Wenn eine halbe Milliarde eine Reise tut…

Leeres FlugzeugLiebes Tagebuch,

eigentlich dachte ich, ich kenne meinen Freund China inzwischen so gut, dass mich nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Aber eigentlich hätte mich allein die Tatsache, dass ich diesen Gedanken gedacht habe, schon stutzig machen müssen – eben weil ich ihn so gut kenne. China versteht es einfach, einen immer wieder zu überraschen. Und meistens muss man dann demütig einen Schritt zurück treten und Buße tun: Dafür, dass man sich zu sicher gefühlt hat.

Die Golden Week ist Ausnahmezustand. In dieser Zeit der Nationalfeiertage in China besucht JEDER Chinese seine Familie. Da dieses Land ziemlich groß ist, bedeutet dass sehr viele, sehr weite Reisen. Deutsche Superlative erscheinen mir ein bisschen mickrig, um zu beschreiben, dass in diesem Jahr laut chinesischen Tourismus-Experten 480 Millionen Menschen mit Bus, Bahn, Auto und Flugzeug unterwegs waren (und ganz sicher auch per Anhalter, Eselkarren und jedem sonst erdenklichen Verkehrsmittel). Fast eine halbe Milliarde. In einer Woche.

Fakt ist aber auch: Das ist nichts Neues für uns. Da fast das gleiche auch noch mal im Januar bzw. Februar, zu Chinese New Year, geschieht, hatten wir das inzwischen ja, Moment, sechs Mal erlebt. Offenbar aber haben wir kein Glück mit der Zahl sieben. Oder waren einfach zu entspannt. Oder aber, und das erscheint leider plausibel, wir sind einfach komplett bescheuert.

Und so begab es sich, dass Markus und Julia zwei Tage vor Beginn der Golden Week aus Deutschland zurück kommen und ganz einfach nicht dran gedacht haben, im Vorfeld ein Zugticket von Peking nach Jinan zu kaufen. Und die Züge sind mal eben ausverkauft. Alle. Alle Klassen, alle Arten von Zügen. Für die ganze Woche. Obwohl die Golden Week ja offiziell noch gar nicht begonnen hat. „Die müssen doch alle Montag und Dienstag noch arbeiten?!?“ Offenbar nicht.

Alternativen? Flüge ausgebucht. Mietwagen? Geht nicht, Führerscheine liegen in Jinan. Was kostet wohl ein Taxi von Peking nach Jinan?

Angkor WatErstmal sammeln, schließlich stehen wir, als uns diese Überlegungen wie ein Blitz treffen, immer noch in der Ankunftshalle des Pekinger Flughafens. Sonntagabend, Markus wollte Montag arbeiten, wir Mittwoch (zum offiziellen Beginn der Ferien) von Jinan via Seoul nach Siem Reap in Kambodscha fliegen (absolut empfehlenswert, im Bild derberühmte Tempel von Angkor Wat, s. Bild).
Heute (Sonntag) geht jedenfalls mal nichts mehr. Also fuhren wir zu unseren lieben Freunden Rolf und Andrea, die uns für die Nacht bei sich aufnahmen – und uns zurecht ordentlich verspotteten („Eure wievielte Golden Week ist das jetzt?“).

Markus also wie wild am Telefon mit Assistentin Lucy, ich wie wild am Googeln (ok, am „bingen“, Google ist schließlich Staatsfeind hier), wie man sonst noch nach Jinan kommen könnte. Plötzlich Andrea: „Übrigens, meine Nachbarn fahren morgen früh mit dem Auto nach Tianjin.“ Tianjin? Das wären zumindest 150 Kilometer in die richtige Richtung, frag mal, ob sie uns (und vier Koffer) mitnehmen könnten. Zeitgleich Markus am Telefon mit Lucy: „Und die Kollegen sind morgen mit dem Touran in Tianjin?“

Unfassbares Glück! So machten wir uns also auf am Montagfrüh um acht, saßen dann von elf bis zwei bei irgendeinem Starbucks in Tianjin, wo uns die Kollegen tatsächlich wie besprochen und sogar pünktlich abholten, um uns in weiteren knapp sechs Stunden mit nach Hause zu nehmen. Was für ein Roadtrip.

 

Doch das wirklich krasse an China sind ja die Gegensätze. Wir haben es nämlich auch schon erlebt, den ganzen Zug für uns zu haben (und das ist keine Übertreibung, wir waren wirklich allein in einem 100-Leute-Abteil, ich hatte an dieser Stelle davon berichtet). Das war am chinesischen Neujahrstag. Oder, und dass war wirklich cool, kürzlich unsere Privatjet-Nummer (im Bild oben): Wir sind mit nur noch zwei (!) weiteren Passagieren, in einer ansonsten komplett leeren Boeing 737, von Jinan nach Guangzhou geflogen (Maschine sechs Stunden verspätet, Abflug nachts um drei, vermutlich alle anderen Passagiere irgendwie umgebucht. Ich bin ganz sicher, die haben uns nur geflogen, weil die China-Southern-Maschine am Morgen in Guangzhou gebraucht wurde).

Jetzt, so kurz vor dem Ende unserer Zeit in China, wird es irgendwie unwirklich: All diese Geschichten kommen mir jetzt schon wie Anekdoten vor, die, die uns noch in Jahrzehnten am Lagerfeuer wärmen werden.

Und das Ende hier – es wirft seine Schatten voraus: Wir planen unsere Abschiedsfeier, heute kommt das Umzugsunternehmen zur Bestandsaufnahme und einige Lebensmittel im Kühlschrank haben ein Verfallsdatum jenseits von Tag X.

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