Kein Haar, aber eine Schildkröte in der Suppe. Während ich noch meinen Brechreiz niederkämpfte, wunderten sich die Chinesen nur, warum man sie auf einer Hochzeit serviert. Schließlich sei sie das Symbol einer chinesischen Sagengestalt, die in etwa das Schicksal des guten Romeo teilt. Der war bekanntlich nicht allzu lange verheiratet.
Liebes Tagebuch,
du hast lange nicht von mir gehört. Das tut mir sehr leid, warst du mir doch ein treuer und duldsamer Begleiter auch in den schwärzesten Stunden des letzten Jahres mit meinem Freund China. Und nun, wirst du denken, brauche ich dich nicht mehr? Kaum geht es ihr besser , vergisst sie, wer ihre wahren Freunde sind? Wenn es dir so erscheint, tut es mir unendlich leid, denn wenn mir eines auf meinem jüngsten Ausflug zu meinem alten Freund Deutschland klar geworden ist, dann dass alte Liebe nicht rostet, egal, wie lange sie im Regen steht.
Ich drücke F1, und schon steht hier mal wieder “Wahnsinn, wie die Zeit vergeht”. Am 2. September war unser China-Jahrestag. In vielerlei Hinsicht war es ein gutes Jahr. In jeder Hinsicht ein extrem prägendes. Im Rückblick ist es extrem schnell vergangen, auch wenn Momente dabei waren, in denen ich glaubte, die Zeit sei stehen geblieben und ich für immer in der Vorhölle gestrandet. Aber die Panik ist längst gewichen.
Irgendwann wacht man eben nicht mehr jeden Morgen auf mit dem Gedanken “Krass, ich bin echt in China”. Heute habe ich in Jinan meinen Alltag. Ich stehe morgens mit Markus auf (6 Uhr, gähn), damit wir zusammen frühstücken können – das ist die einzige Malzeit, die sich zuverlässig kalkulieren lässt. Dann fahre ich ihn zur Arbeit – so habe ich tagsüber das Auto zur Verfügung. Bis ich zuhause bin, ist es meistens 8 Uhr. Es folgen ein, zwei Stunden Küchendienst (oder das, was Lu übrig lässt) und sonstige Hausfrauenaufgaben. In meinem Fall also Flüge und Hotels buchen, Krankenversicherungs- und Reisekostenabrechnungen und natürlich die Kontakte nach Hause pflegen.
Um halb 10 dann der nächste Fixpunkt in meinem Tag: Da macht das Fitnessstudio auf, wo ich zwei bis drei Stunden zubringe. Das hört sich jetzt ein bisschen spektakulärer an, als es ist. Meist sitze ich bei kleiner bis mittlerer Belastung auf dem Ergometer und gucke dabei fern. Nun, besser als Sofa allemal.
Ab Mittag gibt es zwei unheimlich spannende Varianten in meinem Tagesablauf. Montag, Mittwoch und Freitag unterrichte ich von 14 bis 16 Uhr Englisch in Markus’ Firma. Das ist einigermaßen unterhaltsam und erfüllt immerhin 2 von 3 essentiellen Voraussetzungen eines Jobs für eine Expat-Frau (laut unserem interkulturellen Training): Er sollte regelmäßig sein, nicht allein zuhause stattfinden und einem selbst sinnvoll erscheinen. Letzteres ist eben Definitionssache, ich arbeite dran.
Dienstags und donnerstags habe ich dann “endlich mal” Zeit für mich. Je nach Laune verbringe ich die irgendwo zwischen Zuhausesitzen-und-in-Selbstmitleid-Baden und netten Kaffeekränzchen mit den wenigen Gleichgesinntinnen.
Vieles hat sich verändert im letzten Jahr, eins ist geblieben: Das beste an China ist, es zu verlassen. So sitze ich in dem Moment, als ich diese Zeilen zu Papier (oder besser, zu iPad, an dessen gewöhnungsbedürftiger Tastatur ich trotz meiner mangelnden Feinmotorik einige Meisterschaft erlangt habe) bringe, im Flugzeug nach Bangkok. Nach drei Tagen dort geht es weiter nach Sydney. Endlich hat auch Markus mal Urlaub, denn wenn meine Schilderungen sich auch immer so anhören, als seien wir NUR unterwegs, sind das sonst doch meist nur Wochenendtrips. Und während ich mir in Deutschland zweieinhalb Wochen lang die Herbstsonne auf den Bauch habe scheinen lassen, hat Markus gefühlte 14 Stunden pro Tag gearbeitet. Kein Wunder, das mit dem Bandscheibenvorfall.
Ja, Deutschland. Zum dritten Mal war ich nun da. Seit ich nicht mehr da lebe, meine ich. Der erste Besuch war gleich nach drei Monaten, der zählt nicht wirklich, denn da waren wir noch nicht mal richtig weg gewesen. Es folgte ein langes, trübes halbes Jahr China – die schwerste Zeit hier und doch die Zeit, in der ich am meisten gelernt habe, über China und mich selbst. Der Deutschlandbesuch im Juni dann war heiß ersehnt, in durchwachten Nächten bis ins Detail durchgeplant und – vor allem – anstrengend. Körperlich sowie emotional, weil ich glaubte, es allem und jedem recht machen zu müssen, jeden zu sehen und jedem die immer gleich lautende Chinageschichte erzählen zu müssen. Doch die wenigsten – mit Verlaub, liebe Leser – wollen doch wissen, wie es mir wirklich geht, die meisten sind mehr als zufrieden mit einer Reiseführergeschichte, in der Kinder ohne Windeln, hohe Häuser, viele seltsame Menschen und Schildkröten- respektive Hühnerkopfsuppe vorkommen. Jeder einzelne Besuch, jede einzelne Begegnung war toll, doch die Sozialkontakte eines halben Jahres in zwei Wochen zu absolvieren, schlaucht.
Beim jüngsten Deutschlandbesuch im September war das anders. Er war viel weniger spektakulär, viel weniger aufregend – und so viel schöner. Das größte Privileg an unserem Chinaabenteuer sind nämlich nicht die vielen Flugstunden, die riesige Wohnung oder die Putzfrau. Es sind die Momente, wenn ich durch Nürnberg oder Eckental laufe und mit jeder Faser spüre, dass ich hierher gehöre. Ich kann es sehen, riechen, schmecken – und den Gesichtern der anderen Nürnberger und Eckentaler entnehmen. Sie sehen mich an wie immer. Und das ist großartig.














