Ein Jahr in China – und deutsch wie nie

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Kein Haar, aber eine Schildkröte in der Suppe. Während ich noch meinen Brechreiz niederkämpfte, wunderten sich die Chinesen nur, warum man sie auf einer Hochzeit serviert. Schließlich sei sie das Symbol einer chinesischen Sagengestalt, die in etwa das Schicksal des guten Romeo teilt. Der war bekanntlich nicht allzu lange verheiratet.

Liebes Tagebuch,
du hast lange nicht von mir gehört. Das tut mir sehr leid, warst du mir doch ein treuer und duldsamer Begleiter auch in den schwärzesten Stunden des letzten Jahres mit meinem Freund China. Und nun, wirst du denken, brauche ich dich nicht mehr? Kaum geht es ihr besser , vergisst sie, wer ihre wahren Freunde sind? Wenn es dir so erscheint, tut es mir unendlich leid, denn wenn mir eines auf meinem jüngsten Ausflug zu meinem alten Freund Deutschland klar geworden ist, dann dass alte Liebe nicht rostet, egal, wie lange sie im Regen steht.

Ich drücke F1, und schon steht hier mal wieder “Wahnsinn, wie die Zeit vergeht”. Am 2. September war unser China-Jahrestag. In vielerlei Hinsicht war es ein gutes Jahr. In jeder Hinsicht ein extrem prägendes. Im Rückblick ist es extrem schnell vergangen, auch wenn Momente dabei waren, in denen ich glaubte, die Zeit sei stehen geblieben und ich für immer in der Vorhölle gestrandet. Aber die Panik ist längst gewichen.
Irgendwann wacht man eben nicht mehr jeden Morgen auf mit dem Gedanken “Krass, ich bin echt in China”. Heute habe ich in Jinan meinen Alltag. Ich stehe morgens mit Markus auf (6 Uhr, gähn), damit wir zusammen frühstücken können – das ist die einzige Malzeit, die sich zuverlässig kalkulieren lässt. Dann fahre ich ihn zur Arbeit – so habe ich tagsüber das Auto zur Verfügung. Bis ich zuhause bin, ist es meistens 8 Uhr. Es folgen ein, zwei Stunden Küchendienst (oder das, was Lu übrig lässt) und sonstige Hausfrauenaufgaben. In meinem Fall also Flüge und Hotels buchen, Krankenversicherungs- und Reisekostenabrechnungen und natürlich die Kontakte nach Hause pflegen.
Um halb 10 dann der nächste Fixpunkt in meinem Tag: Da macht das Fitnessstudio auf, wo ich zwei bis drei Stunden zubringe. Das hört sich jetzt ein bisschen spektakulärer an, als es ist. Meist sitze ich bei kleiner bis mittlerer Belastung auf dem Ergometer und gucke dabei fern. Nun, besser als Sofa allemal.
Ab Mittag gibt es zwei unheimlich spannende Varianten in meinem Tagesablauf. Montag, Mittwoch und Freitag unterrichte ich von 14 bis 16 Uhr Englisch in Markus’ Firma. Das ist einigermaßen unterhaltsam und erfüllt immerhin 2 von 3 essentiellen Voraussetzungen eines Jobs für eine Expat-Frau (laut unserem interkulturellen Training): Er sollte regelmäßig sein, nicht allein zuhause stattfinden und einem selbst sinnvoll erscheinen. Letzteres ist eben Definitionssache, ich arbeite dran.
Dienstags und donnerstags habe ich dann “endlich mal” Zeit für mich. Je nach Laune verbringe ich die irgendwo zwischen Zuhausesitzen-und-in-Selbstmitleid-Baden und netten Kaffeekränzchen mit den wenigen Gleichgesinntinnen.
Vieles hat sich verändert im letzten Jahr, eins ist geblieben: Das beste an China ist, es zu verlassen. So sitze ich in dem Moment, als ich diese Zeilen zu Papier (oder besser, zu iPad, an dessen gewöhnungsbedürftiger Tastatur ich trotz meiner mangelnden Feinmotorik einige Meisterschaft erlangt habe) bringe, im Flugzeug nach Bangkok. Nach drei Tagen dort geht es weiter nach Sydney. Endlich hat auch Markus mal Urlaub, denn wenn meine Schilderungen sich auch immer so anhören, als seien wir NUR unterwegs, sind das sonst doch meist nur Wochenendtrips. Und während ich mir in Deutschland zweieinhalb Wochen lang die Herbstsonne auf den Bauch habe scheinen lassen, hat Markus gefühlte 14 Stunden pro Tag gearbeitet. Kein Wunder, das mit dem Bandscheibenvorfall.
Ja, Deutschland. Zum dritten Mal war ich nun da. Seit ich nicht mehr da lebe, meine ich. Der erste Besuch war gleich nach drei Monaten, der zählt nicht wirklich, denn da waren wir noch nicht mal richtig weg gewesen. Es folgte ein langes, trübes halbes Jahr China – die schwerste Zeit hier und doch die Zeit, in der ich am meisten gelernt habe, über China und mich selbst. Der Deutschlandbesuch im Juni dann war heiß ersehnt, in durchwachten Nächten bis ins Detail durchgeplant und – vor allem – anstrengend. Körperlich sowie emotional, weil ich glaubte, es allem und jedem recht machen zu müssen, jeden zu sehen und jedem die immer gleich lautende Chinageschichte erzählen zu müssen. Doch die wenigsten – mit Verlaub, liebe Leser – wollen doch wissen, wie es mir wirklich geht, die meisten sind mehr als zufrieden mit einer Reiseführergeschichte, in der Kinder ohne Windeln, hohe Häuser, viele seltsame Menschen und Schildkröten- respektive Hühnerkopfsuppe vorkommen. Jeder einzelne Besuch, jede einzelne Begegnung war toll, doch die Sozialkontakte eines halben Jahres in zwei Wochen zu absolvieren, schlaucht.
Beim jüngsten Deutschlandbesuch im September war das anders. Er war viel weniger spektakulär, viel weniger aufregend – und so viel schöner. Das größte Privileg an unserem Chinaabenteuer sind nämlich nicht die vielen Flugstunden, die riesige Wohnung oder die Putzfrau. Es sind die Momente, wenn ich durch Nürnberg oder Eckental laufe und mit jeder Faser spüre, dass ich hierher gehöre. Ich kann es sehen, riechen, schmecken – und den Gesichtern der anderen Nürnberger und Eckentaler entnehmen. Sie sehen mich an wie immer. Und das ist großartig.

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Der ganz normale Wahnsinn

Liebes Tagebuch,

mein Freund China und ich haben uns offenbar endgültig aneinander gewöhnt. Wie ein altes Ehepaar geraten wir manchmal aneinander, meist wegen ziemlicher Lappalien. Glücklicherweise wir sind beide nicht nachtragend (also, China nicht, ich schon manchmal), so sind diese Wolken am Himmel recht flüchtig.

Vor einigen Wochen – oder, bei der Geschwindigkeit, mit der die Zeit an uns vorüber fliegt, vermutlich vor einigen Monaten – habe ich mich an dieser Stelle gefragt, ob so drei Jahre vergehen können. Wenn man an einem Ort nur lebt, um ihn möglichst oft zu verlassen, wenn man sich emotional nur von Abreise zu Abreise hangelt. Eine Freundin, die es nach acht Jahren in China wissen muss, hat das kommentiert mit den Worten „Ja, genau so vergehen drei Jahre“. Ich denke, sie hat recht. Denn: In wenigen Tagen ist unser erstes Jahr hier vorüber.

Langweilig wird es uns vorerst nicht. Vor drei Wochen waren wir in Shenzhen und Hong Kong – zwei Städte, so nah und doch so fern. Shenzhen, in wenigen Jahren vom Fischerdorf zu Millionenmetropole gewachsen, ist eine Stadt wie viele andere in China: Grau, laut, stinkend und riesig – bietet aber verglichen mit Jinan einige unschlagbare Vorteile: Durch die frühe Öffnung der Stadt für ausländisches Investment ist sie wesentlich weltoffener. Das schlägt sich in der Zahl der dort niedergelassenen Firmen nieder, die wiederum in der der Ausländer und die ihrerseits in der der internationalen Hotels, Restaurants und Kneipen, in die man nicht nur schnell zum Essen geht, sondern in denen man sich auch tatsächlich wohl fühlt. Außerdem hat Shenzhen Taxis, in denen man sich anschnallen kann (hab ich sonst echt noch nirgends in China gesehen!), eine U-Bahn und einen internationalen Flughafen, der, anders als der in Jinan, seinen Titel verdient. Man kann von hier aus tatsächlich täglich direkt nach Europa fliegen und nicht nur zweimal die Woche nach Taipei oder Seoul.

Der unbestritten größte Vorteil an Shenzhen ist aber die Nähe zu Hong Kong. Ein grandioser Ort, an dem wir wieder einmal einen Tag damit zubrachten, einfach nur durch die Straßen zu bummeln.

Nicht, dass ich unseren nächsten Termin jemals vergessen könnte, aber im Zweifel könnte ich spicken, er ist nämlich in den Ring an meiner rechten Hand graviert: Am 11. August war unser erster Hochzeitstag. (Den Satz „Es ist Wahnsinn, wie die Zeit vergeht“ habe ich inzwischen auf einer Funktionstaste.) Wir haben uns drei Tage auf Hainan gegönnt, in denen wir wenig getan haben als zu schlafen und zu essen (unter anderem gab es Barbecue-Buffet direkt am Strand). Für mich ist das jetzt keine so große Abweichung von meinem gewöhnlichen Tagesablauf, aber Markus hatte, während ich mich hier vorwiegend in Müßiggang übe, quasi seit Januar keinen Tag mehr frei gehabt. Ich konnte ihn sogar überreden, den Laptop nur im Flugzeug anzuschalten, aber nicht beim Frühstück und auch nicht vorm Schlafengehen mal schnell („nur zum Emails checken“). Die Insel ist einfach wunderschön, das Hilton auch: Bei dem Ausblick im Bild oben läuft man sogar auf dem Laufband gern.

Letztes Wochenende dann haben wir unsere Freunde Joe und Robert auf ihrer Reise quer durch China in Shanghai getroffen. Zwei neue Erfahrungen hab ich diesmal in Festland-Chinas bester Stadt gemacht: Unsere erste Nacht in einem Backpacker-Hostel. Wenn dessen Zimmer so hübsch wären wie die Außenanlage (siehe Foto) könnte man sich das glatt öfter überlegen bei 300 RMB fürs Doppelzimmer. Außerdem hab ich zum ersten mal auf einer Tombola etwas gewonnen, das man tatsächlich brauchen kann: Einen Gutschein für einen weiteren Brunch für eine Person. Ist immerhin rund 80 Euro wert und wird sicher bald eingelöst werden – spätestens, wenn im Oktober unsere beiden Mamas hier anreisen.

Aber a propos zwei Wochen: Morgen in zwei Wochen machen wir uns schon wieder auf in die Heimat. Die Zeit bis dahin vertreibe ich mir mit meinem neuesten Hobby: Zwei Stunden Fitnessstudio pro Tag, aber nur, damit ich genug Zeit habe, mindestens zwei Folgen „Gossip Girl“ anzuschauern. Sex and the City für schwerreiche Teenies, super!

Ansonsten gebe ich fleißig weiter Englischunterricht, das ist wirklich nett. Weihnachten steht auch vor der Tür, deswegen nehmen die Planungen für unseren Stand am Weihnachtsmarkt in der Deutschen Botschaft in Beijing (wer vorbeischauen mag: 1. Dezember) Fahrt auf. Beschäftige mich gerade mit der Frage, wo man in China Bratwürste, Lebkuchen und ein Christkind herbekommt.

Außerdem waren meine Haut sowie meine Finger- und Fußnägel noch nie so gepflegt, meine Wohnung noch nie so sauber und Dinge wie Krankenkassenabrechnungen bleiben auch nie lang liegen. Kurz: Ich führe genau das Leben, das ich nie wollte. Aber:

Ich freue mich wenn es regnet,
denn wenn ich mich nicht freue, regnet es trotzdem.

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War er das, der Kulturschock?

Liebes Tagebuch,
du hast eine ganze Weile nicht von mir gehört, ich hoffe, du hast dir keine Sorgen gemacht. Dazu gibt es nämlich keinen Grund. Mir geht es gut. Erstaunlich gut sogar. So sehr ich mich davor gefürchtet hatte, zu meinem Freund China zurückzukommen nach der Zeit mit Deutschland, so leicht ist es mir gefallen. Bin ich tatsächlich endgültig angekommen hier?

Ja, ihr fleißigen Leser und (leider nicht ganz so fleißigen) Kommentatoren, ich denke, das war es wohl: Der Kulturschock liegt hinter mir. Zumindest erkläre ich mir so, wie mir die Wiederankunft nach drei Wochen in Deutschland so leicht fallen konnte. Wie schon beim letzten Mal verbrachten wir noch einen Tag in Beijing (oder „China-Light“, wie ich die Hauptstadt gerne nenne) mit netten Leuten, gutem Essen und den Vorzügen der Großstadt. Dann ging es zurück nach Jinan – und für Markus gleich am nächsten Morgen weiter auf Dienstreise. Und dennoch: Der befürchtete Schock des Allein-in-der-Wohnung-Seins blieb komplett aus. Und ist bis heute, gut zwei Wochen später, auch noch nicht gekommen.
Ich beschäftige mich viel mit meinem neuen Job – ich unterrichte jetzt drei Nachmittage die Woche English bei HYS, Markus’ Firma. Das war nie mein Traumjob, macht mir aber wirklich Spaß. Da ist auch nicht so schlimm, dass Uni-Semesterferien sind. Vermutlich werde ich im September ohnehin nicht weiter studieren, sondern mir lieber für meine zwei freien Tage einen privaten Chinesischlehrer suchen. Für 1000 Euro pro Semester, die die Shandong University verlangt, kann ich den auch lange bezahlen. Und der richtet sich dann auch nach meinem Reiseplan (oder auch meiner Überlebensstrategie), der da wie folgt aussieht: Nächstes Wochenende Shenzhen/Hong Kong, übernächstes (ist übrigens unser Hochzeitstag, Wahnsinn, oder?) vier Tage Baden auf Hainan, dann treffen wir Robert und Joe in Shanghai. Anfang September sind wir noch mal zwei Wochen in Deutschland (Juhu), fast direkt im Anschluss geht’s via Bangkok nach Sydney. Und Weihnachten/Silvester/Markus Geburtstag wollen wir auch in der Heimat verbringen. Ich werde sogar den ganzen Januar bis über meinen (30.!) Geburtstag bleiben. Und dann? Ist Februar und damit HALBZEIT! Genug Pläne also, damit man auch einen grauen Tag wie heute (im Bild wieder einmal die Aussicht aus dem Küchenfenster) unbeschadet übersteht.
Und was macht derweil China? Nun, same old, same old. Dass die Chinesen andere Vorstellungen davon haben, was sich gehört und was nicht, ist ja durchaus schon mal angeklungen an dieser Stelle. Lange habe ich versucht, mir einzureden, daran würde ich mich schon gewöhnen, ich dürfe nicht so hart urteilen, sie sind ja so viele und schließlich auch nur Menschen. Falsch.
Neulich vor dem Fitnessstudio. Eine Straßenseite ist schon zugeparkt, auf der anderen haben die Parkplatzanweiser extra Hütchen und Parkverbotsschilder aufgebaut – die Straße ist einfach relativ schmal. Was machen die Chinesen? Stellen sich NEBEN die Parkverbotsschilder. Erst einer, und wenn mal einer dasteht, stellen sich die anderen dazu, ganz nach dem Motto: Na, wenn der’s macht. Nein, durchfahren kann man hier jetzt nicht mehr. Wie weit wäre der nächste freie Parkplatz weg gewesen? Na, vielleicht zwanzig Meter. Und jetzt kommt ihr.
Ich kann, will und werde auch nach drei Jahren hier kein Verständnis dafür aufbringen, dass der Taxifahrer direkt vor der Einfahrt zu unserem Compound anhält, sich neben sein Fahrzeug stellt und auf die Straße pinkelt. Ebenso wenig werde ich mich damit abfinden, dass man Kindern offenbar gar nicht versucht, den Satz „Ich muss aufs Klo“ beizubringen, sondern sie ihre Notdurft stattdessen mitten auf den Bahnsteig verrichten lässt. Und nicht hinwegsehen werde ich auch über die Tatsache, dass sie sich immer und überall unter Ellbogeneinsatz vordrängen, sei es in der Schlange bei Starbucks oder im Berufsverkehr. Oder im Zug ebenso genüsslich wie verbotswidrig rauchen, obwohl Kinder und Schwangere im Abteil sitzen. Vom Volkssport Spucken mag ich gar nicht wieder anfangen. Ist es Egoismus? Ignoranz? Das Aufbegehren gegen die harten Regeln hier? Oder doch einfach die viel zitierte Dummheit der Masse?

Interessant in diesem Zusammenhang der Wikipedia-Artikel zum Begriff „Zivilisation“: Der Soziologe Norbert Elias sieht „das Bindeglied zwischen diesen sozialstrukturellen Veränderungen und den Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur (in der) Tatsache, dass die gegenseitigen Abhängigkeiten wachsen (…). Dies erzwingt eine zunehmende Affektkontrolle, d.h. zwischen spontanem emotionalem Impuls und tatsächlicher Handlung tritt immer mehr ein (…) Überdenken der (Rück-)Wirkungen des eigenen Handelns. (…) Dies bewirkt (…) ein Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen sowie eine Psychologisierung (Steigerung der Fähigkeit, die Vorgänge innerhalb anderer Menschen zu verstehen) und Rationalisierung (Steigerung der „Langsicht“, d.h. der Fähigkeit, die Folgen der eigenen Handlungen über immer mehr Glieder der Kausalketten „vorauszuberechnen“).
„ Affektkontrolle ist das Zauberwort. Weiter will ich das jetzt gar nicht kommentieren…

Vermutlich musste es einfach mal wieder raus, denn am Ende ist klar: Die Chinesen in dieser Hinsicht umzuerziehen ist ein ähnlich aussichtsreiches Unterfangen wie das, das Waffenrecht der USA neu zu regeln. Und so festigt sich mein Verhältnis zu meinem Freund China: Wir lieben uns nicht gerade, aber wir werden die gemeinsame Zeit in Würde hinter uns bringen. Es ist kaum zu glauben, aber in wenigen Wochen jährt sich unsere Ankunft hier, damit liegt ein Drittel schon hinter uns.

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Von Schlauchbooten und Rauchzeichen

20120720-002045.jpgZur Abwechslung habe ich heute eine Buchempfehlung: “Briefe in die chinesische Vergangenheit” von Herbert Rosendorfer.
Der Briefroman beschreibt die Zeitreise eines Chinesen von vor 1000 Jahren, der eigentlich in die Zukunft seiner eigenen Stadt reisen wollte – durch einen Fehler im Flux-Kompensator – ach nee, falscher Film – na, in der Zeitmaschine seiner Wahl eben – im München der Gegenwart landet. Genial. Direkt nach seiner Ankunft wird er in einen Verkehrsunfall verwickelt und muss mangels Sprachkenntnissen mit zur Polizei. Dort muss er seine Finger in schwarze Tinte tauchen und auf Papier drücken – dahinter vermutet er einen Fruchtbarkeitszauber. Nachdem er dem Gefängnis ent- und bei einem wohlmeinenden Münchner untergekommen ist (dieser bringt regelmäßig “Brandopfer” – er raucht), quält ihn in zunehmendem Maße ein größeres menschliches Bedürfnis, dessen er sich schließlich in seiner Not im Treppenhaus von Herrn Shi-shmis (wohl Schmidt) Mietshaus entledigt – auf einem Putzeimer und verborgen hinter einem Regenschirm. Von der Putzfrau verjagt und von seinem Gastgeber ausgelacht, lernt er dann den Zimmerbrunnen-in-der-Porzellanschale kennen: Das WC. Und von seinem ersten eigenen Geld (bedruckte Zettel, wie seltsam) fährt er mit dem fahrenden Haus (Straßenbahn) in die Stadt und kauft sich einen Gegenstand, dessen genauer Nutzen ihm unbekannt ist, aber er gefällt ihm einfach so gut, wie er da im Schaufenster dekoriert ist. Sein geliebtes Shao-Bo entpuppt sich erst nach und nach als ein Schlauchboot.
Überaus amüsante Lektüre, speziell, wenn man selbst in der Lage ist, ein Land kennen zu lernen, das uns so fremd ist wie China. In etwa wie unser Zeitreisender muss ich den Chinesen vorkommen, wenn ich im Supermarkt mal wieder zwei Stunden lang Salz suche oder so kuriose Dinge kaufen will wie Tampons.

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In der Heimat zu Gast

Liebes Tagebuch,

mein Freund China ist gar nicht so übel: Ich hab doch tatsächlich drei Wochen bei seinem Vorgänger Deutschland verbracht – und er scheint jetzt, wo ich wieder zurück bei ihm bin, nicht mal böse auf mich zu sein.

Der emotionalste Moment an unserer jüngsten Deutschlandreise war wohl der Weg dorthin. Die Vorfreude war so groß, dass ich schon Wochen zuvor jedes mal geflennt habe, wenn ich jemandem von dem bevorstehenden Trip erzählt habe. Und dann im Flugzeug: Drei Filme hab ich geguckt (Tagflug, also keine Chance auf Schlaf), alles Schnulzen natürlich. Danach hab ich mich in Amsterdam erstmal neu geschminkt.

Als wir dann in Nürnberg ankamen, war’s irgendwie seltsam – ich hatte mir meinen eigenen Gefühlszustand irgendwie spektakulärer vorgestellt. Aber vermutlich kann man einfach nicht mehr als sich freuen, und nein, man fällt also nicht in Ohnmacht. Es folgte Wiedersehen auf Wiedersehen, am schönsten waren natürlich die mit Eltern, Brüdern und Katja. Und das mit dem alten Kanal (im Bild). Und das mit dem Wald rund um den Tiergarten.

Mit den Menschen, die man vermisst, kann man heute dank Skype erfreulich engen Kontakt halten, aber Luft, die nach frisch gemähtem Gras oder feuchtem Waldboden riecht, bringt selbst das Internet noch nicht nach Jinan. Ebenso wenig wie die schlichte Gewissheit, an einem Ort zuhause zu sein. Woran ich das festmache, weiß ich selbst gar nicht so genau. Sprache spielt sicher eine Rolle, aber hauptsächlich sind es glaube ich Dinge, die einem eben nicht bewusst auffallen. Großartig fühlt es sich jedenfalls an.

Allerdings war Deutschland auch eines: stressig. Da Markus die kompletten drei Wochen arbeiten musste (gut für mich, bleiben mehr Urlaubstage für Australien und Co.), und davon auch noch eine Woche in Polen, war für unsere gemeinsame Freizeit echtes Organisationstalent gefragt. Der Vorteil: Wenn ich nach meiner Rückkehr (erwartungsgemäß) keinen Job als Journalistin mehr finden sollte, kann ich nahtlos als Sekretärin anfangen. So viele Menschen wollten besucht werden – und irgendwie schien jeder es für selbstverständlich zu halten, dass wir Zeit haben würden.

Dabei darf bitte niemand von euch denken, dass wir uns nicht über jeden einzelnen von euch gefreut haben, aber die Sozialkontakte von einem halben Jahr in drei bzw. zwei Wochen zu absolvieren, geht ganz schön an die Substanz. Da war zum Beispiel dieser Samstag mit den drei Geburtstagsfeiern. Jede einzelne war ein tolles Fest, aber wenn man dauernd auf die Uhr schauen und weiter muss, macht es irgendwie nicht so viel Spaß.

Zwar hatte ich Urlaub von China, und doch wurde ich ständig dran erinnert: „Und, wie ist es da drüben? Was machst du denn so den ganzen Tag? Sag mal was auf Chinesisch!“ Nächstes Mal werde ich ein kleines Handout vorbereiten, vielleicht in drei Ausführungen, je nach dem, wie gut ich den Adressaten kenne. Weitergehende Fragen werden dann nur noch bei Bedarf beantwortet. Und auch nur an fleißige Leser dieser meiner Zeilen, denn alle anderen interessiert es ja nicht wirklich, oder?

So war der Abschied zwar traurig, aber nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe. Schließlich ist der Zeitraum bis zu meinem nächsten Besuch diesmal viel kürzer. Wie kurz, verrate ich aber nicht – ich will nicht wieder einen Besuchsmarathon absolvieren.

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Kann man vor Freude in Ohnmacht fallen?

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Liebes Tagebuch,
in den letzten Monaten haben China und ich es geschafft, unsere prekäre Beziehung auf ein erstaunlich solides Fundament zu stellen. Abgesehen von einigen kleinen (malayischen, japanischen oder auch vietnamesischen) Unterbrechungen haben wir die letzten sechs Monate miteinander verbracht, und was sich für mich anfangs stellenweise wie verschärfte Einzelhaft angefühlt hat, ist erstaunlich komfortabel geworden. Jetzt aber stehen wir vor unserer nächsten großen Prüfung: Ich werde drei Wochen mit Chinas Vorgänger Deutschland verbringen. Man darf gespannt sein.

Wie sehr kann man sich auf ein Ereignis freuen? Weihnachten? Der 18. Geburtstag? Die Abgabe der Magisterarbeit? Der Zieleinlauf beim ersten Marathon? Pippifax. Deutschland nach sechs Monaten China.
Ich habe diese Minuten so oft vor meinem inneren Auge ablaufen lassen: Der Erlanger Berg, die Wehrkirche Kraftshof, das Knoblauchsland und schließlich die B4 fliegen vorüber, die Maschine setzt auf und die Stewardess sagt “Ladies and Gentlemen, welcome to Nuremberg”. Wir steigen aus, das Airport-Nürnberg-Schild an der Wand, Easy-Credit-Werbung, das Gepäck ist schon da, nichts zu verzollen, und dann… Stehen sie da. Mama, Papa, Katja, Thomi, Jörg…
Ich weiß nicht, wie ich diesen Moment, der jetzt nur noch ein paar Flugstunden entfernt ist, überstehen soll. Die Anspannung der letzten Monate, all die Kämpfe mit China und mir selbst, all die Kraft, von der ich keine Ahnung habe, wo ich sie immer hergenommen hab. All das wird sich nicht mehr länger in Schach halten lassen, ich werde wohl in mich zusammenfallen wie ein Kartenhaus, fürchte ich. Und dann werden alle denken, dass ich ganz fürchterlich leide, und das stimmt auch – zum Teil. Ich sehe es inzwischen als einen Handel, ganz faustisch. Leiden wie ein Tier um zu genießen wie ein Fürst.
Vor einem halben Jahr saß ich genau auf diesem Sessel in der Beijing Airport Lounge und habe geschrieben. So viel und zugleich so wenig ist seitdem passiert. Ich habe mich definitiv verändert, und zwar nicht nur bezüglich meiner Sprachkenntnisse. Ob zum Positiven oder zum Negativen müssen meine Lieben in den nächsten drei Wochen beurteilen.
Jetzt gehe ich jedenfalls an Bord unserer Maschine nach Amsterdam. Dort wartet ein Gläschen mit Bläschen auf mich, denn (m)eine aktuelle chinesische Weisheit lautet: Halb voll oder halb leer – es ist definitiv Platz für mehr Champagner.

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Meisterchen Joda und Lukechen Skywalker

Liebes Tagebuch,
was würdest du sagen, wenn ich dir erzählen würde, dass mein Freund China kleine Kätzchen in Säcke steckt? Dass er manchmal ein bisschen seltsam ist, weißt du ja schon, aber das geht jetzt echt zu weit. Oder?

Neulich beim Tierarzt: Steriler OP-Raum? Wozu! Ein neues Tuch für den OP-Tisch? Kann man doch das alte einfach umdrehen! Hände waschen vor der OP? Wird überschätzt! Und all das unter den Augen der zwischenzeitlich doch etwas besorgten Katzenbesitzerin…

Aber der Reihe nach. Luke und Joda sollten kastriert werden. Also auf zum Tierarzt des Vertrauens (der nicht etwa durch Leistungen in diesen Rang aufgestiegen ist, sondern weil er seine Praxis um die Ecke hat). Der erste Eindruck im Vorraum: Ziemlich dreckig. Und die anwesenden Chinesen, die (völlig verwanzte) OP-Kittel anhaben, sind allesamt unter 25, können also schlecht Tierärzte sein. Der nämliche wiederum hockt gerade draußen auf seinem Roller und raucht eine.

Im OP-Saal – ich kann das alles im Detail berichten, denn ich darf zusehen – passiert zunächst Unglaubliches: Einer der Arzthelfer packt meinen bis dahin noch recht tapferen Luke und steckt ihn in einen Sack. So hat man früher auf dem Bauernhof auch mal Kätzchen ums Eck gebracht, wenn es zu viele wurden. „Ähm, Moment mal, was macht er denn da?“ „Wiegen“, ist die Antwort, und schon eine Minute später kommen Mann und Sack zurück, ersterer mit den Worten „dreieinhalb Kilo“. Klar, danach richtet sich die Menge des Narkotikums. Hoffentlich.

Schon hat mein Miezchen eine Sauerstoffmaske auf der Nase, zwei Spitzen im Popo, und düselt weg. Der Onkel Doktor hebt ihm noch einmal das Beinchen hoch, und als es schlaff wieder herunter fällt, macht er sich daran, das Fell an den entsprechenden Körperteilen zu entfernen. Wie? Ausrupfen natürlich. Naja, denke ich mir, wie auch sonst, die Stelle ist ja nun zum Rasieren nur bedingt geeignet. Joda, der am Boden neben dem OP-Tisch in seiner Transportbox der Dinge harrt, kriegt einen halben Herzinfarkt, als die Tierarzthelferin die herumliegenden Fellknäuel entfernt. Sie schmeißt dazu einfach den bereitstehenden Staubsauger an, und dieses Geräusch kennen meine beiden nicht. Unsere Putzfrau Lu weigert sich nämlich nach wie vor, den zu benutzen (was mir übrigens kaum gleichgültiger sein könnte, wenn ich trotzdem dreimal pro Woche in eine saubere Wohnung komme).

Mit seinen nach wie vor ungewaschenen Händen reinigt der Veterinär die Operationsstelle, erst mit ein paar weißen und dann mit ein paar roten (vermutlich jodgetränkten) Wattebäuschchen und legt dann ein Stück Mullbinde mit einem Loch drin darüber, sodass nur noch die inzwischen kahlen Hoden herausschauen. Das Tuch klemmt er an Lukes Fell fest, mit einer Klemme, die er zumindest aus irgendeinem Gerät mit Flüssigkeit drin genommen hat. Ich hoffe einfach, dass das nicht einfach nur Seifenlauge war.

Was dann folgt, ist allerdings eine beeindruckende Demonstration in minimalinvasiver Chirurgie: Durch winzige Schnitte (mit einem tatsächlich frischen Skalpell, ich hab gesehen, wie er es ausgepackt hat) und inzwischen sogar mit Handschuhen über den Raucherfingern zieht der Tierarzt die Hoden heraus, macht geschickt einen Knoten in die „Zuleitung“ und schneidet die eigentliche Samen-Produktionsstätten ab. Das alles sehr vorsichtig und mit ganz offensichtlich äußerst routinierten Handgriffen. Die gekappt Leitung zieht sich wie von selbst ins Körperinnere zurück und schon ist es geschehen. Dauer: Ungefähr 10 Minuten, Kostenpunkt: 270 RMB (knapp 30 Euro), jeweils pro Katze. Im Preis inbegriffen sind noch Impfung samt Impfpass und Wurmkur. Als auch Joda nur noch ein Meisterchen ist, ist Lukechen Skywalker schon wieder wach.

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Gestrandet in Shanghai – Oder: “Wie, man braucht ein Visum für Vietnam…?”

20120601-163657.jpgLiebes Tagebuch,
der Frieden zwischen China und mir basiert auf einem Abkommen, auf dessen Einhaltung besonders ich großen Wert lege. Wichtigster Bestandteil dieses ungeschriebenen Vertrags ist mein Recht, China in regelmäßigen Abständen zu verlassen – zu viel Nähe tut schließlich keiner Beziehung gut. Gestern allerdings kamen wir durch eine Verkettung unglücklicher Umstände einem erneuten blutigen Konflikt bedrohlich nahe.

“Das Unterwegssein wird langsam zum Normalzustand”, schrieb ich vor ein paar Wochen. Dieser Normalzustand endet allerdings abrupt, wenn man am Check-In-Schalter für einen lang ersehnten Flug nach Saigon steht und die Chinesin einen ganz unschuldig fragt, “und wo ist ihr Visum für Vietnam?” Äh, Moment, wie, Visum…?
Ich höre die Stimme einer Bekannten im Ohr, die sagt, “so viele Reisen, wie du schon organisiert hast, solltest du eigentlich ein China-Reisebüro aufmachen”. Nun, vielleicht lieber nicht. Ich buche unsere Flüge hier gewöhnlich über eine Internetseite, deren Service wirklich sehr gut ist. Nur: Auf die Notwendigkeit eines Visums bei der Einreise nach Vietnam hat leider niemand hingewiesen.
Und so fuhren wir gestern nachmittag mit dem Auto zum Bahnhof (eine Stunde), mit dem Zug von Jinan nach Shanghai (dreieinhalb Stunden), mit der U-Bahn und dem Transrapid quer durch die Stadt zum Flughafen Pudong (eineinhalb Stunden), um pünktlich eineinhalb Stunden vor dem Abflug nach Saigon einzuchecken. Und da endete die Reise vorerst.
Denn: Vietnam vergibt zwar so genannte Visa on Arrival (d.h. bei der Ankunft am Flughafen), aber auch das muss man vorher bei der Botschaft beantragt haben. Das geht zwar recht unkompliziert online, aber nicht mehr nach 20 Uhr am Abend. Also: Flug umgebucht auf den nächsten Tag, Hotel in Shanghai rserviert (auch das geht über mein Internetportal, das ich jetzt aber trotzdem nicht mehr so gern hab). Einen Tag in Saigon verschenkt, plus Stornogebühren für den Flug, plus Übernachtung in Shanghai… Aber das Schlimmste daran: Diese Schmach! Da hält man sich für DEN Reiseprofi und dann passiert einem so ein Anfängerfehler. Unfassbar.

Aber wenn ich eines gelernt habe in China, dann ist es, den Blick an den unschönen Details vorbei auf das Glitzernde zu lenken. Und das wäre in diesem Fall: Ein Tag in Shanghai. Definitiv die beste Stadt in China. Frühstück im wunderschönen Künstlerviertel an der Taikang Lu, dann kleiner Abstecher nach Xintiandi. In diesem Stadtteil hat die Kommunistische Partei ihren ersten Parteitag abgehalten, Sun Yatsen und Zhou Enlai haben hier gelebt, es gibt liebevoll renovierte, alte Gebäude sowie eine geschmackvoll auf alt getrimmte Shoppingmeile mit allem, was das Herz begehrt von Paulaner über Gucci bis zu H&M. Hier sollte man wohnen…
Und inzwischen habe ich mich mit unserem Schicksal abgefunden. So rüttelt der Chinese, der in unserem Hotel das Business Center betreut, auch nur noch ein bisschen an meiner Selbstbeherrschung. Als erstes erklärt er, dass jede Minute im Internet 2 RMB und jeder DIN-A-4-Ausdruck 10 RMB kostet. Über einen Euro für ein Stück Papier? Soll das ein Witz sein? Und dann braucht er gefühlte 27 Minuten dafür, die drei pdf-Seiten mit unserer Visumsbestätigung auszudrucken. Die eine Minute, die ich online war, um die Bestätigung aus meinem Mailpostfach herunterzuladen, erlässt er uns gnädigerweise. Und aus mir wird doch noch ein buddhistischer Mönch.

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Hochzeit a la chinoise – Oder: „Blubb, ich will“

Liebes Tagebuch,

ich wage es kaum zu sagen, aber ich glaube fast, China und ich haben Frieden geschlossen. Zumindest Waffenstillstand. Na gut, sagen wir, ich habe kapituliert. Aber damit geht es mir erstaunlich gut. Ich fühl mich richtig wohl so als Verlierer. Und in Unterzahl (1 gegen 1,3 Milliarden) zu verlieren ist schließlich auch keine Schande, oder?

„Ich fühle mich wohl“ – diesen Satz habe ich lange nicht gesagt. Aber ich glaube fast, er stimmt. Langsam ist eine Art Normalzustand eingetreten, mit dem ich leben kann. Auch, weil immer wieder tolle und ungewöhnliche Dinge passieren – auf unseren vielen Reisen, aber auch hier in Jinan. Zum Beispiel die Hochzeit letzte Woche. Das war schon unsere zweite, bei der ersten allerdings waren wir nicht bei der eigentlichen Zeremonie dabei, sondern „nur“ bei der Nachfeier mit der Firma.

Aber diesmal hatten wir das volle Programm. Naja, fast, denn wir waren zu spät dran, weil wir im Stau steckten. Und das ist tragisch, denn ein Wahrsager hatte dem Paar ausgerechnet, dass die Zeremonie um 11.08 Uhr beginnen müsse. Wegen unserer Verspätung wurde daraus kurzerhand 11.18 Uhr.

Schauplatz: ein chinesisches Hotel. Als erstes eine Überraschung: Fast keiner der Gäste trug Jogginghosen, und die wenigen waren sogar einigermaßen sauber. Braut und Bräutigam, sie ganz westlich in weiß, begrüßten die Gäste im Foyer. Dort stand auch der Gabentisch. Hier liefert man sein Geldgeschenk ab, sogleich wird notiert, wer wie viel geschenkt hat.

Im bereits vollbesetzten Saal war mittig eine Art Laufsteg mit Bühne aufgebaut. Durch die Zeremonie führte ein Moderator, den ich zwar natürlich nicht wirklich verstand, der dafür aber dermaßen in sein übersteuertes Mikro plärrte, dass ich versucht war, mir die Ohren zuzuhalten. Er sprach, immer wieder unterbrochen von vielleicht ein bisschen pathetischer Musik (wer kennt das Krieg-der-Sterne-Intro?), die Lautsprecher auch hier auf Anschlag. Schließlich Einmarsch des Brautpaares, begleitet von den obligatorischen Klängen a la „Traumhochzeit“, hindurch unter Tonnen von glitzerndem Konfetti und gegen eine Wand von Seifenblasen. Letztere flogen auch während des „Willst du die/den hier Anwesende/n…“ so zahlreich durch die Luft, dass ich mich schon sorgte, Braut oder Bräutigam könnten an der entscheidenden Stelle eine verschlucken oder ins Auge bekommen. Schließlich wurden noch gemeinsam Kerzen angezündet und eine Sektglas-Pyramide gefüllt, ebenfalls unter jeder Menge Seifenblasen (siehe Bild). Halbzeitfazit: Vielleicht ein bisschen kitschig und nicht so feierlich, wie ich persönlich mit sowas immer vorstelle, aber irgendwie ganz nett.

Vor dem, was dann folgte, war mir ein bisschen bang, denn solche Gelegenheiten enden in China gern mit einem Turbo-Besäufnis. Und mit Turbo meine ich Turbo. Da kann man(n) auch nicht nein sagen, vor allem nicht als der deutsche Chef des Bräutigams. Wenn die Gäste mit einem trinken wollen, muss man. Und zwar auf Ex. Widerlichen Maothai-Schnaps. Aber Markus hatte Glück: Als Sitzplatz hatte man uns, zusammen mit seinem (ebenfalls deutschem) Chef, dessen Frau und ein paar ausgewählten anderen, einen eigenen Raum zugedacht. Bis der Bräutigam und sein Tross bei uns ankamen, um anzustoßen, hatten sie das vielleicht schon mit dem ganzen Rest der Gesellschaft getan – und ließen uns sogar das Anstoßen mit Bier, Limo oder Tee durchgehen.

So war der ganze Spuk um 14 Uhr zu Ende – und wir hatten sogar noch was von unserem Samstagnachmittag.

 

Doch auch zwischen solchen Höhepunkten: Mein Alltag hier beginnt, mir Spaß zu machen. Die Tatsache, dass ich nicht arbeiten und so meinen fairen Beitrag zu unserem Lebensunterhalt leisten kann, belastet mich nicht mehr ganz so schlimm. Ich habe als Ausgleich beschlossen, meine Chinesischkenntnisse so weit als möglich voranzutreiben. So werde ich auch nächstes Semester weiter studieren und das Angebot meiner Uni, dort Deutsch zu unterrichten, nicht annehmen. Wer weiß, vielleicht nützt es ja doch eines Tages etwas. Und wenn nicht, so rosten zumindest meine grauen Zellen nicht ein.

Langsam stellen sich auch erste Erfolge ein: An der Parkhausausfahrt sagen, dass wir unser Parkticket verloren haben, und auf die Frage antworten, wann wir hinein gefahren sind. Im Restaurant einen Tisch reservieren – mein Chinesisch ist tatsächlich besser als das Englisch der allermeisten Bedienungen. Selbst die Polizeikontrolle, in die ich heute mit dem Auto geraten bin, hat mich nicht aus der Ruhe gebracht. Gut, da war auch wenig Kommunikation notwendig, der Polizist zeigte auf dem Alkomaten und ich habe getan, was offensichtlich war. Aber ich hätte ihm schon auch sagen können, wo ich wohne, dass ich meinen Pass leider zuhause habe und dass ich nichts getrunken habe. An meine Grenzen stoße ich im Unterricht, wenn ich zum Beispiel die Handlung meines Lieblingsfilms nacherzählen soll. Wie sagt man eigentlich “heiße Affäre”? Nicht einmal George Clooney kennen sie hier – beziehungsweise, vermutlich heißt er auf Chinesisch wieder anders…

Trotzdem ist das alles super und macht Mut. Auch wenn man immer im Hinterkopf behalten muss, dass ich ein Dreivierteljahr lang 20 bis 30 Wochenstunden in diese Sprache investiert habe. Französisch, Spanisch, Italienisch oder Ähnliches spräche ich jetzt fließend, davon kann bei meinem Chinesisch noch keine Rede sein.

Vielleicht der wichtigste Grund für mein momentanes Stimmungshoch: Morgen in drei Wochen fliegen wir nach Deutschland. Bis dahin werden wir kaum noch zum Schlechtdraufsein kommen: Morgen Abend geht es für ein paar Tage nach Saigon, dann sind wir noch ein Wochenende hier in Jinan, am 16.6. feiern Freunde in Peking ihren Abschied und am Mittwoch, 20. Juni, dürfen wir uns schon auf die lange Reise machen in Richtung Heimat. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue. Und danach wird sich dann zeigen, wie belastbar mein momentan so gutes Verhältnis zu meinem Freund China wirklich ist.

Wir landen am 21. Juni, Donnerstag, um 17.30 Uhr in Nürnberg, aus Amsterdam kommend (allerdings ist unser Anschluss etwas knapp, wer also zum Flughafen kommen möchte, sollte vorher klären, ob wir den Flieger erwischt haben. Deutsche Handys ab AMS immer am Mann). Dann sind wir da bis zum 13. Juli. Mich zu treffen dürfte relativ einfach sein, aber Markus muss arbeiten, wer also eine Audienz möchte, sollte sich beizeiten melden ;)

Juhu, ich freu mich so!

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Weniger China als in Japan geht nicht

Liebes Tagebuch,
mein Freund China und ich haben uns in den letzten Wochen erstaunlich gut verstanden. Gut, das lag auch daran, dass Jörg da war und mit dem Staunen eines China-Neulings auch meinen Blickwinkel ein bisschen verändert hat. Aber wir wollen den fragilen Frieden ja nicht überstarapazieren, und deswegen verbringe ich dieses Wochenende zur Abwechslung bei jemand Neuem: Japan. Ich weiß, dass China Japan nicht besonders mag, aber ich mach das nicht, um ihm eins auszuwischen. Ehrlich.

20120508-130313.jpgTokio soll toll sein. Ich kann das noch nicht sagen, denn noch sitze ich im Flugzeug. Aber dieser Flug ist schon so ein Highlight, dass Tokio sich echt anstrengen muss. Ihr könnt es euch wahrscheinlich nicht vorstellen, aber die paar Stunden an Bord der Delta Airlines sind an sich schon wie ein Urlaub. Ein paar Stunden in den USA.
Es ist unglaublich, welch Hochgefühl in mir aufsteigt, wenn die Stewardess in wunderschönem Akzent aus dem mittleren Westen sagt: “Welcome on board, folks!” Oder dann der Pilot mit seiner wunderbar runden, breiten Aussprache von “Narita Airport”…
Als inflight entertainment gibt es Clooney, in Originalsprache – OHNE CHINESISCHE UNTERTITEL (der Beweis im Bild)! Selbst die chinesisch aussehenden Flugbegleiter hören sich nach amerikanischen Muttersprachlern an. Der Kaffee schmeckt genau wie der, den wir bei unserem ersten New-York-Trip immer am Hotel-Frühstücksbuffet getrunken haben. Sogar die Plastikbecher sind dieselben, außer, dass hier eben Delta und nicht Holiday Inn drauf steht. Und das Ei mit Tomate und Kartoffeln schmeckt genauso scheiße wie an jedem drittklassigen Hotelbuffet in USA. Einfach großartig!
Und dann diese Szene, als Miss “Welcome on board, folks” besagtes Plastikgeschirr einsammeln will. Für alle gut erkennbar trennt sie den Müll feinsäuberlich nach Plastik, Pappe, Essensresten, sogar die zwei verschiedenen Becherarten werden auseinanderklamüsert. Aber die übereifrige Chinesin auf 24G schmeißt einfach ihr ganzes Tablett in den Wagen, was die Stewardess für einen kurzen Moment aus der Fassung zu bringen droht. Und nach der Landung springen sie wieder auf, unsere Freunde, trotz des mehrmaligen, im Grunde überflüssigen Hinweises, bis zum Erlöschen der Anschnallzeichen sitzen zu bleiben.
Manchmal ist dieses “Wir” und “Sie”, das Eigene und das Fremde, ein gutes Gefühl. Zumindest dann, wenn das “Wir” ausnahmsweise mal in der Überzahl ist.


Der Rest in Kurzfassung: Tokio ist tatsächlich so genial, wie alle sagen. Ein einziges Freilichtmuseum für Studenten der Architektur oder des (Mode-)Design. Hier sieht sogar H&M stilvoll aus, zumindest von außen (s. linkes Bild). Die kongeniale Architektur ist wohl aus der Not geboren: Es ist einfach wenig Platz und in die Höhe gehts wegen der Erdbeben nicht. So ist eben alles ein bisschen kleiner, auch die Busse (s. rechtes Bild). Ansonsten gibt es natürlich Sushi, Kobe-Rind (s. Bild unten) und Brunch im Ritz-Carlton. Die Japaner selbst sind in so ziemlich jeder Hinsicht das krasse Gegenteil der Chinesen. Alles manifestiert sich in ihren Toiletten. Sogar im U-Bahnhof sind diese nicht nur sauber, sondern auch wohlriechend. Und haben neben einem elektrisch gesteuerten Bidet samt Bachrauschen zum Übertönen etwaiger anderer Geräusch, ja, beheizte Brillen.
Am Flughafen auf der Heimreise planen wir das zweite Halbjahr: Über unseren Hochzeitstag geht es nach Hainan (Chinas Antwort auf die Malediven) und im Oktober über Bangkok (das sollte man sich wohl noch anschauen, vor es ersäuft) nach Sydney. Das Unterwegssein wird langsam zum Normalzustand. Gut so.

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