T minus 100 Tage

Liebes Tagebuch,

wir schreiben den 6. September 2014. Mein Freund China und ich werden uns in genau 100 Tagen trennen. Komisches Gefühl, das. Obwohl wir uns mittlerweile durchaus aneinander gewöhnt haben, will mit bei dem Gedanken, China zu verlassen, keine Träne kommen. Höchsten die Aussicht, wieder zurück zu Chinas Vorgänger Deutschland zu gehen macht mir ein bisschen Sorgen. Nicht wegen Deutschland an sich, denn er hat sich nicht verändert. Aber ich.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Die letzten 100 Tage unserer Zeit in China sind tatsächlich schon angebrochen. Schon? Nun, manchmal war mir die Zeit schon lang, aber im Rückblick sind die drei Jahre natürlich doch schnell vergangen. In der Tat sind die drei Jahre tatsächlich bereits vorbei: Angekommen sind wir nämlich am 1. September 2011. Ursprünglich war auch geplant, dass wir auch zum 1. September 2014 zurückkehren, doch aus verschiedenerlei organisatorischen Gründen haben wir dann bis Jahresende verlängert. Rückflugtermin ist – auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber es hört sich einfach so gut an – der 16. Dezember 2014. Dieses Datum wird mir wohl für immer und ewig in Erinnerung bleiben. So sitze ich jetzt hier und fühle mich – äh… ja. Wie fühle ich mich eigentlich? Irgendwie hin- und hergerissen zwischen grenzenloser Vorfreunde (die ja bekanntlich die schönste Freude ist) und Euphorie einerseits – und großer Leere andererseits. Das liegt daran, dass ich in manchen Momenten zur Zeit das Gefühl habe mir geht hier einfach echt die Puste aus. Wie bei einem Marathon bei Kilometer 38. Da tun die Beine weh und der Kopf sagt: Wer hat dich denn auf diese Schnapsidee gebracht? Mann nennt das auch den Mann mit dem Hammer. In solchen Momenten bin ich schwer zu ertragen, vor allem für mich selbst (gut, jemand anders ist ja dann auch nicht da, denn diese Momente passieren natürlich ausschließlich dann, wenn mein Schatz bei der Arbeit weilt).

Wege aus der Krise: Klar, als erstes Sport. Ich bin mittlerweile gut eine Minute pro Kilometer schneller geworden, laufe im Schnitt 50 Kilometer in der Woche, plus einmal schwimmen, zweimal „Body Pump“ und ein bis zweimal Personal Training. Problem ist nur: Als ich zuletzt in Deutschland war, hat mich ein fieser Virus so dahin gerafft, dass der Onkel Doktor verordnet hat, ich soll mindestens einen, besser zwei Tage die Woche GAR KEINEN SPORT machen. Einmal schaff ich gerade so, aber das sind dann die schlimmsten Tage.

Alternativen? Nun, Chinesisch lernen hat bisher immer gut geholfen, fühlt sich irgendwie sinnvoll an und mein HSK-Test stand ja auch vor der Tür. Der liegt jetzt aber hinter mir (ob bestanden oder nicht, erfahre ich leider erst Mitte September), und so ist die Motivation zum Weiterlernen natürlich gering.

Sonst? Schwierig. Fingernägel machen lassen ist öfter als einmal die Woche echt Quatsch, Kaffee kann man auch nur eine bestimmte Menge am Tag trinken, selbst im schönsten Café (wo auch immer das überhaupt sein mag, in Jinan jedenfalls nicht, aber man ist ja kompromissbereit). Wenigstens gebe ich zweimal pro Woche drei Stunden Englischunterricht, das muss dann mit viel Vorbereitungszeit diese beiden Tage ausfüllen.

Was ich gerne tue, ist Chinesen, die mir auf die Nerven gehen (indem sie zum Beispiel seelenruhig in unsere Grünanlage pinkeln, mich mit dem Auto schneidern, sich an der Supermarktkasse vordrängen, rotzen, spucken – sich also völlig normal verhalten) auf Deutsch anzubrüllen. Allerdings ist letztere Methode nicht mit langfristigem Erfolg gesegnet.

Die Tatsache, dass ich schon so frühzeitig damit angefangen habe, unsere Rückkehr zu planen, hat jetzt den unangenehmen Nebeneffekt, dass sie genau das ist: gut geplant. Bedeutet, ich habe aktuell kaum damit zu tun. Flüge gebucht, Container angefragt, Apartment reserviert, Katzen vorbereitet… Alles erledigt.

Und so bleibt viel Zeit, sich den Kopf zu zerbrechen über Dinge wie: Werde ich einen Job finden? Werde ich das Leben im Ausland vermissen? Kann und will ich auf den „Luxus“, an den wir uns hier gewöhnt haben, verzichten? Wäre ich im Zweifel sogar bereit, mein Leben weiter so einzuschränken, wie ich es die letzten Jahre getan habe, um mir diesen Luxus zu erhalten? Fragen über Fragen.

Doch genug gejammert und den Blick wieder in die richtige Richtung gezwungen (das kann ich ja mittlerweile). Nächste Woche, am 13. September, geht’s wieder mal für zwei Wochen nach Nürnberg. Der vorletzte „Urlaub in der Heimat“. Das wird die härteste Umstellung, dann im Dezember: Nürnberg im Alltag. Aus der Ferne ist die Heimat etwas so wunderbar Makelloses, man beginnt im Lauf der Monate und Jahre, sie zu idealisieren. Irgendwie schleicht sich der Gedanke ins Hirn, dass alles was hier Scheiße ist, in der Heimat besser wäre. Realistisch betrachtet jedoch wird dem wohl nicht so sein…

Worauf ich mich jedenfalls unglaublich freue, ist, wieder zu arbeiten. Nicht mehr morgens im Bett zu liegen und zu denken „wenn ich jetzt einfach liegen bleibe, fällt es nicht mal jemandem auf“. Verantwortung zu übernehmen. Sich beweisen dürfen. Andere Menschen um sich zu haben, die einem Feedback geben – gerne auch mal negatives. Gebraucht zu werden. All das: Musik in meinen Ohren. Jetzt muss mir nut noch jemand einen Job geben.

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