100 Tage China

Unser 100. Tag in China – ist der Tag unserer ersten Heimreise nach Deutschland. Sollte ich das als ein Omen betrachten? Jedenfalls sitze ich nun im Peking am Flughafen und blicke zurück. Mein erstes Fazit lautet: Alles halb so wild.

Vieles haben wir gesehen und erlebt, auf manches davon hätten wir getrost verzichten können. Aber: Auf so manches, das man in Deutschland erlebt, könnte man schließlich auch verzichten. Auf der materiellen Seite lässt China sich recht gut an: Wir haben ein Auto (sogar ein ziemlich nobles), und ja, inzwischen dürfen wir es auch beide (!) fahren. Wir haben eine Wohnung, die, naja, fast fertig eingerichtet ist (wenn man mal von den kanpp 50 Ikea-Kisten absieht, die sich momentan im Wohnzimmer stapeln).
Auch das Leben ohne meinen Job bekommt mir besser als erwartet: Schreiben ist nach wie vor ein Grundbedürfnis, aber sich aussuchen zu können, wann man worüber schreibt, bietet erstaunlichen Komfort. Und die Geschichten liegen hier eben einfach auf der Straße, man muss sie nur einsammeln.
Als ich 2007 meine Magisterprüfung hinter mir hatte, hatte ich eigentlich beschlossen, nie wieder eine Uni zu betreten. Hätte ich das eingehalten, hätte ich hier viel verpasst. Nicht nur den meiner Meinung nach effektivsten Weg, Chinesisch zu lernen, sondern auch einen Haufen netter Leute aus aller Herren Länder. Kirsi und Ilona aus Finnland, Jannike und Daniel aus Schweden, Linda aus Tansania, Kim aus Korea, Yaroslav aus Russland oder Bilige und Mandaha aus der Mongolei: Jeder hat seine eigene, spannende Geschichte im Gepäck – auch wenn die Verständigung manchmal etwas holprig ist (einige sprechen kaum Englisch…).
Die chinesische Sprache selbst verlangt harte Arbeit, aber wenn man einen Zehn-Stunden-Bürotag gewöhnt ist, ist man offenbar doch ein bisschen besser organisiert als der durchschnittliche Student. Heute fragte mich mein Oral-Chinese-Teacher doch wirklich, warum mein Chinesisch so gut sei. Hallo?
Zwar beschränken sich meine Sprachkenntnisse noch auf Dinge wie “Ich heiße…, ich komme aus…, ich möchte bitte Äpfel/gebratene Nudeln/eine weiße Bluse kaufen und ich wohne in der Haier Green City”, aber man glaubt gar nicht, wie weit einen das im Alltag schon bringt.
Was den Umgang mit unserem Gastgeberland und seinen Bewohnern angeht, schwankt man immer ein bisschen zwischen Meditation (“Ommm, ich bin völlig entspannt und es ficht mich überhaupt nicht an, dass der kleine Mann mit der Zahnlücke, dem ungewaschenen Gesicht und der schlecht sitzenden Uniform am Schalter sagt, ich kann keine Kreditkarte haben weil ich kein Chinesisch kann, obwohl er vor zwei Wochen noch gesagt hat, das ist kein Problem, ommm”) und ur-deutschem Missiosstreben (“Ich erklär’ euch jetzt mal, warum man besser nicht nachts ohne Licht mit einem Elektrotoller auf der Autobahn gegen die Fahrtrichtung fahren sollte”, oder “Wisst ihr eigentlich, warum man das Fenster zu machen sollte, wenn die Klimaanlage respektive Heizung läuft?”). Dafür gibt es glaube ich keine Patentlösung, das werde ich weiterhin nach Tagesform entscheiden. Für die wohlmeinende Missionstätigkeit erntet man ohnehin selten mehr als ein verträumt-lächelndes Kopf-Wiegen.
Meine schlimmsten Befürchtungen jedenfalls, dass ich hier depressiv werden oder plötzlich anfangen würde, meinen Mann zu hassen weil er mich an diesen gottverdammten Ort gebracht hat, dass ich vor Sehnsucht nach Deutschland wahnsinnig werden würde – sind bisher nicht eingetreten. Klar fehlen Familie, Freunde und vertraute Umgebung. Aber: Dieses Abenteuer ist einfach zu groß, um nicht jede Sekunde davon mit offenen Augen zu erleben. (Alles andere wäre, um mit Erwin Pelzig zu sprechen, eine Gehirn-Burka mit extrem engen Denk-Schlitzen.)

Nach 100 Tagen habe ich hier noch meine Top-10-Erlebnisse in alphabetischer Reihenfolge zusammengestellt:
A wie Autounfall: Wie in Deutschland fahren die Chinesen in unserem Compound alle mit dem Auto in den Kindergarten, um ihr Kind abzuholen. Beide Seiten der engen Fahrbahn sind also zugeparkt. Leider führt mein Weg zum Fitnessstudio hier durch und natürlich kommt ein Auto entgegen. Ich will in eine winzige Lücke ausweichen, doch der Entgegenkommende hält in bester China-Manier weiter munter drauf und vor lauter Schreck lenke ich stärker ein als ich hätte dürfen. Der 7er BMW neben mir und unser Auto tragen ein paar Kratzer davon, die in Deutschland trotzdem ein paar tausend Euro gekostet hätten. Kostenpunkt hier: 1400 RMB (150-200 Euro).
B wie Backen: Ich habe mein erstes Brot gebacken. Mit Brotbackmischung vom Aldi und Brotbackautomat (war beides im Container) ist das fast ein bisschen arg einfach (nur Wasser dran und anschalten), schmeckt aber super. Auch einen Kuchen hab ich schon gezaubert. Das Abenteuerliche daran ist die Beschaffung der Zutaten. Sahne hab ich bisher erst in einem Laden gesehen, für zwei Euro die Packung. Den Ofen hab ich übrigens auch mitgebracht (danke Micha Scholz!), ein chinesischer Elektriker hat ihn mir von Stark- auf Normalstrom umgerüstet.
E wie Essen auf der Straße: ein tolles Erlebnis, das zeigt, dass man hier ein anderer Mensch ist als zuhause. Dort würde ich vielleicht eher nicht auf einem 30 Zentimeter hohen Hocker an einer Bushaltestelle sitzend und umgeben von Dreck Fleischspieße aus einer Plastiktüte essen, aber hier finde ich das klasse. Dazu zu empfehlen: Qingdao-Bier aus der 0,6-Liter-Flasche für drei Yuan (50 Cent).
E wie Explosion: Wie fast jeder in Jinan sind wir umgeben von Großbaustellen. Da eine davon am Hang liegt, muss immer mal gesprengt werden. Das geschieht dann vorzugsweise mitten in der Nacht (“Schatz, ich glaub, es ist Krieg”) und erschüttert nicht nur meinen Tiefschlaf, sondern das ganze Haus. Da denkt man schon mal drüber nach, wie lange man vom 18. Stock übers Treppenhaus ins Freie brauchen würde.
F wie fotografiert werden: Ich habe mir nie viel aus meinen Haaren gemacht. Sie sind halt blond und waren es schon immer (außer für die paar Jahre in meiner Jugend, in denen ich sie wahlweise rot, schwarz oder grün haben wollte). Die Chinesen aber finden meine Haare und überhaupt alles an mir (besonders noch Augen und Haut) einfach großartig und wollen daher immer mal gern ein Foto mir machen. Oder sie fahren mit ihrem Elektroroller fast einen Fußgänger um, weil sie mich anstarren. Bin gespannt darauf, wie es sich anfühlt, in Deutschland wieder eine von Vielen zu sein.
H wie Haushälterin: Verlangt 20 Yuan (2-3 Euro) in der Stunde, dafür fährt sie die eineinhalb Stunden aus dem Osten der Stadt mit ihrem Elektrofahrrad zu uns. Ist super süß, fleißig – und spricht kein Wort Englisch. Ich liebe sie.
I wie Ikea: Die größte Ikea der Welt in Peking ist unglaublich (siehe “Wer früher bremst, ist später in Peking”). Das eigene Staunen wird nur vom Staunen übers Staunen der Chinesen überboten. Schiere Größe ist etwas, woran man sich gewöhnen muss, wenn man aus dem in jeder Hinsicht “kleinen” Deutschland kommt. 1,3 Milliarden Menschen brauchen eben eine gewisse Infrastruktur.
K wie Kitsch: Die Chinesen lieben ihn und das wird jetzt in der Vorweihnachtszeit besonders deutlich, auch wenn sie eigentlich kein Weihnachten feiern (im Bild oben der Weihnachtsbaum in unserem vorübergehenden Zuhause, dem Sofitel. Sofakissen statt Christbaumkugeln, kann man schon mal machen).
P wie Pinkeln: Kinder tun es einfach auf der Straße und die erwachsenen Chinesen gerne bei offen stehender oder zumindest nicht abgesperrter Klotür. Ich glaube, sie sind es einfach nicht gewohnt, etwas allein zu tun, schließlich sind sie so viele.
Ü wie Überfall: Am Ende war’s doch nur ein Polizist, der uns nur vor einem betrügerische Schwarz-Taxifahrer schützen wollte (siehe “China und der Weihnachtsmann“)
Z wie Zugfahren: Der Schnellzug, der seit einiger Zeit in Jinan hält, ist unsere Lebensader geworden. Er bringt uns in eineinhalb Stunden nach Peking und in dreieinhalb nach Shanghai. Manchmal braucht man eben eine Auszeit vom “echten” China und muss in eine von Deutschen bevölkerte Kneipe gehen – oder auf einen deutschen Weihnachtsmarkt (siehe “China und der Weihnachtsmann“).

Und genau das, auf einen deutschen Weihnachtsmarkt gehen, werden wir tun in den nächsten Tagen in Nürnberg. China ist super, aber die Noris ist nun mal daheim und wir freuen uns riesig drauf. Zentraler Termin ist Freitag, 16. Dezember, ab 18 Uhr, am Hauptmarkt.

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China und der Weihnachtsmann

Liebes Tagebuch,

ich fühle mich sehr wohl bei meinem inzwischen nicht mehr ganz so neuen Freund China. Klar ist er oft etwas seltsam, aber im Großen und Ganzen finde ich ihn ziemlich toll und spannend. Weil er eine so große Rolle in meinem Leben spielt, habe ich meinen alten Freund Deutschland fast ein bisschen vergessen. Das hat sich am Samstag geändert, da war nämlich Weihnachtsmarkt – und plötzlich hab ich wieder ganz viel an Deutschland gedacht. So von Glühweinduft umgeben ist mir erst wieder aufgefallen, wie sehr es mir doch gefehlt hat.

Ein Weihnachtsmarkt mitten in einem Land, das nicht an den Weihnachtsmann glaubt – unglaublich, aber wahr. Die deutsche Botschaft in Peking veranstaltet ihn jedes Jahr, schon Ende November, wohl weil sich ab Anfang Dezember viele in China lebende Deutsche auf den Weg in die Heimat machen. Am vergangenen Samstag jedenfalls schein noch kein einziger von ihnen abgereist zu sein – immerhin mussten wir zwei Stunden anstehen, um überhaupt auf das Botschaftsgelände zu kommen (siehe Foto). Der Markt war so voll, dass nur einer rein durfte, wenn ein anderer ging.

Die Wartezeit war aber überhaupt nicht schlimm. Erstaunlich, wie man sich plötzlich entspannt, wenn um einen herum deutsch gesprochen wird und die Menschen so aussehen wie man selbst – und einen daher mal gar niemand anstarrt. Außerdem führte die Warteschlange auf ihrem Weg rund um die Botschaft an einem “Jenny Lou’s” vorbei. Das ist eine hiesige Supermarktkette, in der es ausschließlich Importprodukte zu kaufen gibt. So machte sich etwa alle halbe Stunde eine kleine Delegation aus der Schlange auf den Weg, um die Wartenden mit Paulaner, Erdinger,Tucher und frischen Laugenbrezen zu versorgen. So lässt sich’s leben.

Auf dem Markt angekommen tat dann der verführerische Duft nach Glühwein, Lebkuchen und Bratwurstbrötchen sein Übriges, um alle Wahl-Chinesen in echte Deutsch-Tümelei verfallen zu lassen. Ein wahrlich großartiges Gefühl übrigens.

Immerhin hatten wir auch etwas zu verdauen, nämlich eine wirklich nervenaufreibende Taxifahrt. Obwohl, eigentlich war es kein Taxi, und das war gerade das Problem. Freitagabend, 20 Uhr, in Peking. Die Straßen sind wie immer um diese Zeit ein großer Parkplatz weil derart überlastet, also auch weit und breit kein freies Taxi in Sicht. Unsere Strategie ist in diesen Fällen unterirdisch. Nur ist das Problem, dass die Stadt zwar ein großes, modernes U-Bahn-System hat, doch ob der enormen Entfernungen in einer 18-Millionen-Stadt liegen die Stationen immer noch so weit auseinander, dass man trotzdem ein Taxi braucht, um von der Ausstiegsstelle irgendwo hin zu kommen. Wir standen also schon eine knappe halbe Stunde am Straßenrand, ohne ein freies Taxi auch nur zu Gesicht bekommen zu haben. Leicht zu haben sind in solchen Fällen aber “schwarze” Taxis, das heißt Zivilfahrzeuge, die sich mit einem kleinen roten Licht in der Windschutzscheibe zu erkennen geben und einen für meist überteuerte Preise an den gewünschten Ort bringen. Man tut so etwas ja ungern, aber schließlich war es kalt und wir spät dran. Der Fahrer wollte 30 Yuan, was etwa das Doppelte des regulären Preises gewesen sein dürfte. Aber das Ende der Warterei war uns umgerechnet drei oder vier Euro wert.

Zahlen mussten wir dann aber gar nichts, und das kam so: Wir stehen an einer Ampel, vielleicht noch 500 Meter vom Restaurant entfernt, als die Beifahrertür aufgeht und sich jemand über mich wirft. Überfall, denke ich, aber warum geht er dem Fahrer an den Kragen und warum interessiert ihn meine Handtasche weniger als der Schlüssel im Zündschloss? Als ich mich am scheinbaren Räuber vorbei aus dem Auto zwänge, klärt sich alles auf: Der Mann ist Polizist und schwarze Taxis sind eben illegal. Unser Fahrer wird äußerst ruppig aus dem Wagen gezerrt und verschwindet unter heftiger, aber vergeblicher Gegenwehr im Polizeibus. Wir sehen uns derweil einem Zivilpolizisten gegenüber, der wild gestikulierend auf uns einredet. Mein “我听不懂” (Ich verstehe nichts) interessiert ihn überhaupt nicht, schließlich hilft nur noch ein Anruf bei Markus’ Assistentin. Sie erklärt dem Mann, wo wir herkommen und wo wir hinwollen und uns erklärt sie, dass der Mann eigentlich nur unsere Pässe sehen will. Bleiben nur zwei Fragen: Woher wussten die, was gespielt wird, die müssen uns ja beobachtet haben, als wir eingestiegen sind. Und: Wenn der Polizist nicht gleich den Zündschlüssel erwischt hätte, hätte uns dann eine wilde Verfolgungsjagd durchs nächtliche Peking geblüht? Na denn Prost.

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In eigener Sache

Es hat eine Weile gedauert, aber inzwischen sind unsere Hochzeitsbilder bei uns in China angekommen. Daher jetzt und besser spät als nie: Danke euch allen für die vielen Glückwünsche, Geschenke, Küsse, Trinksprüche, die tollen Aufführungen, die lieben Worte, einfach alles, womit ihr diesen Tag zum schönsten in unserem Leben gemacht habt.

DANKE!

Julia und Markus

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Wer früher bremst, ist später in Peking

Da isser!

Liebes Tagebuch,

“Wir heizen doch nicht für dir Katz.” Diesen Spruch kannte ich als Kind schon auswendig, ehe ich überhaupt wusste, was “für die Katz” bedeutet. Ich wusste aber, dass man das Fenster zu macht, wenn die Heizung an ist. Das macht man in China auch. Dafür schaltet man dann die Klimaanlage an.

Wir sind also angekommen in der neuen Wohnung, und das genau pünktlich zum Beginn der Heizperiode. Wann der ist, entscheidet nicht das Wetter oder gar der einzelne Bürger (wo kämen wir denn da auch hin?), sondern die Regierung. Wir hatten Glück in diesem Jahr, denn es war bisher nicht übermäßig kalt. Jetzt aber ist die Heizung an, das bedeutet für und wunderbar wohlig warmen Fußboden in der ganzen Wohnung. Dumm nur, dass es immer noch gut zehn Grad hat draußen, da braucht man die Heizung vielleicht gar nicht den ganzen Tag und schon gar nicht in allen Zimmern. Vor dem Einzug hatte ich mich vorsichtig erkundigt, wie ich denn die Fußbodenheizung regulieren kann. Meine Übersetzerin sah mich zweifelnd an und sagte: “Na, du machst das Fenster auf”.

Es kam wie es kommen musste: Alsbald glich die Wohnung einer Sauna (zumindest einer Biosauna) und ich hatte keine andere Wahl, als “für die Katz” zu heizen, auch wenn das im 18. Stock ein komischer Gedanke ist. Doch wie immer in China geht’s auch hier noch krasser: Durchs nunmehr offene Fenster drang aus allen Richtungen der unverwechselbare Ton der umliegenden Klimaanlagen. Dass ich über solche Dinge noch erschrecke, zeigt, dass ich erst kurz hier bin, denke ich. Denn eigentlich ist es völlig logisch: Wenn es in der Wohnung zu warm ist, kommt die Klimse an.

Dieses Thema beschäftigt mich offenbar so stark, dass ich das Allerwichtigste darüber beinahe vergessen hätte: Ich darf mich wieder wie 18 fühlen. Und woran liegt das? Am neu erworbenen Führerschein natürlich! Danke…

Auch die ersten Autofahrten im Jinaner Verkehr habe ich schon hinter mir und es stellt sich heraus, dass die gut zwei Monate auf dem Taxi-Beifahrersitz eine gute Schule waren, denn ich bin völlig entspannt und hupe einfach mit. Im Zweifel allerdings poche ich (noch) nicht auf mein Recht. Ist schließlich ein Firmenwagen. Dabei höre ich dann gern “Hinterm Steuer” von Roger Cicero. Zitat: “Wer später bremst ist länger schnell” und “Du bist so dumm wie’n halber Meter Feldweg”. Sehr entspannend.

Hinter mir liegt alles in allem ein großartiges Wochenende: Eine Reise nach Peking ist immer wie eine in ein anderes – zivilisiertes, gepflegtes, gut organisiertes, eben fast völlig unchinesisches – Universum. Um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein, habe ich mich mal in einer Arztpraxis umgesehen. Lässt man außer Acht, dass die Damen und Herren Doktoren Englisch sprechen, könnte die in Deutschland auch stehen (würde dort aber vermutlich nur Privatpatienten aufnehmen). Sehr beruhigend.

Außerdem gibt es in Peking die – wie man hört – größte Ikea der Welt. Drei Stockwerke, gefühlt jeweils doppelt so groß wie die der Ikea in Fürth. Und das am Samstagnachmittag, zusammen mit etwa 10.000 anderen Menschen. Mantras beten.

Und dann doch wieder China: 20 Kassen offen, überall Schlange. Aber man ist ja clever und macht mal die Augen auf. Über einem Teil hängt ein Schild “Cash only” und über manchen steht “Card only”. Ich reihe mich bei einer der zweiteren Kategorie ein, überzeuge mich sogar noch, dass internationale Kreditkarten akzeptiert werden. Als ich der Kassiererin das gute Stück in die Hand drücke, läuft sie davon. Ich “Äh, hello?” und hinterher. Was macht sie? Läuft an eine Kasse am anderen Ende, und zwar an eine, über der “Cash only” steht. Dort zieht sie meine Karte durch. Muss man nicht verstehen. Auch nicht, warum dort gerade ein Mann 30 Plastikklobürsten in eine blaue Ikea-Tüte packt.

Das Highlight des Wochenendes – ja, sogar besser als die bestandene Führerscheinprüfung – am Sonntag: Brunch im Fünf-Sterne-Hotel “Westin”. “Bubbaliciuos” heißt die Veranstaltung, eine mehr oder weniger gelungene Anspielung aus die “Bubbles” in dem edlen Getränk, dass hier im Pauschalpreis inbegriffen ist. Dass das Buffet überirdisch war, geriet angesichts Moet soviel man will fast ein bisschen in den Hintergrund. In zwei Wochen sind wir wieder da, zum Weihnachtsmarkt in der deutschen Botschaft. Unglaublich, dass all diese Annehmlichkeiten nur eineinhalb Zugstunden von Jinan entfernt liegen. Ich freu mich.

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Mit Wohnung, dafür ohne Führerschein

Liebes Tagebuch,

mein neuer Freund China und ich, wir kennen uns inzwischen recht gut. Und wie das so ist in einer Freundschaft, gibt es bessere und schlechtere Tage, Dinge, die man mehr mag und solche, die man kaum erträgt. So ist es auch bei uns.  Daran merkt man wohl, dass langsam der Alltag einkehrt.

Fangen wir mit den schlechten Nachrichten an: Wieder kein Führerschein. Diesmal bin ich aber selbst schuld. Ich dachte, die kostenlose Version der Führerschein-Theorie-App (für die analoge Generation: ein Computerprogramm, das man auf einem Handy betreiben kann) würde genügen. Allerdings enthält die nur etwa 20 Prozent aller möglichen Fragen. Das Ende vom Lied waren etwa 40 mir vollkommen unbekannte Prüfungsfragen, von denen man sich rund die Hälfte auch weder mit deutschem Straßenverkehrswissen noch mit gesundem Menschenverstand erschließen konnte. Daher leider nur 85 statt der 90 nötigen Punkte.

Leider muss man nämlich dutzende Fragen beantworten, die sich mit Behördengängen beschäftigen (“Bei welchem Amt muss man ein privates in ein kommerziell genutztes Auto ummelden?” Und wusstet ihr, dass ein chinesisches Auto erst nach sechs Jahren zum ersten Mal zum TÜV muss?). Was nicht vorkommt, sind hingegen Belanglosigkeiten wie Verkehrsregeln: Man darf immer rechts abbiegen, auch bei roter Ampel, aber wer hat dann eigentlich Vorfahrt, der Rechts- oder der entgegen kommende Linksabbieger? Und was ist mit den Fußgängern?

Und dann geht man aus der Prüfung, darf selbst nicht fahren und hat dafür umso mehr Zeit, zu beobachten, wie die anderen fahren: “Wozu braucht man eine Kupplung zum Schalten, das geht doch auch so (*rühr/rumpel*).” Gerne auch: “Ups, hier ist ja eine Spurmarkierung (lenkt nach rechts). Oh, da ist ja auch eine (lenkt wieder nach links). Unmöglich, da auch! (wieder nach rechts)” Ein Chinese, der Schlangenlinien fährt, ist demnach nicht betrunken, er inspiziert nur die Straßenmarkierung. Diese dienen offenbar auch ausschließlich dazu, denn beachtet werden sie kaum. Den treffendsten Vergleich, der mir bisher eingefallen ist, werden leider nur eingefleischte Harry-Potter-Fans verstehen. Wer kennt die Szene in der Verfilmung von Teil III (Der Gefangene von Askaban), die im “Knight Bus” spielt? Der fährt da in einem nicht vorhandenen Zwischenraum zwischen zwei anderen Bussen hindurch, dazu verzieht er sich samt seiner Insassen auf die halbe Breite und dafür die doppelte Höhe, wie ein Kaugummi. So funktioniert das hier auch, kein Witz.

Ich werde derweil von Tag zu Tag duldsamer. Und mein Magengeschwür wächst und gedeiht.

Glücklicherweise gibt es auch die schönen Seiten. Wir haben inzwischen dreimal in unserer neuen Wohnung geschlafen. Die Kisten auszupacken war wie Weihnachten, nur das Geschenkpapier war nicht so schön. “Schau mal, Schatz, meine Backformen! Und hier ist die Brotbackmischung! Und meine Kuscheldecke ist auch da…” Der ultimative Moment war der, in dem unser Jura-Vollautomat zum ersten Mal wieder das wohlige Grummeln des Mahlwerks von sich gegeben hat. Jetzt ist Normalität. Und als wir dann noch herausgefunden haben, wie man die Klimaanlage auf “Heizen” stellt, war ein weiterer großer Schritt Richtung Wohlfühlen gemacht, denn die Regierung hat die Zentralheizung noch nicht angeschaltet.

Auch im Fitnessstudio, das zum Compound gehört, sind wir bereits Mitglieder. Mehrere Sporthallen (für Badminton, Basketball, Fußball), ein Ballettsaal, ein 25-Meter-Sportbecken und todschicke Geräte, und das in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen.

Jetzt müssen nur noch die verbleibenden rund 40 Kisten  ausgepackt werden. Ach ja, und dann brauchen wir ein Bett, drei bis vier Schränke, eine Kommode, einen Esstisch, Stühle, Teppiche, Vorhänge… Schließlich müssen 150 Quadrameter eingerichtet werden, bisher hatten wir 80.

Zeitgleich mit dem Orga-Kram für die Wohnung läuft mein Chinesisch-Studium natürlich weiter, aber ich habe es offenbar ganz gut im Griff. Anders als meine Kommilitonen bin ich eben einen Zehn-Stunden-Bürotag gewohnt, das ist schon was anderes. Meine Unterhaltungen mit den Taxifahrern wachsen demnach in der Woche um ein bis zwei Sätze (glücklicherweise laufen sie immer nach dem exakt selben Muster ab), ich kann bei der Hausverwaltung Mineralwasser bestellen (und das braucht man gallonenweise für den Wasserspender, denn das Leitungswasser ist kein Trinkwasser) und ich kann sogar sagen, wann und wohin es geliefert werden soll. Nämlich zu

Familie Rauch
1-1-1801 Baihe Garden
Haier Green City
Lixia District
250000 Jinan
Shandong
P.R. China

Prompt habe ich in unserer ersten Prüfung 98 von 100 Punkten im schriftlichen und 29,4 von 30 Prozent im mündlichen Teil erzielt. Gar nicht schlecht für den Anfang, oder? Ich denke, das ist jetzt ein guter Zeitpunkt, meinen Lehrern mitzuteilen, dass ich die letzten drei Semesterwochen in Deutschland verbringen werde… Ich freu mich auf euch!

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+++ CONTAINER IST ANGEKOMMEN +++ STOP +++ HEUTE LETZTE NACHT IM HOTEL +++ STOP +++ ENDLICH WIEDER EIN ZUHAUSE +++ STOP +++ MORGEN AUSSERDEM MAL WIEDER FÜHRERSCHEINPRÜFUNG +++ STOP

 

 

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Kleine Unschärfe Oder: Führerschein die Zweite, Dritte und Vierte

Liebes Tagebuch,
der Weg zum ersehnten chinesischen Führerschein erweist sich als ein langer. Vier jeweils mehrstündige Besuche bei der Verkehrspolizei haben wir inzwischen absolviert, und rate mal, wer noch keinen Lappen hat. Genau. Ich versuche ja, das als Prüfung für meinen Charakter zu begreifen und übe mich in buddhistischer Gelassenheit, aber langsam werde ich trotzdem ungeduldig.

Aber der Reihe nach. Von unserem ersten Tag bei der Verkehrspolizei habe ich ja schon erzählt. Das war der mit viermal zwischen zwei Polizeiwachen Hin- und Herfahren. Und der mit dem unterhaltsamen Gesundheitstest.
Es folgte die erste Theorieprüfung. Auf chinesisch mit einer Übersetzerin, die eigentlich die Antworten hätte wissen sollen, was uns das lästige Lernen ersparen sollte. Man sagt, dass machen hier alle Expats so. Gut, die suchen sich dann vermutlich den richtigen Übersetzer. Unsere hat zwar erst vor einigen Monaten selbst den Führerschein gemacht, aber das ist offenbar zu lange her und sie schafft die erforderlichen 90 von 100 Punkten nicht. Passiert, denkst du dir, war sicher aufgeregt, außerdem hatte es im Vorfeld ein bisschen Ärger gegeben. Sie hatte noch einmal heimfahren müssen, um ihr Übersetzer-Zeugnis zu holen – dass wir das brauchen würden, hat uns vorher natürlich niemand gesagt. Und eine echte Dolmetscherin ist sie ja auch gar nicht, sondern eine Kollegin von Markus, die eben Englisch kann. Später erzählte sie mir zudem, dass ihr Übersetzer-Zeugnis eigentlich nur ihr Uni-Abschlusszeugnis ist, also nichts mit staatlich geprüft und so. Nun, durchgefallen ist durchgefallen.
Dann, zweiter Versuch, einen Samstag später. Wieder um 6.30 Uhr aufgestanden, wieder um acht Uhr in der Schlange bei der Verkehrspolizei. Die Pförtner grüßen uns mittlerweile. Andere Übersetzerin diesmal, eine, die sogar Deutsch spricht und sich eine Woche lang auf die Prüfung vorbereitet hat. Sie aber sollte sich an diesem Tag nicht beweisen dürfen, denn ihr Übersetzer-Zertifikat – ebenfalls ihr Uni-Abschusszeugnis – gefällt den Dienst habenden Polizisten nicht und wir werden nicht zugelassen.
Und jetzt? Kein Problem, am Montag sei eine andere Besatzung auf der Wache und da kenne man jemanden der jemanden kenne, und da genüge dasselbe Zertifikat, das am Samstag abgewiesen worden war, um zugelassen zu werden. Hört sich irgendwie suspekt an, aber was sollen wir machen. Also, Montag grüßt wieder der Pförtner.
Das Übersetzer-Zertifikat sei einwandfrei, lässt man uns wissen. Allerdings wolle man – woher auch immer die plötzliche Einsicht? – vermeiden, dass die Ausländer sich mit einem Übersetzer den Führerschein erschleichen. Eigentlich ein grundsolider Gedanke, muss sogar ich zugeben. In der Situation allerdings ein bisschen unpraktisch, denn ich bin natürlich völlig unvorbereitet auf eine Führerscheinprüfung. Meine Sorgenfalten glätten sich allerdings schlagartig, als ich erfahre, dass ich, sollte ich durchfallen, es gleich im Anschluss noch einmal probieren darf, diesmal auf chinesisch mit meiner bestens vorbereiteten Übersetzerin. Fragt mich bitte nicht nach der Logik hinter dieser Ansage.
Ich nehme also am Computer Platz, vor mir die Prüfung auf Deutsch, hinter mir die Übersetzerin (die hier ja jetzt streng genommen gar nichts verloren hat, aber: kleine Unschärfe). Was die Fragen angeht: Ich empfehle, sich einmal einen chinesischen Text von einem Übersetzungs-Roboter wie Google Translate übersetzen zu lassen. Für alle, die das noch nicht getan haben: Heraus kommen zusammenhanglose Satzfragmente voller frei erfundener Wörter. Genau so sahen die Fragen aus. Wenigstens konnte man in etwa ahnen, dass der Text vor einem etwas mit Straßenverkehr zu tun haben soll. Ich jedoch “beantworte” völlig gelassen alle 100 “Fragen”. Schließlich werde ich gleich noch einmal auf chinesisch geprüft, also wozu Zeit verlieren.
Doch da habe ich die Rechnung mal wieder ohne den Chinesen gemacht: Der hat sich nämlich in der Zwischenzeit ausgedacht, dass ich eine bestimmte Punktzahl erreichen muss, um noch einmal antreten zu dürfen. Also heute nicht mehr, 77 von 100 richtigen Antworten sind zu wenig.
Ob ich gleich morgen wiederkommen kann? Ähm, nein, denn Ausländer dürfen nur samstags. Moment, aber heute ist doch… Montag, genau. Kleine Unschärfe.
Aber es kommt noch besser: Markus geht direkt nach mir in die Prüfung, auf meinen Rat hin wählt er die englische Version, die offenbar nach der automatischen Übersetzung mal jemand wenigstens durchgelesen hat. Mit Hilfe unserer Übersetzerin (nochmal: seine Fragen sind auf Englisch, aber sie steht trotzdem hinter ihm) erzielt er die nötigen 90 Punkte. Er hat seinen Schein also (siehe Bild oben).
Es ist zum Haare raufen. Hilft aber alles nichts. Um kein Risiko mehr einzugehen, habe ich mir jetzt eben doch die Mühe gemacht, ganz klassisch Führerscheintheorie zu pauken. Das ist eine nette Abwechslung zu chinesischen Schriftzeichen und hat den Effekt, dass beim nächsten Versuch eigentlich nichts mehr schief gehen kann. Wäre da nicht die kleine Unschärfe…
Fortsetzung folgt

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Da lachen ja die Hühner

Liebes Tagebuch,
“Da lachen ja die Hühner”, hat meine Mama früher gern gesagt, wenn ich ihr eine hanebüchene Geschichte aufgetischt habe (zum Beispiel: “Meine Freundinnen dürfen auch alle bis Mitternacht weg bleiben”). Ziemlich hanebüchen ist auch die Geschichte, die ich dir heute erzählen will. Nur hatte das Huhn, das darin vorkommt nicht viel zu lachen.

Aber der Reihe nach. Kürzlich hat uns Markus’ Kollege Tian Zhong (auf Deutsch bedeutet das “Feld Mitte”) zu einem Ausflug eingeladen. Frühmorgens fuhren wir gut eineinhalb Stunden zu fünft im Auto Richtung Süden, wo uns das Red Leaf Valley (Tal der roten Blätter) erwartete. Um diese Jahreszeit und besonders bei wie an diesem Tag strahlendem Sonnenschein ist dieser Park besonders beliebt, und so gesellten sich wohl an die 10.000 Chinesen zu uns (erstaunlicherweise trotzdem nur fünf mal “darf ich ein Foto von dir machen?). Zwei Stunden lang marschierten wir durch die toskana-ähnliche Hügellandschaft und bewunderten das herbstliche Farbenspiel, die liebevoll zusammen gezimmerte Baumhaussiedlung und die riesige Voliere mit Papageien, schwarzen Schwänen und allem möglichen anderen Federvieh. Zu wahren Begeisterungsstürmen riss uns aber die frische Luft hin – eine echte Abwechslung zum Alltag in der Sechsmillionenstadt.
Nach einer solchen körperlichen Anstrengung muss natürlich für Kaloriennachschub gesorgt werden, und so führte Feld Mitte (Feld ist übrigens der Nachname, aber den nennt man in China zuerst) uns in eine waschechte Bauernwirtschaft. In uns Franken löst dieser Begriff eine gewisse heimelige Erwartungshaltung aus – selbstverständlich weit gefehlt.
Das “Lokal” befand sich tatsächlich im Vorgarten eines ortsansässigen Agrarunternehmers, in herrlicher Lage, toller Ausblick inklusive. Der war übrigens auch lohnender als der Blick in die nähere Umgebung (Küche im Freien, festgetretene Essensreste am Boden). Aber ich muss sagen: Ich fange an, diese Art von Restaurant zu mögen, denn da ist richtig China, und schließlich mag ich dieses Land sehr. (Sollte jemand nach der Lektüre meines Tagebuchs einen anderen Eindruck bekommen haben, so ist dieser wirklich falsch.)
Kaum niedergelassen auf wackeligen Plastikstühlen, heißt es auch schon wieder aufstehen. Als Feld Mitte Hühnerfleisch bestellen will, bittet die Bedienung ihn zum Stall. “Do you wanna come, we have to choose a chicken”, sagt er zu mir. Mein Englisch ist recht ordentlich, aber manchmal weigert mein Hirn sich standhaft, die Dinge in die Muttersprache zu übernehmen. “Choose a chicken?” Soll das heißen, ich muss jetzt ein Huhn zum Tode verurteilen? Exactly.
Ich mache es kurz und behme das erste, dass mir auffällt. Der Bauer packt es, stellt es auf den Kopf und hängt es mit den Füßen an eine Waage. Komischerweise zappelt das Tier nicht einmal. 1,5 Kilo Lebendgewicht. Und schon ist der Kopf ab, noch ehe ich wegsehen kann.
Ich kannte Geschichten von meiner Oma, die früher auf dem örtlichen Bauernhof immer mit angesehen hat, wie die frisch geschlachteten Hühner noch ohne Kopf herumrennen. Aber dass das so lange dauert, darauf war ich nicht vorbereitet.
Was hingegen wirklich fix ging, war der Weg vom Schafott auf unseren Tisch. Keine 20 Minuten später stand da ein dampfender Topf mit viel appetitlich riechender Fleischbrühe drin. Und natürlich unserem Huhn.
Also keine Scheu und zugegriffen. Tapfer tauche ich mit den Stäbchen nach dem erstbesten Stück, das da sieht interessant aus. Ist es auch: Schon tauch der Kopf des Tieres aus der Flüssigkeit auf. Erschrocken lasse ich ihn zurück in die Brühe plumpsen, sehr zum Amüsement unserer chinesischen Mitesser. Natürlich befindet sich das ganze, und ich meine von Kopf bis Fuß das ganze, Huhn auf unserem Tisch. (Zitat Feld Mitte: “man entfernt ein bisschen von den Innereien”, darauf ich; “und was ist das hier?”, er: “wird wohl der Magen sein”).
Sechs Wochen in China, und schon bringt mich kaum noch etwas aus der Ruhe. Der Kopf liegt zwar inzwischen mittig und gut sichtbar im Topf (siehe Foto), doch die umliegenden Stücke von Schenkel und Brust schmecken hervorragend und sind so zart, dass sie wie von selbst vom Knochen fallen. Ich mag dieses Land.

Und noch das Wichtigste in Kürze:
Kein Umzug dieses Wochenende. Der Zoll in der Hafenstadt Tianjin ist aus unerfindlichen Gründen auf die Idee gekommen, Markus Original-Reisepass sehen zu wollen. Da mein Liebster aber die nächsten zwei Wochen fast durchgehen auf Geschäftsreise ist und den Pass daher nicht abgeben kann, ist unser Aufenthalt im Sofitel auf unbestimmte Zeit verlängert.
Chinesische und deutsche Vorstellungen von Sauberkeit unterscheiden sich grundlegend. Obwohl gestern eine Putzkolonne einen halben Tag in unserer Wohnung zugebracht hat, liegt der Staub noch zentimeterhoch und ich werde jetzt noch geschätzte zwei Tage mit der eigentlichen Reinigung des Apartments verbringen. (Wie ein “geputztes” Klo aussieht, zeigt das Bild links)
Zu unserer heute geplanten zweiten Führerscheinprüfung durften wir nicht antreten. Das Übersetzerzertifikat, das letzte Woche erstmals verlangt wurde, genügte heute schon nicht mehr. Kommenden Montag aber ist eine andere Besatzung auf der Polizeiwache, da soll es dann angeblich wieder genügen.
Weitere Chinesisch-Erfolge: Erste echte Unterhaltung mit dem Taxifahrer.
“Du studierst Chinesisch?” (Messerscharf kombiniert, er fährt mich gerade zur Uni und ich habe mein Chinesischbuch auf den Knien.)
“Ja, ich studiere Chinesisch”.
“Wie viele Jahre schon?”
“Sechs Wochen”
*Undefinierbare, aber offenbar sehr anerkennende Worte*
“Woher kommst du?”
“Aus Deutschland”
“Welche Sprachen sprichst du?”
“Deutsch und Englisch”
“Wie lange bist du in China”
“Drei Jahre”
und am Ende sogar noch:
“Hast du Wechselgeld?”
“Ja”.
Ich kann’s selber noch gar nicht richtig glauben.

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Volle Breitseite chinesischer Amtsschimmel Oder: Führerschein die Erste

Zunächst die Kurzmeldungen:
Mietvertrag ist unterschrieben.
Umzug geplant für kommendes Wochenende (22. November), je nachdem, ob der Zoll unseren Container rechtzeitig freigibt (siehe Foto links: Bin ich froh, dass er wenigstens als “im Hafen angekommen” gemeldet ist).
Kühlschrank gekauft.
Markus war beim Friseur (fünf Euro, siehe Foto rechts), ich beim Fingernägel machen (ein Euro).
Außerdem, für meine regelmäßigen Leser: Ich versuche ja immer, eine E-Mail rauszuschicken, wenn ich eine neue Geschichte online stelle, praktisch ist aber auch der RSS-Feed (siehe Leiste unten rechts). Wer möchte, bekommt natürlich weiterhin eine Mail. Außerdem freue ich mich über jeden Kommentar! Aber jetzt.

Liebes Tagebuch,
ich lerne meinen neuen besten Freund China immer besser kennen. In seiner seltsamen Sprache kann ich inzwischen nicht mehr nur einzelne Silben, sondern ganze Sätze singen. Ok, nur Sätze, die ich vorher auswendig gelernt habe, aber das ist ja auch schon was. Manches jedoch wundert mich noch. Zum Beispiel, dass die meisten Taxifahrer hier fast blind zu sein scheinen – jedenfalls berühren sie eine Visitenkarte, die man ihnen zeigt, meist mit der Nasenspitze und können sie trotzdem nicht lesen. Wir aber dürfen nicht Autofahren. Zumindest nicht, bis wir eine Theorieprüfung abgelegt haben. Einmal sind wir schon durchgefallen.

Den berühmt berüchtigten Amtsschimmel – ihn gibt es also auch in China. Wir hatten davon gehört und bei der Beantragung unserer Permanent Residence auch schon einen Vorgeschmack bekommen. Im Zusammenhang mit dem Erwerb eines chinesischen Führerscheins aber haben wir die volle Breitseite abgekriegt. Wobei: Vermutlich geht auch hier immer noch mehr.
Dass wir, die wir seit zehn bzw. 20 Jahren (unfallfrei!) Auto fahren, in China eine Theorieprüfung würden absolvieren müssen, war uns bekannt. Wir wussten von anderen Expats, dass man diese auch auf chinesisch machen kann. Das bedeutet, man hat einen Übersetzer dabei – der natürlich die Antworten weiß. Dann hieß es, es gebe die Prüfungsfragen jetzt auch auf englisch, aber sie seien schlecht übersetzt und außerdem erst bei der Prüfung zu haben – man könne also nicht vorher üben. Wie bitte? Ob wir es vielleicht doch mit Dolmetscher probieren könnten. Das berühmte “maybe…”
Doch zunächst einmal mussten wir ja zur Prüfung zugelassen werden. Montag, 12.30 Uhr. Treffpunkt Verkehrspolizeistation. Im Gepäck eine Dolmetscherin, den Fahrer der Firma und alle Unterlagen. Führerscheine inklusive beglaubigter Übersetzungen, Heiratsurkunde (auf meinem Führerschein heiße ich noch Ziegler), Pässe inklusive aller Visa, Passfotos in rauen Mengen. Nach einigen Irrungen, welcher Pass zu wem, welcher Führerschein zu welchem Pass und welche Übersetzung zu welchem Dokument gehört, zunächst ein zustimmendes Nicken von der Polizeibeamten. Einziger Makel: Die verlangten Kopien unserer Führerscheine sind in Farbe, müssen aber in Schwarzweiß sein. Zum Glück ist nebenan ein Copyshop.
Nach einem Blick in ihren Computer aber verfinstert sich die Miene der Uniformierten. Anstatt den ersehnten Stempel auszupacken, sagt sie plötzlich nur noch “bu shi” (“nicht sein, nein”) und “mei you” (nicht haben). Kein gutes Zeichen. Und tatsächlich: Angeblich sind wir nicht bei der Meldebehörde registriert. Kann nicht sein, denn sonst könnten wir gar keine Permanent Residence Permit in unseren Pässen haben, aber was soll man machen. Auf ins Auto und zur Polizeistation neben dem Hotel (die Meldebehörde ist hier die Polizei). Fahrzeit einfach: gute halbe Stunde. Einfach nur eine Meldebescheinigung abholen ist hier aber auch nicht, und das obwohl die Polizeistation leer ist. Wir vertreiben uns die Wartezeit, in der Markus’ Assistentin Jasmin und Fahrer Li auf die Polizistin einreden, mit einem anderen “Außerirdischen”: Auftritt Di, ein Chinese, der einen deutschen Reisepass in der Hand hält. In Frankfurt geboren, ist er ins Land seiner Eltern zurückgekehrt, um Geschäfte zu machen. Spannend, denn er spricht akzentfrei deutsch und gehört damit in Jinan zu einer für uns kostbaren Minderheit.
Auf dem Weg zurück zur Verkehrspolizei dann das eigentliche Highlight: Der Medizincheck. Das verkehrsmedizinische Zentrum, untergebracht in einigen nebeneinander stehenden Baracken, ist ein begehrter Ort. In einer langen Schlange stehen bereits gefühlte hundert Chinesen. Aber weil wir Ausländer sind (oder warum auch immer), müssen wir uns nicht anstellen. An einem Schalter anmelden, am nächsten Pässe zeigen, am nächsten zahlen, einen weiter die Quittung abholen und die wieder bei der Anmeldung abgeben – schon kann’s losgehen. Vor dem Sehtest graut mir ein bisschen, denn ich habe den Eindruck, meine Sehfähigkeit hat, seit ich Brille trage, eher nachgelassen. Ist aber egal, denn die Symbole, die ich aus fünf Metern erkennen muss, sind etwa so groß wie Marokko.
Beim Hörtest muss man eigentlich auch nicht hören, sondern nur fühlen, neben welchem Ohr sich die Hand mit der Stimmgabel gerade befindet. Und schließlich wird noch die Körpergröße gemessen, auf einem Gerät, das wie eine Waage aussieht (ich wollte schon protestieren). Dass ich Schuhe mit Absätzen trage, stört niemanden. Zu guter Letzt noch einmal an gefühlten 25 Schaltern vorsprechen, das war’s. Zeitlich sehr effektiv, ganz im Gegensatz zum Rest des Tages. Bei unserem zweiten Besuch auf der Verkehrspolizei, jetzt mit Meldebestätigung, ist es 15.45 Uhr.
Vor Ort und voller Tatendrang “überholen” wir mal wieder im Schlepptau von Fahrer Li die Schlange. Ich mag das ja nicht, aber angesichts der Uhrzeit… Von einem Schalter zum nächsten geschickt, steht plötzlich ein Mann vor uns, der der Oberboss zu sein scheint. Als wäre es sein Colt zieht er einen kleinen Stempel aus seiner Hosentasche und platziert ihn locker aus der Hüfte auf unserem Antrag. Yeah! Jetzt nur noch schnell ein neues Passbild machen (Fotostudio siehe Bild) und dann…
Denkste. Bei nochmaliger Durchsicht unserer Unterlagen fällt der Uniformierten vom frühen Nachmittag etwas auf. Auf meiner Meldebestätigung findet sich im Feld “Geschlecht” das Zeichen 男, und das heißt männlich. Kann man das nicht einfach ausbessern? Doch, aber nur bei der zuständigen Meldebehörde. Und inzwischen hat der Feierabendverkehr eingesetzt…
Verglichen mit der von der Anmeldeprozedur ist die Geschichte unserer Prüfung schnell erzählt, wir sind nämlich durchgefallen. Die Dolmetscherin, eine Kollegin von Markus, hat ihren Führerschein zwar erst vor einem halben Jahr gemacht, war aber offenbar einfach zu aufgeregt. Statt der verlangten 90 von 100 Fragen wusste sie nur 86. Also nächste Woche, selbe Stelle, selbe Welle…

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Chinesische Weisheiten, die Dritte: Ekel ist Erziehungssache

Das Reisen mit der Bahn ist wirklich überaus angenehm. Man hat deutlich mehr Platz als im Flugzeug und der Schnellzug fährt seine 310 Stundenkilometer so ruhig, dass man die übervolle Kaffeetasse sorglos vor sich auf dem Klapptisch stehen haben kann. Wunderbar zum Arbeiten, Lernen, Lesen oder Dösen. Wäre da nicht die dreiköpfige Familie, die sich auf den beiden Sitzen hinter einem niedergelassen hat. Das Gör, dass einem ständig in den Rücken tritt, ist ja irgendwie noch süß. Aber der Vater, der drei Stunden lang (glücklicherweise erst in Wuxi zugestiegen) im Minutentakt den Schleim aus seinen Nebenhöhlen hervorrotzt, ist es nicht. Ich weiß, dass das Unterdrücken von körperlichen Regungen eine uns anerzogene gesellschaftliche Norm ist. In China wird das nicht als unangenehm angesehen, ein bisschen wie noch bei Martin Luther. Und ich bemühe mich wirklich nach Kräften, darüber hinwegzusehen. Aber in dieser Nähe und Konzentration ist es schwer zu ertragen.
Wenn man bei uns erkältet ist und einem die Nase läuft, schnieft man wenn überhaupt ganz leise. Dieses Schniefen spiel sich im vorderen Nasenbereich ab. Dort befördern wir gewöhnlich nur die Flüssigkeit zurück ins Körperinnere, die sonst akut herauszulaufen droht. Hierzulande aber kommt das Schnief-Geräusch aus den tiefsten Stirn- und Nebenhöhlen, wo es einen dumpfen, sonoren Widerhall erzeugt. Der geht einem dermaßen durch Mark und Bein, dass man schon meint, die Konsistenz die zähen Masse spüren zu können, die dabei von A nach B befördert wird. Nebenhöhlen, Rachenraum die Speiseröhre hinunter… Tröstlich nur, dass man im Zug nicht spucken darf, denn dann könnte man das Zeug nicht nur mitfühlen, sondern müsste es auch noch sehen.
Nicht nur im Zug droht einem derlei Unbill: auch im Sofitel-VIP-Frühstücksraum. Dieser ist zwar wesentlich kleiner als der große Saal im Erdgeschoss und das Buffet ist kleiner, dafür sind wir hier meistens allein – als Nicht-Langzeit-Gast kostet er nämlich extra. So frühstückt es sich hier wie im eigenen Wohnzimmer – nur mit Bedienung. Außer, ein anderer Langzeitgast kommt ins Spiel. Nennen wir ihn Chang. Er kommt gegen sieben Uhr, also eine knappe halbe Stunde nach uns. Zunächst wird er in seinen Adiletten zum Fernseher schlappen, um selbigen anzuschalten. Volle Lautstärke, versteht sich. Sein Lieblingsprogramm sind chinesische Soaps. Dann schlappt er zum Buffet und lädt sich die Speisen auf, die wir Europäer gewöhnlich zu Abend essen. Aber das ist ja noch okay, bleibt mehr Obst, Joghurt und Toast für uns. Nun aber schlappt Chang zu einem Tisch gute fünf Meter entfernt von uns. Und trotz der Soap-Dauerbeschallung wird er nun so laut schmatzen, dass mir der Appetit vergeht. Und das heißt was.
Ihr findet das eklig? Willkommen in China.

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