Das Leben der Anderen

imageLiebes Tagebuch,
Irgendjemand hat mal behauptet, Gegensätze zögen sich an. Völliger Quatsch, wenn du mich fragst. Mein Freund China und ich könnten gegensätzlicher kaum sein – und je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr stößt er mich ab. Zeit, sich zu trennen?

Wir schreiben den 15. Dezember 2013. Wir sind auf dem Weg nach Deutschland. Weihnachten steht vor der Tür, Silvester, Markus‘ 40., Skiurlaub ( im Bild der morgendliche Blick aus meinem Hotelzimmer). Viele Gründe, sich zu freuen. Und doch: ich kann nicht. Kann mich irgendwie nicht freuen. Warum? Nun, ich habe Monate, ja, Jahre damit zugebracht, mir selbst in die Tasche zu lügen, was mein Verhältnis zu China angeht. Habe mir vorgemacht, alles sei wunderbar, Deutschland fehle mir überhaupt nur ein klein bisschen. Habe mich so sehr verbogen, dass ich so schnell nicht zurück kann, mir selbst so lange Souveränität vorgegaukelt, bis ich sie mir abgekauft hab. Ein gut geölter Überlebensmechanismus.
Und so dauert es ein bisschen. Ich sehe mich durch Deutschland laufen, als wäre ich eine Romanfigur. Schreibe Gefühle auf, von denen ich weiß, dass die Figur sie empfinden sollte. Als unser Flugzeug in Nürnberg aufsetzt, presse ich mechanisch ein paar Tränchen hervor. Glühwein auf dem Christkindlesmarkt, Freunde treffen, die Familie mit unserer verfrühten Ankunft überraschen – all die Gedanken, mit denen ich mich durch graue Stunden in Jinan getröstet habe, erscheinen mir plötzlich wie die eines anderen Menschen. Es geht so weit, das ich mich sagen höre: „Ich weiß gar nicht, ob ich eigentlich nach Deutschland zurück will“, oder „an das Leben im Ausland könnte ich mich schon gewöhnen“.
Doch dann, heimlich, still und leise, verschiebt sich der Blickwinkel wieder. Puzzlesteine fallen zurück an ihren Platz. Ich beginne langsam, die saubere Luft zu schmecken. Zu fühlen, wieviel Geborgenheit mir meine Familie gibt, wie sehr ich meine Freunde vermisse, wie wenig normale Sozialkontakte ich habe und wie dringend ich sie bräuchte.
Und jetzt ist der letzte Abend vor meiner Rückreise nach China. Der 21. Januar 2014. 2013 ist vergangen, das Jahr, dessen Ende mir so viel bedeutet hat. Und dennoch liegt immer noch ein Jahr vor mir, denn mittlerweile steht mehr oder weniger fest, dass wir erst zum nächsten Jahreswechsel endgültig heim kommen. „Ein Jahr, das sitz ich doch auf einer Arschbacke ab“, hab ich immer gesagt, doch heute Nacht, schlaflos im Bett, erscheint mir dieses Jahr wie eine Ewigkeit. Ein bisschen hab ich mich in den sechs Woche hier zurück gebogen zu dem Menschen, der ich einmal war, nur um mich ab morgen wieder in die andere Richtung pressen zu müssen. Was passiert mit einem Stück Holz, dass man immer wieder in die eine und dann in die andere Richtung biegt? Ich kann nur hoffen, dass ich Bambus bin.
imageDie Skiwoche mit meinem Papa im Robinson Club Schweizerhof war in vielerlei Hinsicht bezeichnend – ähnlich wie die gleiche Woche im letzten Jahr – unbeschwert, lustig, voller netter Menschen (im Bild mit meiner Bronzemedaille beim Skirennen und mit Kerstin, die die goldene gewonnen hat). Anfangs habe ich versucht, das Gesprächsthema China auszusparen, doch das lässt sich auf Dauer kaum durchhalten. Und kommt die Sprache darauf, hängen die Zuhörer an meinen Lippen. Finden mich interessant, witzig, charmant. Klar, ich habe viel gesehen und erlebt in den letzten 28 Monaten, und ich hatte viel Zeit zu reflektieren und meine Erlebnisse im Geiste zu unterhaltsamen und mundgerechten Häppchen zu arrangieren.
Ich habe so eine nette Art, die Dinge zu beschreiben, sagt man mir – nichts als gut durchdachte, druckreife Floskeln sind das, aber woher soll ein Fremder das wissen?
So bade ich einerseits in der Aufmerksamkeit und der unverhohlenen Bewunderung meines Publikums – fühle mich aber schon wieder, als würde ich das Leben eines anderen erzählen. Keine Welt scheint gerade die meine zu sein. Wo ich hingehöre, kann ich im Moment nur erraten. China jedenfalls ist es nicht.

So, und nun zurück zu meinem sorgsam erarbeiteten Blickwinkel, zu dem ich in den nächsten Tagen dringend zurück muss. Wir feiern meinen 31. Geburtstag im Urlaub, zwei Wochen Asientour (Singapur, Malaysia, Borneo, Hong Kong). Im März muss Markus schon wieder nach Deutschland. Ich werde einfach mitkommen, das Flugbudget wird es schon hergeben. Den Rest des Jahres habe ich sorgsam in Abschnitte eingeteilt, mit weiteren Heimaturlauben im Juni und September. Und dann wird er irgendwann da sein, der große, der eine Tag im Dezember. Der Tag, an dem ich, dann zusammen mit meinen beiden Vierbeinern, zum vorerst letzten Mal in Peking ins Flugzeug einsteigen werde. Bisher habe ich mir selbst verboten, mir diesen Tag allzu deutlich vorzustellen. Aber nachdem ich „ein Jahr auf einer Arschbacke absitze“, werde ich damit jetzt wohl mal anfangen, so wie ein Marathonläufer, der sich den Moment des Zieleinlaufs vor seinem geistigen Auge ausmalt.
In diesem Sinne, auf in den Kampf.
Nachtrag. 18 Stunden später.
Ich höre das Rauschen von Flugzeugturbinen. Wieder einmal. Ich sitze in der Turkish-Airlines-Maschine nach Istanbul, von wo aus ich, wie gewohnt, nach Peking weiterfliege. Hinter mir liegt eine Nacht voll unruhigem Schlaf und anstrengender Träume, ein Tag voller Zweifel und Abschiedsschmerz. Aber seltsamerweise ziehe ich offenbar genau daraus meine Energie.
Ich kehre zurück zu meinen tapfer eingeübten Kompensationsmechanismen. Ich zähle Tage, schmiede Pläne, richte mein Augenmerk auf die positiven Aspekte des Lebens, das ich mich entschieden habe zu führen. Und das geht so: Jetzt erstmal Urlaub im Warmen, dann noch vier, fünf Wochen in China. Ab heute in nur 46 Tagen lande ich wieder in Nürnberg. Dann mache ich Mama und vor allem mir selbst eine große Freude – und gehe diese Saison doch noch einmal Skifahren. Wenn es klappt, wieder in den Schweizerhof. Und mit dieser Aussicht und dem leichten Nebel eines (pfui!) kleinen Franziskaner Weizens zum Abschied sitze ich hier und weiß wieder, was ich zu tun habe.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Das Leben der Anderen

  1. Petra sagt:

    Boah, bist du reflektiert. Hut ab!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.