Unser 100. Tag in China – ist der Tag unserer ersten Heimreise nach Deutschland. Sollte ich das als ein Omen betrachten? Jedenfalls sitze ich nun im Peking am Flughafen und blicke zurück. Mein erstes Fazit lautet: Alles halb so wild.
Vieles haben wir gesehen und erlebt, auf manches davon hätten wir getrost verzichten können. Aber: Auf so manches, das man in Deutschland erlebt, könnte man schließlich auch verzichten. Auf der materiellen Seite lässt China sich recht gut an: Wir haben ein Auto (sogar ein ziemlich nobles), und ja, inzwischen dürfen wir es auch beide (!) fahren. Wir haben eine Wohnung, die, naja, fast fertig eingerichtet ist (wenn man mal von den kanpp 50 Ikea-Kisten absieht, die sich momentan im Wohnzimmer stapeln).
Auch das Leben ohne meinen Job bekommt mir besser als erwartet: Schreiben ist nach wie vor ein Grundbedürfnis, aber sich aussuchen zu können, wann man worüber schreibt, bietet erstaunlichen Komfort. Und die Geschichten liegen hier eben einfach auf der Straße, man muss sie nur einsammeln.
Als ich 2007 meine Magisterprüfung hinter mir hatte, hatte ich eigentlich beschlossen, nie wieder eine Uni zu betreten. Hätte ich das eingehalten, hätte ich hier viel verpasst. Nicht nur den meiner Meinung nach effektivsten Weg, Chinesisch zu lernen, sondern auch einen Haufen netter Leute aus aller Herren Länder. Kirsi und Ilona aus Finnland, Jannike und Daniel aus Schweden, Linda aus Tansania, Kim aus Korea, Yaroslav aus Russland oder Bilige und Mandaha aus der Mongolei: Jeder hat seine eigene, spannende Geschichte im Gepäck – auch wenn die Verständigung manchmal etwas holprig ist (einige sprechen kaum Englisch…).
Die chinesische Sprache selbst verlangt harte Arbeit, aber wenn man einen Zehn-Stunden-Bürotag gewöhnt ist, ist man offenbar doch ein bisschen besser organisiert als der durchschnittliche Student. Heute fragte mich mein Oral-Chinese-Teacher doch wirklich, warum mein Chinesisch so gut sei. Hallo?
Zwar beschränken sich meine Sprachkenntnisse noch auf Dinge wie “Ich heiße…, ich komme aus…, ich möchte bitte Äpfel/gebratene Nudeln/eine weiße Bluse kaufen und ich wohne in der Haier Green City”, aber man glaubt gar nicht, wie weit einen das im Alltag schon bringt.
Was den Umgang mit unserem Gastgeberland und seinen Bewohnern angeht, schwankt man immer ein bisschen zwischen Meditation (“Ommm, ich bin völlig entspannt und es ficht mich überhaupt nicht an, dass der kleine Mann mit der Zahnlücke, dem ungewaschenen Gesicht und der schlecht sitzenden Uniform am Schalter sagt, ich kann keine Kreditkarte haben weil ich kein Chinesisch kann, obwohl er vor zwei Wochen noch gesagt hat, das ist kein Problem, ommm”) und ur-deutschem Missiosstreben (“Ich erklär’ euch jetzt mal, warum man besser nicht nachts ohne Licht mit einem Elektrotoller auf der Autobahn gegen die Fahrtrichtung fahren sollte”, oder “Wisst ihr eigentlich, warum man das Fenster zu machen sollte, wenn die Klimaanlage respektive Heizung läuft?”). Dafür gibt es glaube ich keine Patentlösung, das werde ich weiterhin nach Tagesform entscheiden. Für die wohlmeinende Missionstätigkeit erntet man ohnehin selten mehr als ein verträumt-lächelndes Kopf-Wiegen.
Meine schlimmsten Befürchtungen jedenfalls, dass ich hier depressiv werden oder plötzlich anfangen würde, meinen Mann zu hassen weil er mich an diesen gottverdammten Ort gebracht hat, dass ich vor Sehnsucht nach Deutschland wahnsinnig werden würde – sind bisher nicht eingetreten. Klar fehlen Familie, Freunde und vertraute Umgebung. Aber: Dieses Abenteuer ist einfach zu groß, um nicht jede Sekunde davon mit offenen Augen zu erleben. (Alles andere wäre, um mit Erwin Pelzig zu sprechen, eine Gehirn-Burka mit extrem engen Denk-Schlitzen.)
Nach 100 Tagen habe ich hier noch meine Top-10-Erlebnisse in alphabetischer Reihenfolge zusammengestellt:
A wie Autounfall: Wie in Deutschland fahren die Chinesen in unserem Compound alle mit dem Auto in den Kindergarten, um ihr Kind abzuholen. Beide Seiten der engen Fahrbahn sind also zugeparkt. Leider führt mein Weg zum Fitnessstudio hier durch und natürlich kommt ein Auto entgegen. Ich will in eine winzige Lücke ausweichen, doch der Entgegenkommende hält in bester China-Manier weiter munter drauf und vor lauter Schreck lenke ich stärker ein als ich hätte dürfen. Der 7er BMW neben mir und unser Auto tragen ein paar Kratzer davon, die in Deutschland trotzdem ein paar tausend Euro gekostet hätten. Kostenpunkt hier: 1400 RMB (150-200 Euro).
B wie Backen: Ich habe mein erstes Brot gebacken. Mit Brotbackmischung vom Aldi und Brotbackautomat (war beides im Container) ist das fast ein bisschen arg einfach (nur Wasser dran und anschalten), schmeckt aber super. Auch einen Kuchen hab ich schon gezaubert. Das Abenteuerliche daran ist die Beschaffung der Zutaten. Sahne hab ich bisher erst in einem Laden gesehen, für zwei Euro die Packung. Den Ofen hab ich übrigens auch mitgebracht (danke Micha Scholz!), ein chinesischer Elektriker hat ihn mir von Stark- auf Normalstrom umgerüstet.
E wie Essen auf der Straße: ein tolles Erlebnis, das zeigt, dass man hier ein anderer Mensch ist als zuhause. Dort würde ich vielleicht eher nicht auf einem 30 Zentimeter hohen Hocker an einer Bushaltestelle sitzend und umgeben von Dreck Fleischspieße aus einer Plastiktüte essen, aber hier finde ich das klasse. Dazu zu empfehlen: Qingdao-Bier aus der 0,6-Liter-Flasche für drei Yuan (50 Cent).
E wie Explosion: Wie fast jeder in Jinan sind wir umgeben von Großbaustellen. Da eine davon am Hang liegt, muss immer mal gesprengt werden. Das geschieht dann vorzugsweise mitten in der Nacht (“Schatz, ich glaub, es ist Krieg”) und erschüttert nicht nur meinen Tiefschlaf, sondern das ganze Haus. Da denkt man schon mal drüber nach, wie lange man vom 18. Stock übers Treppenhaus ins Freie brauchen würde.
F wie fotografiert werden: Ich habe mir nie viel aus meinen Haaren gemacht. Sie sind halt blond und waren es schon immer (außer für die paar Jahre in meiner Jugend, in denen ich sie wahlweise rot, schwarz oder grün haben wollte). Die Chinesen aber finden meine Haare und überhaupt alles an mir (besonders noch Augen und Haut) einfach großartig und wollen daher immer mal gern ein Foto mir machen. Oder sie fahren mit ihrem Elektroroller fast einen Fußgänger um, weil sie mich anstarren. Bin gespannt darauf, wie es sich anfühlt, in Deutschland wieder eine von Vielen zu sein.
H wie Haushälterin: Verlangt 20 Yuan (2-3 Euro) in der Stunde, dafür fährt sie die eineinhalb Stunden aus dem Osten der Stadt mit ihrem Elektrofahrrad zu uns. Ist super süß, fleißig – und spricht kein Wort Englisch. Ich liebe sie.
I wie Ikea: Die größte Ikea der Welt in Peking ist unglaublich (siehe “Wer früher bremst, ist später in Peking”). Das eigene Staunen wird nur vom Staunen übers Staunen der Chinesen überboten. Schiere Größe ist etwas, woran man sich gewöhnen muss, wenn man aus dem in jeder Hinsicht “kleinen” Deutschland kommt. 1,3 Milliarden Menschen brauchen eben eine gewisse Infrastruktur.
K wie Kitsch: Die Chinesen lieben ihn und das wird jetzt in der Vorweihnachtszeit besonders deutlich, auch wenn sie eigentlich kein Weihnachten feiern (im Bild oben der Weihnachtsbaum in unserem vorübergehenden Zuhause, dem Sofitel. Sofakissen statt Christbaumkugeln, kann man schon mal machen).
P wie Pinkeln: Kinder tun es einfach auf der Straße und die erwachsenen Chinesen gerne bei offen stehender oder zumindest nicht abgesperrter Klotür. Ich glaube, sie sind es einfach nicht gewohnt, etwas allein zu tun, schließlich sind sie so viele.
Ü wie Überfall: Am Ende war’s doch nur ein Polizist, der uns nur vor einem betrügerische Schwarz-Taxifahrer schützen wollte (siehe “China und der Weihnachtsmann“)
Z wie Zugfahren: Der Schnellzug, der seit einiger Zeit in Jinan hält, ist unsere Lebensader geworden. Er bringt uns in eineinhalb Stunden nach Peking und in dreieinhalb nach Shanghai. Manchmal braucht man eben eine Auszeit vom “echten” China und muss in eine von Deutschen bevölkerte Kneipe gehen – oder auf einen deutschen Weihnachtsmarkt (siehe “China und der Weihnachtsmann“).
Und genau das, auf einen deutschen Weihnachtsmarkt gehen, werden wir tun in den nächsten Tagen in Nürnberg. China ist super, aber die Noris ist nun mal daheim und wir freuen uns riesig drauf. Zentraler Termin ist Freitag, 16. Dezember, ab 18 Uhr, am Hauptmarkt.










