Alles eine Frage des Blickwinkels

Magnolienblüte ShandaWischmopp im KloLiebes Tagebuch,

China und ich haben uns wieder gefunden. Und zwar genau zu einem Zeitpunkt, zu dem er mich echt beschissen behandelt hat. Was sagt das über unsere Beziehung? Vor dieser Frage verschließe ich jetzt in guter China-Manier Augen, Ohren und Mund. Die Beziehung ist stabil und wird es genau so lange bleiben, wie ich in dieser Geste verharre.

China ist eine Achterbahn. Das einzig Beständige ist der Wechsel aus Auf und Ab. Seit ich im Februar wieder her gekommen bin, war es ein wenig Auf und viel Ab, das sich ganz Allgemein im unteren Viertel der Gefühlsskala abgespielt hat. Gerade hat man es geschafft, sich an der Magnolienblüte auf dem ansonsten zubetonierten Unicampus zu erfreuen, nur um dann die Putzfrau dabei zu beobachten, wie sie ihren Wischmopp im Klo wäscht (s. Fotos). Haha, witzig? Nicht, wenn man so was jeden Tag hat.

Und dann kam vor zwei Wochen die Hiobsbotschaft: Wir müssen umziehen. Raus aus „meiner“ Wohnung, meinem sicheren Hafen, meinem Zufluchtsort. Die Vermieterin will die Wohnung selbst nutzen. Fest stand gleich, dass wir hier im Compound, der Haier Green City (Grün ist zwar nur das Kleeblatt im Logo, aber naja…), bleiben wollen. Wir haben genug andere Wohnungen gesehen um zu wissen, dass man besser in Jinan nicht wohnen kann. Und da sicher ein Drittel der geschätzten 3000 Apartments noch frei ist, müsste da ja was zu machen sein. Das einzige Problem: Schimmel. In fast allen Wohnungen – außer unserer. In diesen Häusern ist zwar tonnenweise Marmor verbaut, aber die paar Tage, das Mauerwerk ordentlich trocknen zu lassen, hätten damals, 2009, offenbar das Budget gesprengt.

Die chinesische Art, damit umzugehen? Tapete runter, eine weitere Schicht Putz auf den Schimmel, Tapete wieder drauf. Warum müsst ihr komischen Ausländer auch immer so kleinlich sein? Seht ihr den Schimmel vielleicht noch? Also. Die „Lösung“ ist jetzt eine Wohnung, die meiner Bekannten Wang Ning gehört (meine Akupunktur-Ärztin). Leider ist sie ein bisschen kleiner, nicht so hell, nicht so hoch oben und auch weiter hinten im Compound (also weiter weg von Taxis etc), aber was soll’s. Mit Wang Ning kann man wenigstens reden, wenn es um ordentliche Reparaturen geht. Und sie findet deutsche Mieter super, da hatte sie schon mal einen. Die sind so sauber und machen nichts kaputt. Ach ja, und Inder stinken und Koreaner sind von Natur aus dreckig. Wenn alles klappt, wird in zwei Wochen umgezogen. Wenn.

Umziehen ist ein Albtraum, egal, wo auf der Welt. Und doch scheint es genau dieser Umzug zu sein, der mir meinen alten Kampfgeist, meine alte Überzeugung, meine alte Zielsetzung wieder gebracht hat. Warum? Vermutlich, weil ich so wieder gemerkt habe, wie sehr ich hier gebraucht werde.

Seit ich aus Deutschland zurück war, hatte ich ein Riesenproblem. Ich hatte die Antwort auf die Frage nach dem Warum vergessen. Warum tu’ ich mir das hier eigentlich an? Warum verzichte ich auf mein Leben? Warum atme ich die schlechte Luft, esse das vergiftete Essen, schlage mich mit den asozialen Chinesen herum? (Achtung: Erklärung zum Terminus „asozial“: s. u.) Die Antwort auf all diese Fragen wusste ich schon einmal, doch ich hatte sie vergessen.

Für Markus muss das furchtbar gewesen sein, denn er fühlte sich natürlich schuldig und versuchte krampfhaft, mir die Fragen zu beantworten. Nur: Das liegt in niemandes Hand außer der eigenen. Ihm blieb nichts übrig, als tatenlos zuzusehen und meine Wutausbrüche zu ertragen. Die richteten sich zwar nie gegen ihn – aber das wäre vielleicht sogar noch einfacher gewesen. Und dann kam dieser eine Moment. Der Xte Ausraster, Tränen, Zweifel, unterschwellige Vorwürfe. Geht gerade alles den Bach runter – oder ist es gar schon zu spät? Vielleicht doch lieber Fernbeziehung?

Und dann, ganz plötzlich, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, als ich ihn da vor mir sitzen sah, völlig verzweifelt und am Ende seiner Kräfte: Natürlich. Deswegen. Deswegen bin ich hier, deswegen atme ich auch giftige Luft: Weil ich meinen Mann über alles liebe und an unsere gemeinsame Zukunft glaube. Weil ich stark genug bin, mit mir selbst umzugehen, sogar hier und sogar ohne Job, der mir Bestätigung verschafft, ohne Familie und Freunde. Und da war es auch wieder, das Bild von uns in ein paar Jahren, irgendwo auf der Welt, wo es schön ist (vorzugsweise natürlich in Nürnberg), im Garten beim Grillen, Geschichten über diese krasse Zeit in China erzählend. Lachend. Kopfschüttelnd. Selbst im Rückblick noch staunend. Aber vor allem: stolz, das gemeinsam gemeistert zu haben.

Die Nachricht mit dem Umzug hat das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht – und mich aus dem Wachkoma gerissen. Kneifen gilt jetzt nicht mehr, jetzt heißt es, Zähne zusammenbeißen und an einem Strang ziehen. Und siehe da, es klappt. Sobald er dann wieder da ist, der Zielfokus, erträgt man auch Begebenheiten wie die Folgende. Und damit zu den asozialen Chinesen.

Heute morgen auf dem Weg zur Uni: Viel Verkehr, wie immer. Doch direkt vor mir wird es plötzlich selbst für hier chaotisch, Autos wechseln wie wild die Spur, hupen, bremsen abrupt. Mitten auf der vierspurigen Straße sitzt, mutterseelenallein auf einer stark befahrenen Kreuzung, eine Frau auf dem Boden, umgeben von kleineren Trümmern, den starren Blick in Richtung des heranrollenden Verkehrs. Ein paar Meter entfernt liegt ihre umgekippte Motor-Rikscha, wieder ein Stück weiter steht ein beschädigtes Auto. Die Frau scheint nicht schwer verletzt, aber zumindest unter Schock zu stehen, denn sie macht keine Anstalten, sich zu bewegen. Und was passiert? Genau. Nichts. Niemand macht Anstalten, sich ihr auch nur zu nähern, obwohl hunderte von Chinesen die Kreuzung bevölkern. Kein einziges Auto hält an. Der Fahrer vor mir hupt die Frau sogar noch an.

Ich bin fassungslos über diese Szenerie. Was tun? Aussteigen und helfen? Natürlich weiterfahren. Hundertmal haben wir schon über diese Situation gesprochen. Fass ja niemanden an, wenn du das tust, besonders als „reicher“ Ausländer, hängst du drin. Die Frau wird behaupten, es ging ihr bestens, bis du sie berührt hast. Und dann rollt der Rubel. Ich weiß es. Und fahre weiter. Und bin erschüttert über mich selbst. Will ich so sein? Nein. Aber es gibt nun mal viele Dinge hier, die müssen wir nehmen, wie sie sind. Meiyou Banfa, sagt der Chinese, kann man nichts machen.

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Blauer Himmel – welch ein Luxus.

Smog SchlafzimmerfensterLiebes Tagebuch,
mein Freund China ist nicht gerade der Hübscheste, das ist ja nicht neu. Aber dass er sich nun zunehmend komplett verschleiert, ist mir irgendwie auch nicht recht. Zumal dieser Schleier echt unangenehm riecht. Da schau ich mir doch lieber sein Gesicht an, selbst wenn das nicht so perfekt ist.

Blauer Himmel. Welch ein Luxus. Den habe ich seit Deutschland nicht mehr gesehen. Halt, doch, in Korea. Aber eben nicht in China, selbst nicht, wenn der Wetterbericht einen klaren Tag vorhersagt. Der Grund liegt auf der Hand: Die Luftverschmutzung. Um das ganze Ausmaß dieser Katastrophe begreiflich zu machen, zitiere ich immer wieder gerne folgenden Satz, der am Donnerstag, 31. Januar 2013, in der Süddeutschen erschienen ist: „Vor zwei Wochen waren die Menschen schockiert, als sie von den Feinstaub-Werten erfuhren, die Werte jener Partikel, die über die Luge ins Blut eindringen: eine Konzentration von 993 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält alles über 25 für ungesund, wenn man solcher Luft 24 Stunden ausgesetzt ist.“ Wie gesagt, der Text ist am 31. Januar erschienen, verbessert hat sich seitdem kaum etwas. Soviel zum Thema 25 Mikrogramm und 24 Stunden. Ach ja, und in dem Text ging es um Peking – das im landesweiten Verschmutzungs-Ranking deutlich hinter Jinan liegt. Heute Morgen war es so schlimm, dass wir über weite Strecken im Schritttempo in die Arbeit gefahren sind; das Foto oben ist der Blick aus meinem Schlafzimmerfenster. Ich finde, da ist die Frage, ob es das wert ist, schon mal erlaubt.
Ansonsten aber, muss ich sagen, ist mir die Wieder-Ankunft nach meinem langen Deutschandaufenthalt erstaunlich leicht gefallen. Mein Alltag hier war wohl inzwischen fest genug etabliert, um schnell wieder zu funktionieren. Ich unterrichte wieder Englisch, gehe zum Sport und kümmere mich um alles, was so anfällt. Beispielsweise die Rückmeldung bei der Polizei, denn wir müssen uns jedes Mal, wenn wir China verlassen, wieder melden. Als ob sie nicht sowieso genau wüssten, wann wir ein- und ausreisen, schließlich wird jedes Mal der Pass gescannt und gestempelt. Aber was soll’s.
Ab nächster Woche bin ich dann auch wieder Studentin und mit 20 Stunden Uni und vier bis sechs Stunden Englischunterricht plus die jeweilige Vor- und Nachbereitungszeit vergeht die Woche auch. Den Gedanken, dass es mir eigentlich nicht gefällt, nur die Zeit rumzubringen, habe ich schon fast wieder auf Null zurück gedrängt. Und mein Chinesisch, so habe ich für mich beschlossen, muss so gut werden wie irgend möglich – vielleicht bringt es mir ja doch irgendwann irgendwas.
Und auch abseits des Alltags habe ich mir in den vergangenen eineinhalb Jahren Strategien angewöhnt, mit den dunklen Momenten hier umzugehen – die übrigens meistens in den Vormittagsstunden liegen, wenn ihr alle in Deutschland noch schlaft, ich also auch mit niemandem telefonieren kann. Erstaunlicherweise macht auch jeder dunkle Moment es nachher besser: Irgendwie habe ich diesen Mechanismus von Krise und Verarbeitung so perfektioniert, dass ich nach jedem Mal wieder genauer weiß, warum ich das hier tue – hört sich schräg an, oder?
Eine Strategie ist beispielsweise das Einteilen der vor mir liegenden eineinhalb Jahre in Abschnitte: Bis zum nächsten Kurztrip, zum nächsten Heimaturlaub, bis zum Jahresende und schließlich zum China-Ende am 31.8.2014. Das ist wie beim Marathon: Noch zwei Kilometer bis zum nächsten Verpflegungsstand. Bis Deutschland sind es übrigens heute noch 81 Tage, da sind gut elf Wochen.
So ist das komplette Jahr 2013 schon grob durchgeplant: Heim geht es wie gesagt im Mai für ein, zwei Wochen, dann wahrscheinlich wieder im Juli, eventuell gleich bis so Ende August. Im September wollen wir nach Neuseeland, im Oktober kommen Thomi und Petra, dann müssen nur noch November und der halbe Dezember überbrückt werden, ehe es zu Weihnachten wieder für eine längere Zeit nach Hause geht.
Und 2014? Na, so ein Umzug zurück nach Deutschland zu organisieren, kann schon mal ein halbes Jahr dauern, wenn man ein bisschen großzügig rechnet. Hehe. Und dann wird sich irgendwann zeigen, was bleibt von drei Jahren China. Inzwischen bin ich mir wieder sicher, dass es mehr sein wird als Sorgenfalten und Verbitterung über drei verlorene Jahre. Möglicherweise noch Lungenkrebs (Achtung: Zynismus).

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Aufrappeln, Krone richten, weiter gehen.

Liebes Tagebuch,
da bin ich also wieder zurück bei meinem Freund China. Er hat mich nicht gerade mit offenen Armen empfangen, aber zumindest hat er mich nicht gleich angespuckt, was ich mir durchaus auch hätte vorstellen können. Vielmehr betasten wir uns im Moment noch vorsichtig. Fakt ist jedenfalls: Unser Wiedersehen hätte viel schlimmer laufen können.

Triebwerk 777
Merkwürdig war unsere „Heim“reise. Das letzte Abendessen im Ciao, der letzte Lauf an der frischen Luft, viele letzte Umarmungen, ein paar Tränchen – das gehört fast schon zur Routine. Unsere zwei Tage in Wien waren dann auch angenehm, bedeuteten sie doch quasi ein Abschied auf Raten. Beinahe hätten wir sogar noch einen willkommenen Tag auf Airline-Kosten in Istanbul verbracht, weil die Maschine ab Wien verspätet war. Doch dann war auch der Anschluss nach Peking hinter der Zeit und es hat wieder alles gepasst. Dass auf dem Weg ach China wenig los sein würde, hatten wir uns gedacht – schließlich wird in China Neujahr gefeiert, da sind alle schon zuhause oder schon weg und alle Firmen haben Betriebsurlaub. Aber so leer haben wir diese Maschine tatsächlich noch nie gesehen. Gleiches galt für die U-Bahn auf dem Weg quer durch Peking, aber am krassesten war es im Zug: Ein ganzes Abteil für uns? Echt gespenstisch… (siehe Foto).Zugabteil leer
Heute dann mussten wir bis ganz in Jinans Innenstadt fahren, um einen geöffneten Supermarkt zu finden. Die ersten zehn Kilometer dachten wir, der Weltuntergang hätte jetzt doch noch stattgefunden und wir hätten’s nicht mitbekommen, so wenig Leute waren auf der Straße. Man fühlte sich an den deutschen Sonntag erinnert, das gibt’s ja sonst hier nie.
Irgendwie seltsam jedenfalls, aber auch irgendwie ganz nett, China mit ein paar weniger Chinesen. Das einzige echte Problem: Selbst das Fitnessstudio hat zu, und wer mich kennt, weiß, was das heißt. Hoffe, das ist morgen wieder anders. (Nachtrag: Tatsächlich hat das Studio die ganze Woche zu. Glücklicherweise düsen wir heute nach Seoul und ich habe in weiser Voraussicht ein Hotel mit eigenem Fitnesstudio gebucht.)
Ansonsten ist alles wie erwartet: Die Katzen wachsen (leider nur noch in die Breite) und gedeihen, die Chinesen böllern, was das Zeug hält (und zwar nicht alle gleichzeitig, sondern sauber versetzt, sodass man überhaupt nicht zum Schlafen kommt – selbst wenn es Jetlag und Kopfkino mal zuließen). Die Luftverschmutzung ist mal wieder jenseits der Skala, der Himmel entsprechend grau. Noch im Landeanflug auf Peking hatte alles klar ausgesehen (im Bild oben: das immer aufs Neue beeindruckende Triebwerk der 777), doch seitdem ist’s wieder vorbei mit Sicht.
Die einzige wirkliche Neuigkeit: Wir haben jetzt einen echten, richtigen Supermarkt im Compound! Das dürfte es aber wohl gewesen sein mit (guten) Nachrichten.
Noch bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich es bereuen soll, so lange in Deutschland gewesen zu sein. Ginge es mir jetzt besser, wenn ich die drei Wochen im Januar mit Markus zurück nach China geflogen wäre? Vermutlich hätte es mein Verhältnis zu China nie so durcheinander gewürfelt, ich hätte nie derart meinen Zielfokus verloren. Aber vielleicht muss man doch manchmal einen Schritt aus der Reihe tun, um sich wieder sicher zu sein, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist… Ich hoffe sehr, das wird sich so herausstellen. Wenn nämlich nicht, werden die nächsten eineinhalb Jahre verdammt lang.

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juliarauch.de goes YouTube

Für diejenigen unter euch, die letzten Donnerstag um 15 Uhr keine Zeit hatten und die es trotzdem interessiert: Mein Vortrag “Mein China in Wort und Bild” (31.1.2013 beim Verein Frau und Kultur im Nürnberger Grand Hotel) jetzt hier als Video. Viel Spaß damit!

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Mittendrin und trotzdem nur dabei oder: Wer bin ich und wenn ja, wie lange noch?

20130129-182821.jpgLiebes Tagebuch,
mein Freund China und ich stecken (mal wieder, bin ich geneigt zu sagen) in der Sinnkrise. Diesmal liegt es an Chinas Vorgänger Deutschland. Er liebt mich, so wie ich bin, mit allen Facetten, wohingegen ich bei China manchmal glaube, er liebt nur einen Teil von mir – meinen Mann
.

Wie geht es eigentlich nach China weiter, habe ich mir hier kürzlich gefragt. Und darüber nachgedacht, ob das Expat-Frau-Dasein das Potential hat, ein Dauerzustand zu werden. Aus heutiger Sicht kann ich das mit einem klaren “auf gar keinen Fall” beantworten. Seit fast sechs Wochen bin ich nun wieder in Deutschland, und ich stelle fest: Das Leben kann tatsächlich Spaß machen.
Gut, ja, ich neige zu Übertreibungen. Ganz so schlimm ist’s in China ja auch nicht (speziell dann nicht, wenn wir verreist sind).
Der zentrale Unterschied scheint aber zu sein, dass ich hier mein eigenes Leben habe. In China bin ich die Frau meines Mannes, und sonst nichts. Mein Tages-, mein Wochen-, mein Jahresplan: hängt von Markus ab. Wann ich aufstehe, mich schlafen lege oder zum Sport gehe. Klar ist es toll, Chinesisch zu lernen. Aber mein eigener Plan war das nicht. Jeder, der mich kennen lernt, lernt nur die Frau an Markus’ Seite kennen.
Und dabei ist Markus der letzte, dem hier ein Vorwurf zu machen ist. Verglichen mit allem anderen Männern in seiner Situation macht er das, finde ich, am besten. Er bemüht sich wirklich nach Kräften, mich mein Anhängselsein nie spüren zu lassen, mir Ehemann, beste Freundin, Familie, Arbeitskollegen und Sportkameraden in Personalunion zu sein. Doch auch seine Superheldenfähigkeiten haben Grenzen. Und das ständige Kostümwechseln ist schließlich auch anstrengend.
Spaß beiseite: Beim Skifahren wurde mir das besonders deutlich. In einem Clubhotel (Achtung, Schleichwerbung: Robinsonclub Schlanitzen Alm: ÜBERRAGEND!!, s. Foto oben) lernt man automatisch viele neue Menschen kennen. Und diese Menschen haben, zumindest zunächst, nur mich gesehen. Mich als Julia und nicht zuerst mich als Markus’ Frau. Versteht mich nicht falsch, ich bin sehr gern die Frau meines Mannes. Aber das allein ist auf Dauer einfach zu wenig.
Ich dachte immer, es läge nur am nicht Arbeiten, aber vielleicht ist es doch mehr: Sozialkontakte, und ich meine solche innerhalb des eigenen Kulturkreises. Denn in den Augen der Chinesen sind wir eben nur anders. Nicht gut oder schlecht, nett oder doof, schön oder hässlich. In erster Linie anders. Soziale Interaktion ist es doch, die uns zu dem macht, was wir sind. Wie reagieren die Menschen auf einen? Wie sehe ich im Spiegel meines Umfeldes aus? Dieser Input fehlt in China komplett. Und schmerzlich.
Hinzu kommt natürlich erschwerend, dass dieser Deutschlandaufenthalt der bisher längste war, es setzt also schon wieder ein gewisser Gewöhnungseffekt ein. Außerdem ist viel Schönes passiert: Weihnachten mit der Familie, großartige Treffen mit unseren Freunden (s. Foto unten), Skifahren, Markus’ Geburtstag und meiner (ok, 30, nicht so großartig…), viel Zeit für Mama, Papa, Katja, alle meine Liebsten. Nach einer solchen Zeit wieder in die China-Realität zurückzukehren ist wie der Schritt aus der Sauna ins Freie.
Was bedeutet das nun? Vermutlich nichts, außer dass ich noch weitere eineinhalb Jahre verwarten werde. Natürlich werde ich am 8.2. zurückfliegen und natürlich werde ich die verbleibende Zeit in China mit Anstand hinter mich bringen. Alles andere wäre für mich ein Versagen, und wer hat das schon gern. Aber im Moment sehe ich das äußerst nüchtern und zähle genau ab, wieviele Tage ich noch in der Heimat verbringen kann. Und für den Rest muss ich eben die Zähne zusammenbeißen und versuchen, mich an die Julia zu erinnern, die ich in den Augen der Menschen hier gesehen habe. Denn die gefällt mir viel besser als die China-Julia.

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Mein China in Wort und Bild…

… gibt es zu erleben am 31. Januar 2012 um 15 Uhr im Grand Hotel in Nürnberg. Ich spreche auf Einladung des Vereins Frau und Kultur. Eintritt wird nicht verlangt, nur ein kleiner Obolus für ein Stück Kuchen sowie vorherige Anmeldung bei mir. Ich freue mich auch über solche Gäste, die meinen Blog verfolgen, mich aber gar nicht persönlich kennen!

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Jenseits von China

Liebes Tagebuch,
China und ich leben und überleben nun schon mehr als ein Jahr miteinander. Demnächst werde ich einmal wieder eine längere Zeit mit Chinas Vorgänger Deutschland verbringen. Aber das ist schließlich kein Problem zwischen uns. Und wenn ich von Deutschland zurück komme, ist tatsächlich schon Halbzeit für China und mich. Denn ja: Unsere Beziehung ist endlich. Bisher war das immer ein befreiender Gedanke – doch so langsam stellt sich mir die Frage: Was kommt eigentlich danach?

„Kann man vor Freude in Ohnmacht fallen?“, habe ich mich an dieser Stelle einmal gefragt. Damals war ich in einer ganz ähnlichen Situation wie heute, nämlich kurz vor der Abreise nach Deutschland. Damals – im Juni – war ich zuvor ein halbes Jahr nicht zuhause gewesen. Dieses halbe Jahr war in vielerlei Hinsicht das schwierigste und finsterste meines Lebens. Die Finsternis ist inzwischen nicht mehr ganz so finster und mein letzter Deutschlandbesuch liegt auch noch nicht so lange zurück. Dafür steht diesmal Weihnachten mit der Familie vor der Tür, Skifahren, mein 30. Geburtstag im Kreise meiner Lieben… kurz: Ich habe auch jetzt allerlei Grund zur Vorfreude.
Die steigert sich gewöhnlich in Sprüngen. Es beginnt mit der Bestätigung für die Buchung des Heimflugs, wächst kontinuierlich mit der Benachrichtigung aller Daheimgebliebenen über die bevorstehende Ankunft. Es geht weiter mit dem Wochen, dann dem Tage zählen. Es folgt das mehrmalige (zumindest mental mehrmalige) Ein- und wieder Auspacken der Koffer. Das tägliche Abrufen des heimischen Wetterberichts gesellt sich dazu. Der Kauf der Zugfahrkarte nach Peking, es wird immer greifbarer. Selbst das Wäschewaschen macht jetzt Spaß (umso mehr, da ich ja nur die Maschine anschalte, den Rest besorgt Lu), ebenso die letzten Einkäufe, denn sie stehen unter dem Gedanken „lohnt sich das jetzt noch zu kaufen, wo ich doch bald weg bin?“.
Der wahre Höhepunkt der Vorfreude ist aber die eigentliche Reise. Mr. Li holt mich ab, dann Markus von der Firma. Autofahrt zum Bahnhof, Zugfahrt nach Peking (hundertmal gemacht, doch an Heimreisetagen ist es etwas Besonderes). Im abendlichen Verkehr mit der U-Bahn quer durch die Stadt zu fahren – der Bahnhof ist im Süden, der Flughafen im Norden – ist eigentlich nicht gerade unterhaltsam, aber im speziellen Fall…
Check-In, Passkontrolle (das Highlight hier: die Abgabe der „China Customs Departure Card“, da habe ich immer einen fertig ausgefüllten Stapel in meinem Pass, man weiß ja nie…). Sicherheit, Warten in der Lounge (selbst der furchtbare chinesische Weißwein schmeckt jetzt ordentlich). Die westlichen Gesichter häufen sich, ebenso die Zahl der Englischsprechenden, ich lege langsam die Gewohnheit ab, jeden auf chinesisch anzusprechen. Einsteigen in die Triple 7 der Turkish Airlines. Großartig. Und dann der große Moment: Mit einem winzigen Magenheber verlässt die Maschine chinesischen Boden. Ein zauberhaftes Gefühl.
Bei dieser Reise kommt ein besonders Schmankerl hinzu: In Istanbul treffen wir Silke und Markus aus Saigon, die ebenfalls für Weihnachten heim fliegen und zufällig fast zu selben Zeit dort landen, um mit derselben Maschine wie wir weiter nach Nürnberg zu fliegen (Landung: 21.12., 10.30 Uhr). Da geht’s dann direkt auf den Christkindlesmarkt, den ersten Glühwein der Saison einnehmen. Für uns ist dann ja quasi abends, da kann man das schon mal machen.

Der Rest ist dann Geschichte und langsam richtet sich der Blick, der so lange auf diesen Moment konzentriert hat, weiter in die Zukunft (von der ich bei dieser Reise ja nicht einmal weiß, ob sie stattfindet, schließlich gibt es den Maya-Kalender. Aber Spaß beiseite, denn jetzt wird’s ernst): Wenn ich im Februar nach Jinan zurück komme, sind eineinhalb unserer drei Jahre hier vorüber. Unglaublich, aber wahr. Stellt sich die Frage: Und dann???
Zurück nach Deutschland und weitermachen wie vorher, nur um ein paar Erfahrungen reicher? Und was heißt schon wie vorher, schließlich bin ich arbeitslos. Wenn ich mir die Zeitungsbranche auf der Welt und in Deutschland im Allgemeinen und in Nürnberg im Besonderen anschaue, wird mir ganz anders. NZ? Erstmals in der über hundertjährigen Geschichte ein Dutzend Redakteure entlassen. AZ? Gleich ganz pleite. Das heißt nicht nur, dass ich bei den Zeitungen selbst wohl kaum eine Chance auf eine Festanstellung haben dürfte, sondern auch, dass alle verwandten Stellen (Pressearbeit für Unternehmen etc.) begehrter sind denn je – bei all den Kollegen, die jetzt eine neue Orientierung brauchen. Nicht jeder hat schließlich das Glück, mal schnell eine erfolgreiche Rockband managen zu können (nicht wahr, Anna?).
Alternative freie Mitarbeit? Wow, dann lieber Supermarktkasse oder Bäckerfiliale. Bessere Bezahlung, weniger Stress. Ein Job muss jedenfalls her, ich bin ja sonst nicht mal krankenversichert. Aber darum geht’s nur am Rande. China hat schließlich unter anderem dazu beigetragen, dass wir uns eine Zeitlang mein Leben als Hausfrau leisten könnten, wenn es sein müsste, Kind hin oder her. Viel wichtiger ist: ICH WILL ENDLICH WIEDER ARBEITEN!!!
Oder will ich das? Vielleicht ist das Expat-Dasein eine dauerhafte Alternative. Wenn es nicht gerade China wäre, könnte ich mich an dieses Leben im Ausland schon gewöhnen. Ist ja nicht so schlecht, ein kleiner Teilzeit-Job zur Unterhaltung, ansonsten Sport, Kochen, Maniküre, Kaffeetrinken und natürlich Reisen. Ich würde weiter meinen Blog schreiben und endlich auch ins Englische übersetzen, zudem spiele ich seit längerem mit der Idee eines Romans. Man müsste sich eben mit diesem Selbstbild abfinden. Kann ich das? Will ich das?
Ich habe keine Ahnung. Aber wenn alles so unsicher erscheint, so steht zumindest eines fest: Das Leben ist das, was dazwischen kommt, wenn man gerade damit beschäftigt ist, andere Pläne zu schmieden. Hoffen wirs, denn meine Pläne fallen im Moment irgendwie alle durch.
Ich denke, es ist wieder einmal Zeit für die Bärenraupe:

„Manchmal sollten wir ein bisschen mehr von der Bärenraupe haben… Die Chance einer Bärenraupe? Kein Chance, sechs Meter Asphalt, zwanzig Autos in einer Minute, fünf Laster, ein Schlepper, ein Pferdefuhrwerk. Die Bärenraupe weiß nichts von Autos. Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist. Sie weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds. Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst, herrliches grün, vermutlich fressbar. Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber. Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen. Zwanzig Autos in der Minute. Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik. Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk. Geht los, und geht, und geht…
… und kommt an.

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So klein und doch so schmerzhaft

Sie ist vielleicht so groß wie ich, wiegt maximal 45 Kilo und sieht aus, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte – und doch fügt sie mir unbeschreibliche Schmerzen zu. Sie heißt Angela und ist mein Personal Tainer. Alles fing damit an, dass ich begann, mich beim täglichen, stupiden Laufbandlaufen und Ergometerfahrradfahren zu langweilen. Da kam Vietnam gerade recht, denn dort nahm Silke mich mit zu ihrem ‘PT’, Andy. Eine unglaublich spaßige Stunde später war klar: So jemanden brauche ich auch. Auch wenn ich mich noch drei Tage später beim Aufs-Klo-Setzen am Spülkasten festhalten musste, so hatte ich Muskelkater.
Also machte ich mich bester Laune auf in mein Fitnesstudio und sprach die mir am nettesten erscheinende Trainerin an. Angela spricht natürlich so gut wie kein Englisch. Ich verstehe geschätzt ein Drittel von dem, was sie so sagt, gehe aber davon aus, dass das schon genügen wird. Zuerst, erklärte sie mir, müssten wir einen Fitness-Test machen. Haha, dachte ich, soll nur kommen, die Chinesin, dann zeig ich ihr mal, wer hier fit ist.
Nunja.
Es folgten alle möglichen Messungen. Gewicht und Größe bis zur Entfernung zwischen rechtem Ohrläppchen und linkem Handwurzelknochen, Ruhepuls, Körperfettgehalt und Situps pro Minute brachten es zum Vorschein: Ich bin ein körperliches Wrack. Zehn Jahre täglichen Ausdauersports, fünf Marathons, viermal pro Woche Fußball? Vollkommen verschenkt. Was bleibt? Angela zufolge habe ich mit mindestens drei Trainingseinheiten mit ihr pro Woche zumindest noch eine geringe Chance, nicht schon vor meinem 40. Geburtstag der Fettsucht zu erliegen. Ach ja, und es könne nicht schaden, gleich damit anzufangen und ein bisschen weniger zu essen. Sprachs und schlug sich zum Mittag mit einem Berg Nudeln den Bauch voll, der mir für drei Tage gereicht hätte.
So in die Schranken gewiesen erschien ich kurz darauf kleinlaut wie ein geprügelter Hund zur ersten Einheit. Übung Nummer eins: Medizinballstemmen. Vier Kilo, 60 mal über den Kopf, dabei Treppchen hoch und runter. Dann dasselbe mit Hanteln zur Seite. Danach hätte ich gern einen Schluck getrunken, leider aber stand meine Flasche etwa auf Kopfhöhe im Regal und so weit konnte ich meine Arme nicht mehr heben und musste folglich darben. Eine schweißtreibende, aber durchaus spaßige Dreiviertelstunde später hieß es dann “flach auf den Boden legen zu Massage”. Hach ja.
Doch da fingen die Schmerzen erst an. Am schlimmsten sind meine Waden. Als ich schon schrie wie am Spieß, begann Angela seelenruhig, von zehn rückwärts zu zählen und abwechselnd zu sagen: “Don’t worry” und “Keep breathing”. Aua. Die letzte Sport-Massage, an dich ich mich erinnern kann, war nach dem Brombachseemarathon. Damals wollte die Masseurin mir nicht glauben, dass ich tatsächlich mitgelaufen war, so weich waren meine Muskeln. Nun, Angela sieht das offenbar ein bisschen anders.
Da waren die seltsamen Blicke, die ich in der Umkleide ernten sollte, gar nicht mehr so schlimm: Leider musste ich mich nämlich setzen und meine Ellbogen auf den Knien abstützen, um meine Mütze aufzuziehen.

Was gibt es sonst Neues? Nichts weiter, außer, dass ich kaum fassen kann, dass das Jahr tatsächlich so gut wie rum ist. Ich bin unglaublich froh, dass ich alles, was mir 2012 widerfahren ist, erleben durfte, möchte es aber für kein Geld der Welt noch einmal durchmachen müssen. Speziell nicht das erste Vierteljahr. Doch inzwischen ist alles bestens hier in Fernost, sodass ich mich auch gebührend über folgende Anekdoten amüsieren kann:
Neulich im Zug, die Mamas grad zu Besuch. Da hofft man ja dann fast ein bisschen, dass die Chinesen alle Klischees bestätigen, von denen man immer so fleißig erzählt hatte. Schön, dass sie so kalkulierbar sind. Die Putzfrau kommt also vorbei mit ihrem staubtrockenenen und völlig dreckverkrustetem Mop. Am Gang neben uns hat jemand eine unidentifizierbare, aber offenbar klebrige Flüssigkeit verschüttet, die inzwischen angetocknet ist. Die Chinesin kombiniert messerscharf, dass ein anderes Werkzeug her muss. Was macht sie? Holt einen Becher mit ungefähr 20 Millilitern Wasser, schüttet ihn auf den Fleck und beginnt, diesen hingebungsvoll in alle Richtungen zu verteilen, sodass er zwar nicht verschwindet, der umliegen Boden aber beinahe seine Farbe annimmt. Voila.
Oder der hier: Auf den Betonbegrenzungen entlang der Autobahn sind oben drauf neue Geländer installiert worden. Anstatt sie schon in der richtigen Farbe anzubringen, wird einfach eine Hundertschaft abgestellt, sie bei laufendem Verkehr (!) neu anzupinseln. Dazu wird zuerst die linke Spur der Autobahn mit einigen in mittelgrauer Signalfarbe gehaltenen Warn-Eimern abgesperrt. Dann zieht der Vorarbeiter los und macht an jeden zweiten Geländerabschnitt einen gelben Klecks. Damit auch die richtigen Pfosten bemalt werden. Und dann wird gepinselt, kilometerweit, in der Abenddämmerung, bei geschätzten drei Grad Plus.

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Australien – der Surfertyp unter den Ländern

Liebes Tagebuch,
heute schreibe ich dir von Frau zu Frau. Und in der Annahme, dass das Tagebuch einer Frau logischerweise deren Geschlecht hat, erscheint das ja auch irgendwie plausibel. Hinter mir liegt ein Abenteuer der ganz besonderen Art. Stell dir vor, du bist mit einem netten, normalen, im Detail etwas fehlerbehafteten aber dafür umso liebenswerteren Mann zusammen. Alles ist bestens. Und dann triffst du James Bond. Oder Mister Darcy. Oder Edward Cullen. Oder Christian Grey. Oder wer sonst deinen kühnstenTräumen entsprungen sein könnte. So ging es mir gerade mit China – und Australien.

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Austalien ist DAS Einwanderungsland. Die Menschen kommen hierher, weil sie einem Ideal folgen. Einem besseren Leben. Das kann man von China nicht gerade behaupten: Wer es sich leisten kann, verlässt dieses Land. Oder erfüllt, wie wir, einen wie auch immer gearteten Vertrag, der diesem Opfer irgendeinen (größeren) Verdienst gegenüber stellt.
In Australien nun ist alle anders als in China. Ich weiß, dasselbe habe ich schon über Japan gesagt, aber während Japan den distinguierten älteren Herrn im Zweireiher unter den Nationen darstellt, ist Australien eher, um im Bilde zu bleiben, der knusprig-goldbraune Surfer. Aber so wie sich der Surfsport in den vergangenen Jahrzehnten vom Zeitvertreib für kiffende Hippies am Rande der Gesellschaft zum hippen Yuppie-Sport gewandelt hat, ist Australien beides: Prickelnder Urlaubsflirt und verantwortungsbewusst nachhaltige Lebensart.
Unser erster Eindruck von Australien: Teuer. Was uns in Bangkok drei Nächte in einem schicken Luxushotel erlaubt hat, finanziert uns in Sydney den Aufenthalt im Hostel-Schlafsaal mit Gemeinschaftsdusche. Und entgegen meiner Gewohnheit übertreibe ich hier kein bisschen. Gefrühstückt haben wir nie unter 30, Abendgegessen kaum unter 60 Euro, der Cocktail kostet schonmal 15, die Eineinhalbliterflasche Wasser im Kiosk etwa drei Euro. Glücklicherweise kann man hier das Leitungswasser trinken.
Was für uns Wahl-Chinesen immer eine überaus angenehme Abwechslung ist, ist wenn wir uns darauf verlassen können, dass wir uns in der Tat verständigen können. Das allerdings ist in Australien leider nur bedingt der Fall, denn Australier sprechen entgegen anders lautenden Behauptungen kein Englisch, sondern allenfalls eine absolderliche Weiterentwicklung von Shakespeares Zungen.
Aber woran gewönt man sich nicht alles, wenn man dafür Koalas in freier Wildbahn fotografieren kann. Ohne 200er Tele. Auch Kängurus haben wir jede Menge gesehen auf unserer Fahrt von Canberra nach Melbourne. Leider war nur eins davon lebendig, alle anderen hatten offenbar versucht, die Straße zu überqueren. Nun, Nebensächlichkeiten.
Während man in Jinan durchaus einmal Zeuge werden kann, wie ein Chinese rückwärts vom Laufband im Fitnessstudio fällt, wähnt man sich in Sydney gegen 17 Uhr inmitten eines Stadtmarathons, denn aus allen Löchern strömen plötzlich Läufer. Alle haben einen Rucksack (vermutlich mit einem Satz Bürokluft als Inhalt) auf dem Rücken und sehen unglaublich lebensfroh und gesund aus. Kaum jemand ist übergewichtig, jeder riecht gut – sogar beim Laufen.
Während der Rollerfahrer in China (noch) überhaupt nicht auf die Idee kommt, dass ein Helm im potentiellen Zweikampf mit einem durchgerosteten LKW nützlich sein könnte, sind in Melbourne sogar Radhelme Pflicht. Als dort vor einigen Jahren ein Fahrrad-Verleihsystem mit Stationen überall in der Stadt eingeführt wurde, war das ein Problem – heute kann man bei 7/11 (einer Kioskkette mit Filialen an jeder Ecke) für einen vergleichbar winzigen Obolus Helme leihen. Wie fortschrittlich.
Ebenso durchdacht die Speisekarten in faktisch allen Cafes: Eine Karaffe mit Wasser ist immer kostenlos. Weil nicht jedes Restaurant die Lizenz hat, Alkohol auszuschenken, darf man fast überall seinen eigenen mitbringen. Jeden Latte kann man selbstverständlich auch mit fettarmer, laktosefreier oder Sojamilch haben. Jedes Müsli oder Toastbrot gibt es auch glutenfrei. Ich musste erstmal googeln, was dieses Gluten eigentlich ist.
Alles in allem waren die Highlights unserer Reise mal wieder kulinarischer Natur, aber ich bin langsam versucht zu glauben, dass wir einfach unverbesserliche Vielfraße sind, weils uns eigentlich immer überall schmeckt. Beeindruckt hat uns auch die schiere größe diese Landes: Da fährt man schonmal vier Stunden durch eine Landschaft, die aussieht wie das Voralpenland, wobei man nur alle 15 Kilometer einem Haus und alle 50 Kilometer einer entfernt siedlungsähnlichen Struktur begegnet. Schön waren auch unsere zwei Nächte in (relativ) billigen Motels in irgendwelchen Käffern. Irgendwie roadtrip-abenteuerlich, so mitten im Nirgendwo. Und dann ist doch wieder alles wie daheim und an der nächsten Sraßenecke ist ein Aldi.

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