Im Paradies gibt’s auch Chinesen

Liebes Tagebuch,

mein Freund China und ich haben zusammen eine Reise unternommen. Wir waren in Neuseeland. Das ist für uns beide weit weg. Für mich eher räumlich, für China eher so gefühlsmäßig. Kulturell könnte man sagen. Zunächst war ich überrascht, wie gut China sich in dieser neuen Welt zurecht findet: Er ist kaum negativ aufgefallen, hat sich richtig zivilisiert benommen. Im Lauf der Zeit fiel mir aber mehr und mehr auf: Er kann halt auch nicht aus seiner Haut.

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Neuseeland ist das Paradies auf Erden. Der schönste Fleck Erde, an dem ich je war. Grüne Hügel, soweit das Auge reicht. Öde Felslandschaft, zerklüftete Inselwelt, spektakuläre Gletscher und Vulkane. Unglaublich. Mein persönlicher Höhepunkt – wohlgemerkt unter hunderten atemberaubenden Anblicken – war der im Bild oben, aufgenommen am Lake Wanaka. Ich stand an diesem Strand und mir liefen einfach so die Tränen übers Gesicht.

Wettertechnisch hatten wir nur Pech in diesen zwei Wochen: So ziemlich alles, was wir an Outdoor-Aktivitäten geplant hatten, ist buchstäblich ins Wasser gefallen oder vom Winde verweht worden: Die Tongariro Crossing, bekannt als eine der beeindruckendsten Tageswanderungen der Welt; der Hubschrauberflug auf den Fox-Gletscher; der Hubschrauberflug über den Milford Sound; der Skitag in den Remarkables. Ein Erdrutsch hat uns 800 Kilometer Umweg beschert . Das sind zwei Tagesreisen in diesem Land, in dem es so wenig Menschen (und Autos) gibt, dass der Highway eine Landstraße ist – aber leider (oder gottseidank?) die einzige Straße, die an der Westküste der Südinsel entlang führt. Nicht ohne einen Anflug von Ironie hatten wir an unseren Autofahrt-Tagen meist strahlenden Sonnenschein…

Und dennoch waren das die besten zwei Wochen Urlaub, die wir je hatten. Trotz (Entschuldigung für diesen Gegensatz) der vielen Chinesen, denen wir dort begegnet sind. In der Tat waren wir recht angenehm überrascht von unseren Wahlmitbürgern und ihrem Verhalten im Ausland. In Auckland zum Beispiel – hier sind wir gelandet – sind sie uns eigentlich nur aufgefallen, weil mein Gehör inzwischen ziemlich auf die chinesische Sprache geschult ist, das heißt, ich nehme sie auch wahr, wenn sie sich nur in meiner Nähe unterhalten. Das hat immer mal zu witzigen Situationen geführt, denn meine erste Reaktion auf den Klang der chinesischen Sprache ist die Erwartungshaltung, dass gleich etwas Seltsames (Rotzen, Spucken, sich sonstwie lautstark daneben benehmen) passieren wird. Doch solche Erfahrungen sind so gut wie komplett ausgeblieben in den zwei Wochen. Und sind sie doch einmal vorgekommen – und das ist das Absurde – haben wir uns mit einem milden Lächeln im Gesicht ertappt und uns irgendwie heimelig gefühlt. Ist das krank?

Erfreulicherweise bewegen sich Chinesen im Ausland meist in größeren Gruppen entlang der sorgfältig ausgetrampelten Touristenpfade. Und die waren Ende September ohnehin noch relativ einsam – man bemerke, in Neuseeland geht da gerade der Winter zu Ende und die Reisewelle ist erst ganz am Anfang. So durften wir schmunzelnd beobachten, wie sich ein solcher Bus über die ansonsten noch ziemlich verlassene Kleinstadt Te Anau (Ausgangpunkt zum Milford Sound) ergoss und sich alle Reisenden bis auf vier Mutige direkt in das einzige chinesische Lokal am Platz begaben. Die vier Musketiere landeten an unserem Nebentisch in der – Trommelwirbel – Pizzeria.

Mehrfach habe ich mich auch dabei ertappt, wie ich eigentlich hätte helfen können – zwei Chinesinnen versuchten zum Beispiel in kaum vorhandenem Englisch, Tickets für eine Bootsfahrt zu kaufen. Ich stand schweigend daneben – sicher als einzige im Raum, die sowohl die Chinesinnen als auch den neuseeländischen Ticketverkäufer verstand – und war so amüsiert über die für mich so verkehrte Welt, dass ich meinen Mund nicht aufbekommen habe. Aber keine Sorge, die Kiwis sind so freundlich und geduldig, dass es irgendwann auch ohne mein Zutun geklappt hat.

20131107-092031.jpgDer beste Moment in Punkto „Chinesen auf Reisen“ war jedoch sicher das Bild links. Ich jogge, Nichts ahnend, an der Uferpromenade in Queenstown entlang, und dann das. Da lief gerade eine typisch chinesische Hochzeitsfoto-Session, wie wir sie in China zu tausenden gesehen haben. Und nein, die beiden haben sicher nicht an diesem Tag geheiratet. In China macht man, wie an anderer Stelle bereits mehrfach berichtet, die unglaublich kitschigen Hochzeitsfotos – meist in x verschiedenen, quietschbunten Partnerlooks und so stark nachbearbeitet, dass man das Paar kaum noch erkennt – schon Wochen oder Monate vor dem Fest. Offenbar gibt es sogar in Neuseeland Anbieter für diese Art von Fotografie. Oder aber das Paar hatte genug Geld, die chinesischen Fotografen-Crew mit nach Neuseeland zu fliegen – nur um sich einmal zu fühlen wie Arielle, die Meerjungfrau.

Ich könnte noch stundenlang von Neuseeland schwärmen, aber ich diszipliniere mich und lasse lieber Bilder sprechen – in der nachstehenden Galerie.

Der Rest in Kürze: Nach unserer Rückkehr aus Neuseeland ist Markus für zweieinhalb Wochen nach Deutschland geflogen – aber auch das Alleinsein hier habe ich inzwischen gut im Griff. Zumal ich vollauf beschäftigt war und bin: Zunächst hat mich meine liebe Freundin Heike aus Shanghai in Jinan besucht – mal erleben, wie „das echte“ China außerhalb dieser tollen Stadt so ist, hehe. Dann war ich auf der Geburtstagsfeier meiner ebenso lieben Freundin Jasmin in Peking, um Tags darauf nach Shangahi zu fliegen, wo ich meinen Bruder Thomi und seine Freundin Petra in Empfang genommen habe.

Vier Tage Shanghai, eine knappe Woche Jinan (wo Markus wieder zu uns stieß), eine ereignisreiche Besteigung des Taishan (einer der fünf heiligen Berge des Buddhismus), dann vier Tage Peking (inklusive einem wunderbaren Besuch bei einem touristisch noch völlig unerschlossenen Stück der großen Mauer, Wahnsinn!). Jedes einzelne Ereignis aus dieser Liste wäre übrigens einen Blogeintrag wert.

Direkt nach Thomis und Petras Abreise aber hat für mich wieder der Ernst des Lebens begonnen (*hüstel*), ich bin nämlich wieder zur Uni gegangen, wo ich mich diesmal aufgrund meiner langen Abwesenheit tatsächlich ganz schön reinhängen muss, um einigermaßen dabei zu bleiben. Parallel unterrichte ich jetzt an drei Nachmittagen Englisch und Deutsch und meine eineinhalb, zwei Stunden Sport am Tag müssen ja auch noch eingetaktet werden. Wenn man keine Zeit zum Trübsalblasen hat, ist es auch leichter zu ertragen, dass es in der Wohnung kalt ist, weil die Heizperiode noch nicht begonnen hat, und dass die Luft von Tag zu Tag schlechter wird.

Nur noch ein paar Wochen, dann geht es erst auf einen Kurztrip nach Saigon (Familie Dietrich, wir freuen uns ein Loch in den Bauch!) und kurz darauf dann für Weihnachten, Silvester, Markus‘ 40. und zweimal Skifahren nach Deutschland. Von dort aus düse ich nur schnell für das Jahresabschlussfest der Firma nach Jinan, zwei Tage später geht es auf die nächste Reise: Meinen Geburtstag (und das chinesische Neujahrsfest) feiern wir diesmal in Indien.

So ist dieses noch im Februar so gefürchtete Jahr 2013 wie im Flug vergangen. Es geht mir hier so gut wie noch nie – wohl wissend, dass das verbleibende Jahr ein Kinderspiel wird, verglichen mit den ersten beiden.

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