den Chinesen würde messen wollen, war von vornherein klar. Blamieren wollte ich mich schließlich auch nicht. Schwimmen wäre für mich ein Heimspiel gewesen – ich kenn ja meine Pappenheimer und weiß, dass mich bisher keiner überholt hat, nicht mal, wenn ich mal Brust schwimme und nicht mal, wenn ich bereits mehrere Kilometer hinter mir habe. Aber dazu sollte es nicht kommen.

Meine Fitnesstrainerin Angela – ihr eigentlicher Name ist Meizi – hatte mich erfolgreich bekniet, auch am „Fitnesswettbewerb“ teilzunehmen. Es standen zehn Übungen an – Dinge wie Kniebeugen mit Hanteln, Liegestützen, Seilspringen und ein Sprint – die hintereinander und so schnell und korrekt wie möglich ausgeführt werden mussten. Natürlich – bitte entschuldigt die Überheblichkeit – war ich die schnellste Frau (ok, von vier). Wirklich aufregend fand ich das zwar nicht, aber Meizi hat sich ein Loch in den Bauch gefreut.

Bis – ja bis die Zweitplazierte sich so lange über ihre Strafsekunden für schlampig ausgeführte Übungen beschwert hat – dass wir tatsächlich wiederholen mussten. Meine Beteuerungen, sie könne den ersten Platz gern einfach so haben, ich würde dann jetzt zum Schwimmen gehen, fruchteten nicht. Wir mussten nochmal. Diesmal gleichzeitig auf parallel aufgebauten Parcours. Meizi ließ es sich nicht nehmen, mir noch ihr komisches Gummiarmband, so eins mit einem Magneten drin, das ungeahnte Kräfte verleihen soll, ans Handgelenk zu hängen. Ihr Mann (ebenfalls Fitnesstrainer) hängte seins dazu und schon war ich gerüstet. Doch es kam, wie es kommen musste, bei einem unbedachten Hopser über einen Step verdrehte ich mir mein kaputtes Knie (manchmal wäre so ein Kreuzband halt schon nicht schlecht). Die Sekunden, die mich die Schmerzen kosteten, waren natürlich nicht mehr einzuholen – zumal meine Konkurrentin mit einer unfassbaren Verbissenheit am Werk war. Aber kein Problem, dacht ich mir, machste noch in Ruhe fertig und gut is’.

Hätt ich mich mal beeilt. Im Ziel stand Meizi, heulend wie ein Schlosshund. Ich mach keine Witze, die Tränen liefen runter wie ein Wasserfall. Ich hab mich wirklich schwer getan, ihre Antwort auf meine Frage nach dem Warum zu verstehen – wie bereits beschrieben, spricht Meizi ja kein Wort Englisch. Fazit: Es tut ihr so leid, dass ich jetzt verloren habe, nur wegen der blöden Kuh, und ob sie (Meizi) das jemals wieder gutmachen kann. Es tut ihr so leid, sie hat es mir so gegönnt. Ok, sag ich, kein Thema, wirklich, ich kann trotzdem weiterleben, ehrlich. Minuten später konnte sie immer noch kaum an sich halten, ich wusste echt nicht, wie ich sie beruhigen soll.

Zwei Möglichleiten als Erklärung für dieses Verhalten: Entweder, man hatte dem Trainer, dessen Schützling gewinnt, einen extra Monatslohn versprochen (eher unwahrscheinlich), oder sie sind einfach so schlechte Verlierer, dass sie dachte, mein ganzer Samstag – ach was sag ich, mein ganzes Leben! – seien deswegen beim Teufel.

Jetzt bin ich schon so lange hier, und doch erlebe ich regelmäßig Dinge, die mir aufzeigen, wie wenig ich tatsächlich weiß über dieses Land und seine Leute.

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