China und das Stockholm-Syndrom

Gänse auf MotorradLiebes Tagebuch,

„Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.“ Sagt Wikipedia. Ich kann nur nicken und denken: „Kann ich irgendwie nachvollziehen.“ Jetzt, da meine Trennung von meinem Freund China langsam in greifbare Nähe zu rücken scheint…

Die Vorbereitungen für unsere Rückkehr nach Deutschland laufen. Reichlich früh zwar, das ist mir klar, aber ich habe diese Zeit so lange herbeigesehnt, dass ich sie jetzt eben ein bisschen ausdehne. Tag X, D-Day, der Tag, dessen Name nicht genannt werden darf, die Stunde Null: Flug LH723 von Peking nach München wird am Dienstag, der 16. Dezember 2014, um 14.20 Uhr Pekinger Zeit chinesischen Boden verlassen, an Bord uns, vermutlich einiges an Übergepäck – und unsere beiden Pelzträger. Bis dahin kommen wir kaum zum Durchatmen, noch dreimal Deutschland für mich, noch öfter für Markus, der New York Marathon, weitere Reisen, daneben die Vorbereitungen für meinen Chinesisch-Sprachtest (für den ich mein Vokabular mal eben verdoppeln muss) und natürlich die Vorbereitungen für einen weiteren interkontinentalen Umzug halten uns ziemlich auf Trab. Besonders der Transport unserer Katzen erweist sich – wenn auch erwartungsgemäß – als logistischer Albtraum. Nachdem China nicht auf der Liste der von der EU anerkannten, erwiesenermaßen tollwutfreien Länder steht, verlangt der Deutsche Zoll jede Menge Papierkram: 90 Tage vor der geplanten Einreise muss je eine Blutprobe von Luke und Yoda in einem zertifizierten deutschen Labor untersucht werden. Dazu müssen die zwei weitere 30 Tage vor Entnahme der Blutprobe mit einem genau spezifiziert (Lebend-)Impfstoff gespritzt und mit einem speziellen Mikrochip ausgerüstet werden. Ob das in Jinan überhaupt geht? Keine Ahnung. Die letzte Woche vor der Ausreise müssen die beiden dann bei einem chinesischen Amtstierarzt in Peking verbringen, der sie nochmal untersucht (bzw. zumindest eine Untersuchung in Rechnung stellt). Erst dann dürfen sie mit uns an Bord von Flug LH723 – und hoffentlich auch das Terminalgebäude in München verlassen. Für den Flug könnten wir sie mit uns in die Passagierkabine nehmen – dazu müssten sie aber in Käfige, die natürlich auch maximal Handgpäck-Größe haben dürfen. Das ist nicht groß, bei zehn Stunden reiner Flugzeit. Und dazu kommt ja noch die Zeit vom Tierarzt bis zum Flughafen, Wartezeit in Peking, Wartezeit in München, Fahrtzeit von München nach Nürnberg… Zeit, in der man den Käfig tunlichst geschlossen halten sollte, wenn man seine Katze gern wiedersehen möchte. Daher habe ich entscheiden, dass die beiden im Gepäckraum reisen werden. Da haben sie Käfige, in denen sie sich zumindest umdrehen und hinlegen können. Und wir haben nicht zehn Flugstunden lang Katzenjammer, sondern können in Ruhe testen, wieviel Champagner man auf so einem Flug tatsächlich trinken kann (normalerweise fliegen wir ja immer nachts, da kommt dann meist Schlaf dazwischen). Überhaupt, als ich heute wieder durch Jinan gefahren bin und im Vorbeifahren das Foto oben gemacht habe, musst ich schon mal kurz denken, warum sich eigentlich so den Kopf zerbrechen über den Transport der Viecher? Aber im Ernst, ich bin mir nicht ganz sicher, ob es nicht von größerer Tierliebe zeugen würde, hier ein neues Zuhause für die beiden zu suchen, als ihnen diese Tortur anzutun – aber Markus will sich nicht von seinen Lieblingen trennen. E basta. Jedenfalls habe ich allen Respekt vor dem organisatorischen Aufwand, der hinter dem Katzenumzug steht. Vor allem wegen dem Problem, dass chinesische Behörden europäische Formulare ausfüllen müssten und europäische Behörden chinesische anerkennen sollten… Außerdem macht Jinan als Wohnort einiges komplizierter, denn in Peking und Shanghai gibt es natürlich die entsprechenden Stellen, aber hier? Am Ende muss ich die beiden nicht einmal im Dezember, sondern dreimal (zum chippen/impfen und dann zum Blutabnehmen) nach Peking karren? Mir schwant Böses. Aber: Jetzt habe ich ja Vincent, meinen neuen besten Kumpel aus Hong Kong, von der Firma Pet Immigrant. Er sagt, er kümmert sich um ALLES. Inklusive Transportboxen fürs Flugzeug, inklusive Impfungen, Transfer zum Flughafen, Kommunikation mit deutschem und chinesischem Zoll sowie der Airline, alles eben. Für schlappe 19.800 RMB. Das ist ein Spottpreis, ich hab denselben Service auch schon für 31.000 angeboten bekommen. Danach sind die Katzen dann nicht nur in Deutschland, sondern vermutlich auch mit Blattgold überzogen. Oder zu echten Jedi-Rittern ausgebildet. Und um nochmal aufs Stockholm-Syndrom zurückzukommen: Keine Sorge, ich fange nicht plötzlich an, China ganz großartig zu finden. Hier ist nach wie vor alles trist und widerlich. Es stinkt überall. Neulich habe ich meine Kopfkissen gewaschen und zum Trocknen raus gehängt – danach sind sie direkt zurück in die Waschmaschine gewandert, so haben sie nach Ruß und Asche gestunken. Auch haben wir das letzte Wochenende seit langem mal wieder in Jinan verbracht. Hier ist es einfach so langweilig, das wir beide schon Samstagmittag derart genervt sind, dass wir anfangen, uns gegenseitig anzumaulen. Also nein, China an sich werde ich sicher nicht vermissen. Was ich aber sehr wahrscheinlich vermissen werde, ist das hier: 30.4.-4.5. Hong Kong 9.5.-17.5. Peking und Shanghai 18.5.-24.5. Saigon 5.6.-6.7. Deutschland (Besuche in Berlin, Stuttgart und Hamburg) September: Deutschland Oktober: Kambodscha November: New York City und evtl. nochmal Deutschland… Und dieser Plan ist sicher noch nicht vollständig. China ist und bleibt ein Handel. Der oben beschriebene Luxus gegen meine Selbstbestimmung und -verwirklichung sowie nicht zuletzt meine Karriere. Und wie bei vielen Einkäufen liegt das Preis-Leistungsverhältnis im Auge des Betrachters.

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